gesichtet #74: Die Hochburg der Flaggen

Von Michel Schultheiss

Manch einer schaut bei der Schönaustrasse hoch, wenn er während Fussball- WM bei diesem Mehrfamilienhaus vorbeifährt. In der Abendsonne leuchten die vielen Farben der Fahnen, die bei dieser Gelegenheit wieder gehisst werden. Was relativ untypisch ist für Basel, gibt’s hier wie Sand am Meer: Trikolore und Schweizerkreuze flattern an den Balkonen, daneben wehen die Fahnen Deutschlands und Kroatiens. Passend zum WM-Resultat ist diejenige Spaniens etwas eingewickelt. Die Weltmeisterschaft scheint aber nicht das einzige Kriterium für den bunten Wettstreit an den Balkonen zu sein: Auch die Flaggen Tibets und Kosovos haben sich daruntergemischt, ebenso der Banner einer Biermarke aus Costa Rica – Hauptsache, man schreibt sich etwas auf die Fahne.

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Hier wird das Fähnlein hochgehalten: WM-Stimmung an der Schönaustrasse (Foto: smi).

Eigentlich hat das Zeigen von Flaggen im Kleinbasel eine gewisse Tradition. Jedes Jahr im Januar sieht man schliesslich die Banner der Ehrengesellschaften an manchen Fenstern und ansonsten gehören die rot-blauen Vereinswappen des FC Basel zum Inventar der Stadt. In Sachen Fussball-Patriotismus stechen aber die Balkone an der Schönaustrasse heraus. Längst ist das Motiv daher zu einem dankbaren Symbolbild für die Zeitungen geworden: Stets wenn von der Vielzahl an Nationalitäten die Rede ist, kann das Foto aus dem Sack gezogen werden.

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Auch Tibet und eine Biermarke aus Costa Rica nehmen an der WM teil (Foto: smi).

Weshalb sich das Haus in der Nähe des Badischen Bahnhofs zu einem Hort von Wimpelfreunden mausern konnte, ist nicht ganz klar. Auch ein junger Vater, der im Haus wohnt, ist sich nicht ganz sicher, wie lange hier schon geflaggt wird. «Jemand hat da mal angefangen – und wie es halt so läuft machte es der eine dem anderen nach», sagt der Italiener. «Früher hat es aber noch mehr Flaggen gehabt». Es sei halt ein «Multi-Kulti-Haus» sagt er lachend und im Gegensatz zu einem zornigen nationalkonservativen Leserbriefschreiber verwendet er das Wort nicht etwa abschätzig. Sein Balkon ist jedoch mittlerweile fahnenfrei: Nach dem Ausscheiden Italiens aus der WM hat er seine Banner diskret wieder eingerollt.

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(Foto: smi).