Heimat ist Prunkkammer Gottes und Irrgarten des Teufels: Filmkritik zu «Danioth – der Teufelsmaler»

Von Tanja Hammel

Der Urner Filmautor Felice Zenoni, der in Zürich lebt und seit über zwanzig Jahren Filme in der Schweiz und im Ausland dreht, hat über drei Jahre lang akribisch in Archiven und Sammlungen recherchiert. Anhand des bedeutendsten Urner Künstlers Heinrich Danioth (1896-1953) hat er seinen «ganz persönlichen Heimatfilm» gedreht.

(Bild: www.meschuggefilm.ch)

«Danioths Kunst ist nämlich alles andere als Heimatmalerei. Er suchte nach der Essenz des Menschseins. Seine Porträts von Bauern, Wegknechten, Kuhhirtinnen und Holzern zeigt das alltägliche Ringen des Menschen mit der umgebenden Natur» (Bild: www.meschuggefilm.ch)

Der biographische Dokumentarfilm basiert, anders als Verliebte Feinde (2012), nicht auf nachgespielten Szenen. Er kommt dank dem Werk Danioths, Interviews und Landschaftsaufnahmen ohne diese aus. Zentral sind die Zeitzeugeninterviews mit seinen Töchtern Madeleine und Cilli Danioth, die 12 und 14 Jahre alt waren als ihr Vater 1953 plötzlich an einer erfolglosen Hirntumoroperation verstarb. Diese werden ergänzt von anderen Zeitzeugen wie ihrem Schulkameraden, dem Publizisten Karl Lüönd oder dem Danioth-Konkurrenten Hans Erni. Experten wie die Direktorin des «Haus für Kunst Uri», Barbara Zürcher, und der Kunsthistoriker Beat Stutzer, der einige Essays und Bücher über Danioth publiziert hat, kommentieren den Querschnitt durch Danioths vielseitiges Werk. Inspiriert von Danioths Zitaten wie «Die Texte wie die Bilder wurden von derselben Feder aufgezeichnet. Nach Lust und Einfall fiel sie aus der Mitte an den Rand des Blattes und wechselte derart vom Zeichnen her zum Worte» und «Malen heisst Literatur überwinden», schuf Zenoni diesen Film. Er folgt der biographischen Entwicklung des Künstlers und Schriftstellers und reichert die visuellen Eindrücke mit einer Collage aus Tagebucheinträgen, Briefauszügen sowie literarischen Texten an. Vertont hat Danioths Stimme der in Uri aufgewachsene Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart. Ergänzt werden die Zeitdokumente mit schönen Landschaftsaufnahmen aus dem Kanton Uri, die jeden Zuschauenden bezirzen und einladen den Transit-Kanton mit anderen Augen zu sehen.

Danioth brach mit 16 die Schule ab, verbrachte kurze Studienaufenthalte in Rom, Basel und Karlsruhe und liess sich 1927 in Uri nieder. Dort arbeitete er als freischaffender Künstler und Mitarbeiter der Satirezeitschrift Nebelspalter. Neben unentgeltlichen Aufträgen für die «Nächstenliebe», für Samichlaus und Fasnacht, schrieb Danioth das «Urner Krippenspiel», das die Künstlergruppe «Gelb-Schwarz» 1945 mit Marionetten inszenierte und das zum Hörspiel wurde und damit Generationen von Urnern und Urnerinnen durch die Kindheit begleitet hat. Ebenso war Danioth in den 20er Jahren mit dem Akkordeon an der Komposition der Urner Hymne Zogä-n am Bogä beteiligt. Diese für Uri bedeutenden Nachlässe haben Danioth aber finanziell sehr wenig eingebracht. Auch hatte es zeitlebens Kritik von Zeitgenossen, die seine Kunst nicht verstanden, auf ihn gehagelt. Das Leben des Künstlers war alles andere als einfach.

Einen besonderen Fokus legt Zenoni aber auf die Wandmalerei, die Danioth ebenfalls sehr am Herzen lag. Dort konnte er zeigen was er konnte und ein breites Publikum adressieren. Ausserdem erlaubte sie ihr, dass er sich ins kollektive Gedächtnis der Schweiz einmalen konnte. Wer kennt ihn schon nicht, den Teufel an der Schöllenenschlucht? Aber wie bei Sophie Taueber-Arp, der Künstlerin auf der 50-Franken-Note, die kaum erkannt wird, weiss auch kaum jemand, wer hinter dem Teufel steckt. Gezeigt werden die Wandbilder im Tellspielhaus Altdorf, am Bundesbriefmuseum Schwyz, auf dem Altdorfer Friedhof, im Schulhaus Bernarda und im Wartsaal (heute ein avec-Shop) des Bahnhofs Flüelen.

Leider werden die Wandbilder im Schweizer Pavillon der Weltausstellung in Paris 1937, im Landwirtschafts-Pavillon der Landi Zürich 1939, am Volg-Gebäude in Winterthur 1943, und an der Eidgenössischen Alkoholverwaltung in Bern 1949 kaum erwähnt. Auch die Werke in Sammlungen wie dem Kunstmuseum Luzern, dem Aargauer Kunsthaus, Aarau, dem Bündner Kunstmuseum, Chur, der Schweizer Eidgenossenschaft in der Bundeskunstsammlung in Bern sowie der Graphischen Sammlung der ETH Zürich werden nicht explizit genannt. Danioth, der einst sagte: «Man hat mich eigentümlicherweise zum Heimatmaler gestempelt, und doch möchte ich alles andere sein als nur der Urner. Ich spüre den Weiten des Menschlichen nach», wird durch den Film erneut zum Urner Künstler. Da aber der Film in vielen Schweizer Kinos läuft und so die Werke des Haus der Kunst Uri zum ersten Mal ausserhalb von Uri einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden, besteht Hoffnung, dass einer der bedeutendsten Schweizer Künstler des 20. Jahrhunderts über die Kantonsgrenzen hinaus wahrgenommen wird. Vielleicht wird ihm gar der bisher verwehrte internationale Durchbruch gelingen.

Danioths Kunst ist nämlich alles andere als Heimatmalerei. Er suchte nach der Essenz des Menschseins. Seine Porträts von Bauern, Wegknechten, Kuhhirtinnen und Holzern zeigt das alltägliche Ringen des Menschen mit der umgebenden Natur. Danioth blickte hinter die Fassaden der Menschen, was sich Zenoni ebenfalls zu Eigen machte und ein eindrückliches Zeitdokument schuf. Es ist kein romantisierenden Heimatfilm und weit mehr als ein Künstlerprotrait. Zenoni gewährt Einblick in den Existenzkampf der Schweizerinnen und Schweizer während der Weltkriege. Zuschauende dürften sich von Danioths Zitaten wie «Meine Heimat ist, fürwahr, Prunkkammer Gottes und Irrgarten des Teufels, zu gleichen Teilen» angesprochen fühlen.

Während Zenoni sich bemüht hat Frauen zu Wort kommen zu lassen, hätte ich mir noch etwas mehr Informationen über die Künstlerin Erna Schillig (1900-1993) aus Altdorf sowie Danioths Gemahlin, Hedi, geborene Weber, gewünscht. Letztere kam aus dem Aargau und hielt es, gemäss Cilli, nur aus Liebe im engen Unrnerland aus. Nach dem Tod ihres Mannes zog die starke Frau mit ihren Kindern nach Bremgarten, wo sie ein Comestibles-Geschäft aufgebaut hatte und zwei Jahre später an einem Hirnschlag plötzlich verstarb. Die Kinder wuchsen dann bei einer Schwester des Vaters in einer ärmlichen Wohnung im Kanton Uri auf. Cilli zog es bald nach Luzern für ihre Ausbildung zur Buchhändlerin. Sie lernte ihren Mann, ein Bühnenbildner kennen, und ist seit Jahrzehnten in Zürich sesshaft geworden, wo ihr die Weite besonders gefällt. Ihren Dialekt hat sie abgelegt und mit ihrer Heimat scheint sie nur noch die Kunst und Literatur ihres Vaters zu verbinden.

Wer nach dem Film noch nicht genug hat und eine Auswahl an Danioths Werken live sehen möchte, den dürfte die Frühlingsausstellung Heinrich Danioth und Weggefährten im Haus für Kunst Uri vom 7. März bis 17. Mai 2015 interessieren. Dies liesse sich auch mit einem Spaziergang durch die Urner Natur, die Inspirationsquelle Danioths, verbinden.

 Trailer

https://www.youtube.com/watch?v=WRiFIAlQkak&x-yt-cl=84924572&x-yt-ts=1422411861

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