gesichtet #94: Spielzeiten im Gellert

Von Michel Schultheiss

Pippi Langstrumpf, Tom Sawyer, Huckleberry Finn und Michel aus Lönneberga sind bekanntlich nicht im Basler Gellert-Quartier aufgewachsen. Wäre dem so gewesen, so hätten die Kinderbuchhelden wohl als Erstes gegen die Beschilderung am Christoph Merian-Platz rebelliert. Dort gelten nämlich eiserne beziehungsweise steinerne Regeln: Die Spielzeiten stehen auf dem Vorplatz der Gellertkirche im wahrsten Sinne des Wortes, wie zu Moses Zeiten, in Stein gemeisselt: Montag bis Samstag 10 bis 12 Uhr beziehungsweise von 14 bis 21 Uhr.

Spielzeiten am Christoph Merian Platz

Im wahrsten Sinne des Wortes in Stein gemeisselt: Spielzeiten für Spätaufsteher und Siestabefürworter (Foto: smi).

Auch wenn der Frühaufsteher noch immer als Ideal einer leistungsorientierten Gesellschaft gilt: Am Morgen wird gefälligst nicht gespielt. Immerhin wir hier aber noch die Siesta hochgehalten. «Am siebten Tag sollst du ruhen» gilt hier auch für Skater: An Sonn- und Feiertagen müssen sie ihre Bretter im Schrank lassen. Womöglich hört man sich lieber am Wochenende Nachbars Rasenmäher oder Bohrmaschine an. Lachende und schreiende Kinder oder Rollgeräusche auf dem Asphalt – das geht aber gar nicht.

Skateverbot

Werktagsskaten ist wenigstens erlaubt: Das in Basel wohl einzigartige Schild am Christoph Merian-Platz (Foto: smi).

Pippi Langstrumpf hätte wohl die Vorschriften erst recht als Einladung verstanden, den Bären steppen zu lassen: Vielleicht wäre sie sonntags nicht auf einem Skateboard, sondern gleich mit ihrem Pferd oder einem auf dem Schrottplatz zusammengebastelten Fluggerät angetanzt gekommen, um den Anwohnern um den Kopf zu sausen. Michel von Lönneberga wäre womöglich mit einer vollen Ladung Feuerwerk aufgefahren, während Tom Sawyer gleich vor der Kirche seine Heilzauber gegen Warzen ausprobiert hätte

Heute sind’s andere Beschäftigungen als diejenigen aus den Kinderbüchern. Sie werden toleriert, doch stets im kontrollierten Rahmen – dann, wenn’s Erwachsene bestimmen. Pippi Langstrumpf, immerhin ein Idol der Anarchisten, würde sich wohl heute gegen diese Formen der Disziplinierung auflehnen.

Skateverbot 52

Die Antwort der St. Alban-Gang vor ein paar Jahren (Foto: smi).

Immerhin wird der Christoph Merian-Platz auf der Seite des Erziehungsdepartements wird der Platz als idealer Ort für Skater und Basketballspieler vorgestellt. Auch dort werden die Vorschriften festgehalten. Die Schilder gaben anscheinend schon Mal Anlass zu Ärgernissen. Vor über drei Jahren hinterliess etwa eine St. Alban-Gang (wenn es die auch tatsächlich gibt) ihre Unterschrift. Mit der Postleitzahl des Quartiers zeigte die Bande, die anscheinend auch im noblen Viertel existiert, ihre Präsenz. Auch beim Skateverbotsschild wurde dem Ärger freien Lauf gelassen. Mittlerweile wurden die Schilder wieder blankgeschrubbt – die grauen Betonblöcke mit den Spielzeiten haben aber etwas Farbe abbekommen.

Skateverbot 2

So weit kommt’s noch: Eine Antwort auf das Skateverbot aus dem Jahr 2011 (Foto: smi).

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.