Das Brotmesser – Kurzgeschichte von Miriam Suter

In der Kurzgeschichte «Das Brotmesser» von Miriam Suter nimmt ein leidenschaftsloser Morgen mit Zopf und Kaffee eine unerwartete Wendung.

Brotmesser

«Sie nahm das Brotmesser, an dem noch Zopfkrumen klebten, und setzte sich damit aufs Bett. Sie befühlte mit ihren tauben Fingern die Klinge und merkte, wie das Gefühl in ihre Hände zurückströmte» (Foto: smi).

Von Miriam Suter

Juliette wachte eines Morgens auf und hatte ihre Leidenschaft verloren. Als sie ihre Augen öffnete, spürte sie, dass jegliche leidenschaftlichen Gefühle ihren Körper über Nacht verlassen haben mussten. Ihre Arme lagen müde und schlaff neben ihrem Körper, schienen gar in der Matratze zu versinken, ihre Fingerspitzen fühlten sich an wie von Sedativen geflutet. Juliettes Füsse waren eiskalt. Das war zwar nichts Aussergewöhnliches an einem Novembermorgen in einer Wohnung, in der die Heizung erst Anfang Dezember anspringt, aber an diesem besonders leidenschaftslosen Morgen konnte Juliette kaum ihre Zehen bewegen.

Sie beschloss, aufzustehen. Leider musste Juliette feststellen, dass nicht nur ihre Arme und ihre Füsse, sondern auch ihr gesamter Oberkörper seine Leidenschaft verloren hatte, und so fiel ihr das Aufstehen an diesem Morgen ganz besonders schwer und verlangte ihr ein Höchstmass an körperlicher Anstrengung ab. Schnaufend kam sie im Bad an und schaute in den Spiegel, aus dem ihr eine ausgelaugte Visage mit Augenringen entgegenblickte. Juliette versuchte zu denken: «Ja gut, mit 34 sieht man nach zu wenig Schlaf nun einmal nicht mehr so frisch aus wie mit 18», oder was auch immer man so denkt in dieser Situation, denn auch Juliettes Hirn, ihre Gedanken waren matt und träge, und so dachte sie nur: «Schade.»

Sie drehte das Wasser auf und aus dem Duschkopf strömte bald schon heisses Wasser, von dem sich Juliette Besserung versprach. Sie liess sich das Wasser auf Haare, Schulterblätter, Pobacken und Fesseln prasseln, während sie an graue Tage unter Nebelschleiern Rahmglacé ohne Geschmack dachte. Sie stieg aus der Dusche und fühlte sich nicht weniger dumpf als zuvor. So beschloss Juliette, das einzig Vernünftige zu tun, was an einem solchen Morgen zu tun blieb. Sie zog sich an, türmte die nassen Haare mitten auf ihrem Kopf auf und ging in die Küche. Das taube Gefühl strahlte mittlerweile aus ihren Fingerspitzen zu ihren Ellbogen hinauf und es fiel ihr schwer, den Anstellknopf der Kaffeemaschine zu drücken. Ihre Fersen und Fusssohlen versanken zwar in den weichen Fasern des Perserteppichs, der vor dem Esstisch auf dem Holzboden lag, spüren konnte sie aber nicht viel. Mittlerweile hatte das Kribbeln nach Fingern und Ellbogen langsam Juliettes rechtes Schlüsselbein erreicht. Die Kaffeemaschine piepste um anzuzeigen, dass Kaffee gemacht werden könnte wenn man wollen würde. Juliette wollte und füllte das Sieb mit Kaffeepulver. Während das kochende Wasser durch Sieb und Pulver kroch und die Maschine dabei zischte und fauchte, nahm Juliette das Brotmesser aus der Schublade und schnitt sich ein Stück Zopf ab. Sie legte das Brotstück auf einen Teller und trug alles zusammen mit der Kaffeetasse ins Wohnzimmer, wo sie sich auf den Stuhl setzte, von welchem aus man die schönste Aussicht über die Stadt hatte. Sie blickte aus dem Fenster zu den Häusern auf dem Hügel, der auf der anderen Seite des Flusses lag, in deren Fenstern sich die Morgensonne spiegelte. Sie tänzelte auf den Wellen des Flusses und badete die Stadt, Juliettes Stadt, in ein mandarinenfarbenes Licht. Die Stadt schien die letzte Nacht besser weggesteckt zu haben als Juliette. Sie biss ein Stück Zopf ab und formte in ihrem Mund daraus mit der Zunge einen klebrigen Teigball. Der Kaffee lag heiss und bitter in Juliettes Zopfmund. Sie dachte an tote Tauben an Strassenrändern und an farblich undefinierbare Schneereste an Autofelgen.

Nachdem sie das Zopfstück aufgegessen und den Kaffee ausgetrunken hatte, stellte Juliette die Tasse auf das Fensterbrett und ging in die Küche zurück – die Stadt badete derweil weiterhin in goldenem Licht und machte sich bereit für den Tag. Hier drinnen fühlte sich alles farblos an, alles war in der Tat farblos, auch Juliette selbst, ihre Haare, ihre Haut, ihre Zähne, die Nagellackfarbe auf ihren Zehennägeln, alles hatte eine Einheitston angenommen und schien ineinander zu verschmelzen. Sie nahm das Brotmesser, an dem noch Zopfkrumen klebten, und setzte sich damit aufs Bett. Sie befühlte mit ihren tauben Fingern die Klinge und merkte, wie das Gefühl in ihre Hände zurückströmte. Ihr Unterleib zog sich zusammen, ihre Innereien schienen sich auf etwas zu freuen, Juliette erschrak etwas ob der plötzlichen Gefühlsregung ihres Körpers, ihr Plan schien aber aufzugehen. In ihrem Kopf explodierten Farbbomben, sie dachte an Frühlingswiesen, an junge Kaninchen, Juliette dachte an Rockkonzerte, an Blowjobs und an bequeme Unterwäsche, sie dachte an Mohnkuchen und glasierte Donuts, ihre Gedanken flitzten vom Geruch alter Bücher zu Bob Dylans Locken, von dem Duft vom Sommerregen zu dem von Kürbissuppe und schliesslich dachte Juliette daran, an einem Samstagmorgen aufzuwachen und zu meinen, es sei Montag und dann merken zu müssen, dass Samstag ist. Von ihrer Leber aus tobte ein Endorphinsturm durch Juliettes Körper, der seinen Höhepunkt an ihrem Haaransatz fand und ihr die letzte nötige Kraft gab, um sich das Brotmesser in den Bauch zu rammen. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so lebendig gefühlt.

(Als Juliette das warme Blut über die Finger rann, versteiften sich ihre Mundwinkel zu einem Lächeln, das dem Bestatter, der einige Stunden später in ihre Wohnung schlurfte, ein seltsam wohliges Gefühl bescherte.)

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