Lex talionis nach Clint Eastwood: «American Sniper»

Nach dem «American Gigolo» (1980) und dem «American Gangster» (2007) folgt der amerikanische Heckenschütze: Clint Eastwoods neuer Film ist ein politisch fragwürdiges Spektakel, in dem vor allem viel geschossen wird.

Chris Kyle (Bradley Cooper) ist Texaner. Nach einer Jugend, in dem ihm  von seinem Vater martialisch-christliche Werte eingebläut wurden, versucht er sich als Rodeo-Mann. Doch nach dem Anschlag auf die Twin Towers will er sich ganz und gar der Verteidigung seiner geliebten Heimat widmen. Er heiratet die schöne Taya (Sienna Miller), muss aber nach einigen Tagen mit den SEALs in den Irak. Dort erweist er sich als der beste Heckenschütze, den die USA je in ihrem Militär hatten. Zurück in den USA freut sich Kyle aber schon auf die nächste Tour im Irak – sehr zum Missfallen seiner Frau…

Hier wird mal ausnahmsweisr nur im Hintergrund geschossen... (Bild: zVg)

Hier wird mal ausnahmsweise nur im Hintergrund geschossen… (Bild: zVg)

Clint Eastwood ist kein Linker – das ist ja bekannt. «American Sniper» ist nun aber sowohl in politischer wie auch in filmischer Hinsicht kein gelungenes Werk. Vielleicht liegt es daran, dass (anders als bei «Letters from Iwo Jima») alles noch zu nahe ist für die nötige Distanz. Und Distanz zum Stoff hat Eastwood, der hier ein Drehbuch von Jason Hall, das auf den Erinnerungen von Chris Kyle basiert, sicher zu wenig. Wenn etwa der definitiv (nach vier Touren) in die USA zurückgekehrte Kyle nach nur einem Gespräch mit einem Arzt zum Muster-Ehemann und .Vater wird, dann ist das etwa so überzeugend wie die Darstellung der Geburt von Kyles Sohn, die eigentlich gar nicht zu sehen ist. Was wiederum symptomatisch ist: es wird zwar viel gekillt, aber die Geburt wird nur en passant dargestellt. Die Iraki sind zwar nicht alle Unmenschen, aber viele von ihnen – ja sogar Kinder – werden als gefühllose Killer dargestellt. Es wäre mal interessant, in einem Film eine vom Irak oder von Saudi-Arabien besetzte Schweiz oder USA zu sehen – mit europäischen/weissen Freiheitskämpfern!  «American Sniper» hat aber nur wenig Verständnis für Menschen, die sich gegen eine amerikanische Besatzungsmacht zur Wehr setzen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Chris erst nach 9/11 für seine Heimat kämpfen will – und dann nur aufgrund der bekannten kriegstreiberischen Lüge George Dubyas im Irak landet.

Das Grundproblem ist ja, dass die USA im Nahen Osten eigentlich so wenig verloren haben wie in Vietnam. Aber abgesehen von dieser Problematik hätte Eastwood ja einen zwischen Krieg und Familienleben zerrissenen Mann zeigen können, oder einen gutmütigen, naiv- genialen Heckenschützen. Eastwood will hier aber offenbar den Krieg an sich nicht problematisieren. Vielmehr ist es die Zelebrierung des Talionsgesetzes à la Eastwood, das im hier am Herzen liegt. Das Talionsgesetz stammt aus dem Nahen Osten, wurde aber eben (auch in diesem Film, wo es namentlich erwähnt wird) immer wieder falsch verstanden: es geht dabei nicht im Rache, sondern um eine angemessene Entschädigung. Und dass der Irak mit 9/11 nichts zu tun hat, muss ja hier nicht nochmal erwähnt werden – die Rache hat also von vornherein die falschen getroffen. Das Frauenbild, das der Film propagiert – Taya Kyle ist natürlich nur als Mutter und Hausfrau zu sehen – passt da sehr gut zu der allgemeinen reaktionären Stossrichtung, die Eastwood hier verfolgt.

«American Sniper».  USA 2014.  Regie: Clint Eastwood. Mit Bradley Cooper, Sienna Miller, Kyle Gallner, Luke Grimes, Cory Hardrict, Jake McDorman, Sam Jaeger u.a. Deutschschweizer Kinostart: 26.2.2015.


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