Die neue Lust auf Schweizer Geschichte: Rezension zum Sammelband «Die Naturforschenden»

Von Tanja Hammel

‘Swiss history has had a bad press. Flaubert thought Switzerland had no real history and that the country was only good for “botanists, geologists and honeymooners”. Harry Lime commented famously, in Graham Greene’s film version of The Third Man, that 500 years of democracy and peace in Switzerland had produced only the cuckoo clock. And with some irony, Jonathan Steinberg entitled his classic work on the subject Why Switzerland?

Mit diesen Festestellungen beginnt Butterflies & Barbarians: Swiss Missionaries & Systems of Knowledge in South-East Africa (2007) des schweizerisch-südafrikanischen Historikers Patrick Harries, der bis vor kurzem in Basel lehrte und forschte. Die Schweiz hat alles andere als keine Geschichte wie er aufzeigt und ist alles andere als neutral gewesen, wie Studien zur postkolonialen Schweiz in den Folgejahren eindrücklich belegen.* Dies veranschaulicht auch der vorliegende Sammelband.

Die Naturforschenden

Noch nie habe ich mich so auf das Erscheinen eines Buches gefreut. Im Dezember habe ich vom Projekt erfahren und gleich ein Exemplar im Buchladen bestellt. Endlich konnte ich es letzte Woche abholen. Aus der Plastikhülle befreit, kamen mir Papierfetzen entgegen. Die Seiten waren frisch geschnitten und die Druckfarbe liess die Lektüre zu einem noch intensiveren Erlebnis werden.

Die Herausgeber Bernhard Schär und Patrick Kupper prägen die Schweizer Geschichte momentan. Schär hat jüngst seine beeindruckende Dissertation Tropenliebe. Schweizer Naturforscher und niederländischer Imperialismus in Südostasien um 1900 (Mai 2015) vorgelegt, die für alle, die sich für die Wissensgeschichte, neuere Kolonialgeschichte oder die Geschichte Basels interessieren sehr empfehlenswert ist. Kupper hat einen scharfen Blick für Jubiläen, hat er seine Habil Wildnis schaffen: eine transnationale Geschichte des Schweizerischen Nationalparks (2012) doch geschickt vor dem 100. Geburtstags des Schweizerischen Nationalparks publiziert und als Experte im vergangenen Jubiläumsjahr viel geleistet.

Der vorliegende Sammelband anlässlich des 200-jährigen Bestehens der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT), der ältesten der vier wissenschaftlichen Akademien der Schweiz, besteht aus 15 Beiträgen, die zeigen wie teilweise kaum bekannte Forscher vernetzt waren, über Grenzen hinweg kollaborierten und die Schweiz in den letzten 200 Jahren zu einem Wissenschaftsstandort gemacht haben. Der Zugang, durch die Biografie eines Forschenden Einblick in die wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Kontexte zu gewinnen, überzeugt. Es gelingt den Autorinnen und Autoren ein Gesamtbild zu entwerfen, das die Schweiz als dezentralisierter, früh internationalisierter und spät universitär institutionalisierter Forschungsstandort charakterisiert.

Der Sammelband, der durch das Nachwort des Forschungsministers Johann Schneider-Ammann abgeschlossen wird, wird hoffentlich breite Diskussion darüber anregen, dass die Naturwissenschaften nicht so «objektiv» sind wie allgemein angenommen. Wie jedes Wissen ist auch das naturwissenschaftliche zeitbedingt, kontextabhängig und nicht neutral. Die Stärken des Sammelbandes sind einerseits, dass neue Facetten von bekannten Persönlichkeiten wie Louis Agassiz oder Albert Einstein beleuchtet, andererseits vernachlässigte Wissen-Schaffende wie Clémence Royer oder Boukary Porgo sichtbar gemacht werden. Die letzten beiden Persönlichkeiten, wie auch zahlreiche andere zeigen, dass Menschen aus anderen Nationen für die Wissen-Schaffung in der Schweiz von zentraler Bedeutung waren. Neben Clémence Royer in Bernhard Schärs Beitrag ist Sibylle Martis Text über die Strahlenbiologin Hedi Fritz-Niggli (1921-2005) hervorzuheben. Andere Beiträge des Sammelbandes, zum Beispiel über Fanny Custer (1867-1930), Quästorin der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz während vier Jahrzehnten, erwähnen Frauen ebenfalls, aber hätten weiter gehen können. Von den 15 Beiträgen sind auch nur vier von Frauen verfasst worden. Wie die momentane Diskussion über die sexistischen Äußerungen des Nobelpreisträgers Tim Hunt zeigen, sind Frauen in den Wissenschaften noch keinesfalls gleichberechtigt.

Aus Basler Perspektive ist der Sammelband ausserdem erfreulich, da nicht nur verschiedene Aspekte zur Geschichte des Wissenschaftsstandorts Basel in drei Beiträgen herausgearbeitet werden und die Stadt in anderen Beiträgen Erwähnung findet, sondern auch, weil einige der Autoren dort studiert oder promoviert haben. Diese Aspekte sowie die Beiträge, die auf die koloniale Denkweise in der Schweiz hinweisen (Lea Pfäffli, Pascal Germann) machen den Sammelband für mich sehr gewinnbringend. Hätte man/frau an den besagten Stellen noch einen Schritt weiter gehen können, so ist dies doch ein beeindruckender Schritt in die richtige Richtung und lädt ein in diese Richtung weiter zu denken, zu forschen und zu lesen. Wir dürfen die Lektüre des vorliegenden Sammelbandes in vollen Zügen geniessen und gespannt sein was folgt.

 

Kupper, Patrick/Schär, Bernhard C. (2015): Die Naturforschenden. Auf der Suche nach Wissen über die Schweiz und die Welt 1800–2015.

308 Seiten, 97 farbige und sw Abbildungen, gebunden.

16.5 × 24 cm

978-3-03919-338-7

CHF 49.00

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