Krise der Interpretation – Sonja Heiss’ «Hedi Schneider steckt fest»

Die deutsche Filmemacherin Sonja Heiss überzeugt mit einem weiteren Kapitel aus dem Buch der neuen deutschen Welle des Skurrilen

Hedi Schneider (Laura Tonke) ist müde. Bei der Arbeit im Reisebüro tut sie nur so als ob. Zwar schafft sie es zuerst noch, zusammen mit Gatte Uli (Hans Löw) und Kind Finn (Leander Nitsche) die Fassade aufrecht zu erhalten. Doch beim Liebesspiel kommt die Panik: eine Herzattacke. Uli ruft den Notarzt. Doch die Diagnose ist eine andere: Hedi leidet an einer Angststörung…

Nachdenklicher Blick in die Zukunft. (Bild: zVg)

Nachdenklicher Blick in die Zukunft. (Bild: zVg)

Sonja Heiss legt ein weiteres Kapitel in der Geschichte des zeitgenössischen deutschen Films vor – eine betont skurrile Familiengeschichte, eine Art Gegenstück zu «Still Alice». Dazu passt es auch, wenn Passagen in Gebärdensprache nicht untertitelt werden – und die Hörenden mal nichts verstehen. Beim Therapeuten zitiert Hedi «One Flew Over the Cuckoo’s Nest » – der gute Mann hat allerdings offenbar noch nie etwas von Formans Filmklassiker gehört…

Und genau darum geht es wohl: einen wirklichen Einblick in Hedis Depression muss der Film uns vorenthalten – das Feststecken im Titel ist auch eine Krise der Interpretation an sich. Hedi selber zweifelt am Sinn ihres Tuns, und darin kommt eben nicht nur eine Depression und Angststörung zum Ausdruck, sondern vielmehr eine generationenspezifische Sinnsuche, die an ihr Ende gekommen ist – eben feststeckt. Am Schluss ist die Familie wieder spielerisch vereint, in Norwegen spielen sie ihre wilden Spiele – betont sinnfrei, aber einen anderen Sinn gibt es nicht mehr. Es ist ein Rückzug zum Selbst, aber immerhin handelt es sich zumindest am Schluss um ein Selbst der Familie – Hedi ist nicht mehr alleine. Sie hat wieder Perspektiven gefunden, wenn auch nur im Kreise der Kleinfamilie. Kurz und gut: Sonja Heiss’ Film ist wirklich skurril, oft wirklich witzig und sagt uns zweifellos viel über unsere Zeit und ihre Probleme. Sehenswert!

«Hedi Schneider steckt fest». Deutschland/Norwegen 2015. Regie: Sonja Heiss. Mit Laura Tonke, Hans Löw, Leander Nitsche, Melanie Straub, Urs Jucker u.a. Deutschschweizer Kinostart: 28. Mai 2015.

Einige Gedanken zu “Krise der Interpretation – Sonja Heiss’ «Hedi Schneider steckt fest»

  1. Sonja Heiss

    Ich wollte eben anmerken, dass Sie den Film aufgrund eines technischen Fehlers ohne Untertitel bei den Gebärdensprache-Szenen gesehen haben. Leider! Denn diese sind sehr wichtig, aus verschiedensten Gründen. Inhaltlich, emotional, aber teilweise sind die Dialoge hier auch sehr humorvoll. Zudem haben wir nie daran gedacht, einen so abgedrehten Film zu machen, in dem der Zuschauer minutenlang nichts versteht. Um Gottes Willen! :-) Weil sich ja eine Szene immer auf die nächste und letztlich auf den ganzen Film auswirkt, gucken Sie ihn bitte unbedingt nochmal mit Untertiteln! Sie werden es mögen! Der ganze Film wird anders sein. Mit besten Grüßen

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