Der Strahler – Kurzgeschichte von Adam Schwarz

Ein paar Tage vor Weihnachten erscheint bei «Zeitnah» eine nicht ganz vorweihnachtliche Geschichte: Adam Schwarz‘ Strahler ist auf der Suche nach einem Geschenk in Form eines Kristalls – er wird fündig, doch nicht so, wie er sich dies vorgestellt hat. Viel rätselhafter ist aber die Frage: Wer spricht?

Von geheimnisvoller Schönheit: In Adam Schwarz' Geschichte geht es um mehr als nur Kristallsuche. zVg

Von geheimnisvoller Schönheit: In Adam Schwarz‘ Geschichte geht es um mehr als nur Kristallsuche. zVg

Von Adam Schwarz

Seine Füsse stapften über den feuchten Waldboden, seine Hände schlackerten durch den Nebel. Es war kein guter Morgen zum Strahlen, sicher, aber seit er Witwer geworden war, vor fünf Jahren wird es gewesen sein, kam er immer am Martinstag ins Irrlital, um zu strahlen. Und ich mit ihm. Auch wenn ich immer Abstand zu ihm hielt, um ihn nicht zu erschrecken.

Ich erinnere mich gut an das Jahr davor: Da hatte er es zum ersten Mal in der Höhle versucht und ihr nach Stunden einen Bergkristall abgerungen. Mit dem war er gleich auf den Friedhof gefahren. Dort hatte er ihn mit Heissleim auf den Grabstein geklebt. Vielleicht war die Idee, jedes Jahr einen Kristall hinzuzufügen, bis das Grab nachts stachelbewehrt im Mondlicht glitzern würde.

Der Weg stieg an. Während ich von fern zusah, wie er den Pfad hinaufstieg, blieb sein Renault auf dem Parkplatz zurück. Nur ein grauer Geländewagen leistete ihm noch Gesellschaft. Der Wald schien ohne Geräusche auskommen, schien bloss aus seinen Schritten zu bestehen. Kein Vogel, nicht einmal der Wind lenkten ihn von seinen Gedanken ab. Er schnallte sich den Rucksack enger an den Leib. Er schien zu frösteln. Die Tannen boten keine Wärme. Sie wandten ihm nur ihre Rindenrücken zu. Standen in dichten Reihen, die Äste starr in den Morgenhimmel. Eine Holztreppe riss ihn hoch. Das Geländer war mit Tautropfen besetzt. Auf den Stufen wucherte Moos. Als er oben ankam, zerschnitt plötzlich ein Gesicht den Nebel. Ein Mann trat hinter einer Fichte hervor. Auf seinen grauen Koteletten sammelte sich Feuchtigkeit. Über der grünen Jacke hing eine Flinte an einem Lederband. Ein Jäger. Als er ihn ansah, wich der Jäger seinem Blick aus – er sah wohl lieber die Bäume an – und verschränkte die Arme. «Guten Tag», sagte ihm der Mann, aber die Worte schienen nicht anzukommen. Der Jäger sah nur an ihm vorbei und liess die Fingernägel über die Kopfhaut kratzen. So blieb ihm nichts übrig, als weiter zu gehen.

Der Pfad führte ihn bald an eine Stelle, an der der Wald lichter wurde. Linkerhand war ein Bach zu sehen, der ins Tal hinunter schoss. Das Wasser trieb auf seine Bestimmung zu wie wir alle. He, rief da eine Stimme. Er blieb stehen und drehte sich um, doch es war niemand zu sehen. So ging er bis zum Wegweiser weiter. Den kannte er bereits. «Bergweg» hiess es darauf. Er zögerte nicht. Der Weg führte am schnellsten zur Felswand hoch. Mir schien, dass er schneller ausser Atem geriet als letztes Jahr. Er wurde älter, seine Muskeln schlaffer, die Knochen zerbrechlicher. Da konnte er nichts machen. Da konnte niemand etwas machen. Womöglich war selbst seine Haut dünner geworden. Und das, nachdem er so lange daran gearbeitet hatte, sie dicker werden zu lassen.

Er rutschte aus. Ich sah ihn hinfallen. Ein Stein war schuld. Seine Flüche verklangen im Nebel. Ausser mir hörten es vielleicht einige Krähen, die den Herbst über hiergeblieben waren, aber denen waren die Schreie gleich. Früher, als ich noch nicht dermassen verkommen war, wie ich es inzwischen bin, als ich es noch nicht nötig hatte, ihm heimlich zu folgen, hätte ich seinen Schmerz bestimmt in den eigenen Knien gefühlt. Aber das war früher gewesen, und «früher» lag weit, weit jenseits der Gipfel des Tals.

Der Mann rappelte sich wieder auf, ohne nachzusehen, ob die Knie bluteten. Darauf schniefte er, kratzte sich am Schnurrbart und liess sich Wasser in die Kehle laufen. Dann sah er zum Berg hoch, der aus dem Nebel ragte, und setzte sich wieder in Bewegung.

Er kam bis zu einem Stück Weideland. Das vertrocknete gelbe Gras hatte die Morgenfeuchtigkeit aufgesaugt, aber das half ihm auch nicht mehr, es war nun einmal tot und würde tot bleiben müssen bis zum Frühling. Der Pfad führte mitten über die Weide, an einem schwarzen Holzetwas vorüber. Es war ein Heuschober. Als er sich ihm näherte, wuchsen drei Gestalten aus der Erde, drei weitere Jäger. Sie kauerten auf Klappstühlen, die Armeerucksäcke im Gras, die Flinten auf den Knien. Er wollte passieren, ohne ein Wort zu wechseln, doch der Jäger, der in der Mitte sass und selbst im Sitzen gross aussah, hielt ihn auf. «Wohin so früh?»

Er antworte, er wolle zum Strahlen. Die beiden, die aussen sassen, blickten den Jäger in der Mitte an. Der verzog den Mund und meinte, er hätte nie verstanden, was die Leute mit den Kristallen hätten. Lieber einen Rehbock, den könne man wenigstens essen.

«Der verreckt dir ja unter der Nase. So ein Kristall hält ewig», sagte er. Und ging davon.

Der Jäger rief ihm nach, er solle vorsichtig sein. Er klang besorgt, besorgt, wie nur Leute klingen können, die nicht gerne zugeben, besorgt zu sein. «Wollen Sie mir für den Fall der Fälle nicht die Nummer geben?», rief der Jäger. Aber er hatte kein Handy dabei. Jedenfalls gab er an, keines dabei zu haben. Es sei kein guter Tag zum Strahlen heute, rief ein anderer ihm nach.

Mein Zeitgefühl wird von Winter zu Winter schlechter. Zwanzig, vielleicht dreissig Minuten später mag es gewesen sein, als er sich vom Weg abwandte und einen Kieshang hinaufging. Die Feuchtigkeit machte die Steine noch heimtückischer. Er musste seine Hände zu Hilfe nehmen, um nicht zu stürzen. Als er etwa in der Mitte des Hanges war, hörte er einen Schuss. Dann noch einen. Sie verhallten nur langsam, hockten eine Weile im Fels.

Jetzt hatten sie ihr Reh. Ich beobachtete, wie sich die Jäger um das tote Tier versammelten, das im Nebel lag mit stumpfen Augen, wie sie ihm die Kugel aus dem Bauch schnitten, das dunkle Blut abwischten und das Reh zum Wagen trugen. Die Jäger würden es auf den Rücksitz hieven, sodass seine Augen aus dem Fenster blicken und ein letztes Mal die Tannen widerspiegeln konnten.

Der Mann war inzwischen oben angelangt, wo der Hang abflachte und auf die Felswand zuging. Die lag nun vor ihm. Er strich mit beiden Händen über den Stein. Da bin ich wieder, sagte er. Der Berg erwiderte nichts. Weiter rechts lag der Höhleneingang, er sah gleich aus wie im Jahr zuvor. Er schnallte sich den roten Helm um, schaltete die Stirnlampe ein und verschwand als Lichtfaden im Dunklen.

Ich folgte ihm. Er sah mich immer noch nicht. Wie üblich gab es keine Spuren im Inneren, nicht einmal Tierkot. Vielleicht ahnte er, dass die Höhle nur für ihn da war. Dass sie sich nur einmal im Jahr für ihn auftat, ganz so, wie die Toten nur einmal im Jahr über den Aletschgletscher ziehen. Vielleicht verbat er sich auch, solchen Gedanken nachzuhängen.

Drinnen gab es kaum Geräusche. Nur seine Schritte, seinen flachen Atem und das Rinnen des Wassers über die Felswände. Nachdem er sich noch tiefer in der Höhle gebohrt hatte, wo sich der Weg zu senken begann und es gar kein Tageslicht mehr gab, fand er die Stelle wieder, an der er letztes Mal gearbeitet hatte. Er hatte sein Pannendreieck dort liegen gelassen, das jetzt das Licht seiner Lampe erwiderte. Er nickte ihm zu. Dann liess er den Rucksack in den Schlamm fallen, suchte den Eisenschlegel heraus und begann prüfend gegen den Stein zu klopfen. Nach einer Weile hörte er auf, fand einen Keil im Rucksack und steckte ihn in die Felsspalte. Als sie sich zu weiten begann, wurden seine Schläge fester und regelmässiger. Er lächelte, obwohl ihm dabei Steinstaubgegen die Zähne spritzte.

Später sank er erschöpft auf den Boden und nahm ein Sandwich aus der Tasche. Obwohl er es in Alufolie eingewickelt hatte, waren Steinkrümel hineingerieselt. Kleine Stücke Berg hatten sich auf der Zopfscheibe versammelt wie die Sterne am Winterhimmel, sodass es beim Beissen zwischen den Zähnen knackte. Die Arbeit hatte ihn derart hungrig gemacht, dass er das kaum registrierte. Noch einen Schluck Wasser nahm er, dann fuhr er fort.

Unter den Schlägen seiner Arme lösten sich Millionen von Jahren Arbeit auf. Kontinente hatten sich zusammenschoben, Mineralien abgelagert und die Erde sich gefaltet wie ein Papierbogen, nur, damit er gegen diese Felswand hämmern konnte. Er arbeitete, bis er fand, wonach er gesucht hatte. Nun galt es, den Kristall freizulegen. Er pustete den Steinstaub davon. Er flog ihm ins Gesicht und vermischte sich mit dem Schweiss auf seiner Stirn, aber das sah ja niemand, das sah er nicht einmal selbst, nur ich habe es beobachtet, aber ich weiss nicht, ob ich noch jemand bin.

Schliesslich liess er den Schlegel fallen und klemmte sich die Handschuhe zwischen die Beine, um sie sich abzustreifen. Dann fuhr er mit der nackten Hand über die Kristallwand. Ich rief ihm zu, er solle keine Angst haben, doch er hörte mich nicht, noch nicht. Er hatte ja auch noch keine Angst in dem Moment. Seine Hände kreisten über die kantige Oberfläche. Dann seufzte er und wollte die Hand zurückziehen, wohl, um den Schlegel zu holen. Aber das ging nicht. Sie war mit der Wand verwachsen.

Sein Mund erging sich in wüsten Zuckungen. Ich hörte, wie er Gott lästerte, an den er doch nie geglaubt hatte. Seine Beine stemmten sich gegen den Felsen, aber vergebens: Die Handfläche klebte an der Wand.

Einen Moment stand er einfach da. Sein Blick suchte im Lampenschein nach einer Antwort und fiel auf die Hand: Mit einem knisternden Geräusch begannen sich Blasen auf dem Handrücken zu bilden, die platzten und zu Kristallplättchen erstarrten. Seine Hand färbte sich von den Fingerspitzen an weisslich. Ich hörte ihn schreien, aber nicht vor Schmerz oder Schreck. Es war ein Freudenschrei. Sein Körper und der Berg waren eins. Ich rief seinen Namen. Sein ganzer Unterarm war weiss angelaufen. Auch unter dem Stoff seiner Fleecejacke begann es zu knacken. Der Nacken trübte sich. Ich rief erneut, und nun hörte er mich. Wandte mir unter grosser Anstrengung den Kopf zu. Nun sah der Mann, mein Mann, mich endlich. Der Lichtkegel seiner Lampe schien durch meinen Körper. Unsere Augenpaare fanden einander wie vormals im Morgenlicht. Sein Mund formte meinen Namen, aber er brachte kein Wort mehr heraus. Seine Zunge musste bereits versteinert sein. Ich verfolgte das Schauspiel, bis es vorüber war. Seine Stiefel begannen zu platzen, weil seine Mineralfüsse zu gross dafür wurden. Seine Jacke riss am Rücken, seine Augen hörten auf zu glänzen. Als selbst seine Lampe aufgehört hatte, zu leuchten, verliess ich die Höhle und sah von der Krone einer Fichte aus zu, wie sie langsam zuwuchs.

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