Rezension zu Dominik Riedos «Mein Herz heisst dennoch»

In seiner Aufsatzsammlung «Mein Herz heisst ‹Dennoch›» zeigt Dominik Riedo einen Längsschnitt durch die Literaturgeschichte und durch sein eigenes literarisches Schaffen.

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Dominik Riedo weckt den Hunger, das Werk der Porträtierten zur Hand zu nehmen – somit leistet er einen Beitrag zum Nachruhm der porträtierten Literaturmenschen.

 

von Andrea Gian Mordasini

Der Schweizer Schriftsteller Dominik Riedo hat im Spätsommer 2014 unter dem geheimnis- und verheissungsvollen Titel «Mein Herz heisst ‹Dennoch›» einen Sammelband mit eigenen Aufsätzen herausgebracht. In diesem bei Pro Libro erschienenen, rund 200 Seiten starken Buch sind in der Klammer des oft schwierigen, zweifelnden und nicht selten leidvollen Daseins von Schreibenden literarische Porträts verschiedener «Literaturmenschen», wie sie Riedo im Vorwort nennt, versammelt.

Genauso, wie es sich bei den Porträtierten um Zeugen verschiedener Epochen und Stile der letzten 200 Jahre der Literatur- und Philosophieproduktion handelt, stammen die Aufsätze – teils wurden sie bereits früher publiziert, teils sind es Erstveröffentlichungen – aus den verschiedenen bisherigen Phasen des schriftstellerischen Lebens des 40-jährigen Dominik Riedo. Diese doppelte zeitliche «Uneinheitlichkeit» der nun erstmals zwischen von zwei Buchdeckeln versammelten Aufsätze und Artikel (erschienen/verfasst von 2000 bis dato) ist nicht etwa eine Schwäche, sondern eine Stärke: Erst durch die «Versammlung» der literarischen Porträts in einem Buch wird einerseits ein vergleichender Einblick in verschiedene Epochen und Phasen der Literaturgeschichte und andererseits in das Schaffen Riedos ermöglicht. Die Porträts zusammen vorzufinden gibt der Leserschaft Gedankenanstösse, Gemeinsamkeiten und verbindende Elemente in den Leben und Zeiten der Porträtierten zu suchen und zu finden. Dadurch tritt die Verwobenheit von politischen, gesellschaftlichen sowie kulturellen Strömungen und einem jeweiligen Einzelschicksal eines Menschen in seiner jeweiligen Zeit stark hervor. Andererseits werden epochenübergreifende, verbindende Elemente im Dasein der kulturell Produktiven sichtbar: Dass der Lebensentwurf des produzierenden Daseins in der Regel zu allen Zeiten zu einem ringenden, leidenden und nicht selten gar tragischen Lebensverlauf führt, bringt Riedo im Vorwort, quasi als Motto der vorliegenden Aufsatzsammlung, selber treffend auf den Punkt: «Man lebt oder kann ein Werk hinterlassen.» Die Darstellung dieser Erkenntnis gelingt dem Autor nicht theoretisch-trocken und rein analytisch, sondern stilistisch vielfältig und aus verschiedenen Blickwinkeln durch den biografischen Zugang zu Leben und Werken von sowohl klingenden Namen (wie zum Beispiel Friedrich Nietzsche oder James Joyce), über wohl eher weniger bekannte Autoren (wie z.B. Wolf von Niebelschütz oder Uwe Johnson) bis hin zu Trouvaillen (wie der einzigen weiblichen Vertreterin in dieser Portraitsammlung: Isabelle Adriana Kaiser). Obwohl es sich durchs Band um tragische Berichte aus den Leben von «Andersartigen» handelt, sind in einigen der Aufsätze tolle Sprach- und Wortspiele aus der Feder Riedos zu finden, einiges an Witz und Humor vorhanden, so dass trotz der Grundschwere der Thematik auch durchschimmert, wie viel Freude das literarische Schaffen und Ringen (und selbstredend natürlich auch das Lesen!) bringen kann.

Die Wahl der Prismen der Einzelschicksale öffnet jeweils eine individuelle Perspektive auf die grossen Fragen einer Zeit oder der conditio humana an sich (also: Fragen zeitloser Natur). Die einzelnen Menschen und ihre dramatischen Schicksale, die Riedo im Zeitstrom auftauchen lässt, um sie dann wieder verschwinden zu lassen, damit Raum für die nächste Persönlichkeit geöffnet wird, sind ein interessanter und angenehm zu lesender Zugang zu grossen Fragen unseres Daseins (und den – in Form von Gedachtem, aber auch oftmals durch Lebenstaten – in den letzten 200 Jahren gefundenen Antworten oder zumindest Formen des Aushaltens der menschlichen Existenzbedingungen).

Insgesamt kann dieses tiefgründige, echt philosophische Werk auch einer über die Germanistik- oder Philosophiekreise hinausgehenden, allgemein interessierten Leserschaft empfohlen werden. Einzige Voraussetzung zur ungetrübten Freude an Riedos Einblicken in Leben und Werke von Literaturmenschen ist, dass der oder die Lesende sich auf streckenweise sehr hochstehende und damit nicht selten komplizierte Formulierungen einlässt und bereit ist, den einen oder anderen Satz zweimal zu lesen. Ist dem nicht so, dürften einer zu ungeduldigen Leserschaft einige der wunderbaren, immer wieder in die einzelnen Texte eingestreuten Sprachspielereien oder verborgenen Anspielungen sowie die vielerorts vorhandenen tiefergehenden Ebenen verborgen bleiben.

Neben den auf offensichtlich fundierten Recherchen basierenden Fakten zu den Leben und Zeitepochen der einzelnen Porträtierten, der hochstehenden und kreativen Sprachverwendung sowie der stilistischen Vielfalt besticht das neue Werk von Riedo auch optisch. So ist das lockere Layout für diese Art der Publikation sehr passend und die Bilder der Portraitierten laden zum Verweilen und Zurückblättern ein. Auch die unterschiedliche Länge der Texte als Sammlung (von generell kürzeren Texten) ist stimmig: Dies erlaubt es den Lesenden, häppchenweise in ein Leben, eine Zeitepoche oder ein Denkgebäude einzutauchen und das Gelesene in gut verdaubaren Portionen sich zu Gemüt zu führen; ausserdem macht das einzelne Häppchen Appetit auf das nächste (nicht selten verführen insbesondere die sorgfältig gewählten Titel und Untertitel der einzelnen Porträts zum Weiterlesen).

Last but not least weckt Riedo den Hunger, das Werk des einen oder der anderen Porträtierten im Original zur Hand zu nehmen – somit leistet er direkt einen Beitrag zum Nachruhm der porträtierten Literaturmenschen, die nicht selten (auch) diesen als Sinn für ihr Ringen mit ihrem Schicksal sahen: Am Ende sind es die Texte, die nach dem Tod bleiben.

«Mein Herz heisst ‹Dennoch›»
Verlag Pro Libro
200 Seiten, broschiert, 29 Franken
ISBN 978-3-905927-39-9

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