Straflosigkeit ist König – Esen Isiks «Köpek»

Der erste Spielfilm der schweizerisch-kurdisch-türkischen Regisseurin Esen Isik überzeugt mit einer leider nur allzu realistischen Darstellung der Gewalt in Istanbul; anhand von drei Figuren und ihrem Umfeld: der Transsexuellen Ebru, dem kleinen Taschentuchverkäufer Cemo und der Ehefrau Hayat.

Drei Schicksale in Istanbul: der kleine Taschentuchverkäufer Cemo (Ogzuhan Sanca), die transsexuelle Ebru (Cagla Akalin) und Hayat (Beren Tuna), die von ihrem Mann physisch und psychisch terrorisiert wird. Cemo findet einen Hund, aber er weiss wohl, dass sein Vater das Tier wieder weggeben wird. Cemo interessiert sich für ein Mädchen in einem vornehmeren Viertel, der Kontakt zu diesem wird aber von der Polizei immer wieder unterbunden. Ebru leidet, weil ihr/sein Freund sie/ihn nicht mehr sehen will und sogar soeben geheiratet hat. Hayat wiederum hat alle Hoffnung verloren…

«Köpek» ist ein starkes Statement gegen die Gewalt: gegen die Gewalt gegen Schwächere, aber auch gegen die Gewalt an sich, die immer nur zu mehr Gegengewalt führt und gleichzeitig auch die Straflosigkeit weiterschreibt, egal, wer nun das Opfer ist – Ehefrau, Mitglied einer sexuellen Minderheit oder Polizist. Am Schluss sehen wir denn auch, wie jemand die blutigen Spuren einer Gewalttat nur halbpatzig wegwäscht.

Esen Isik hat ihren Film der italienischen Künstlerin Pippa Bacca gewidmet. (Bild: zVg)

«Köpek» ist ein aufwühlender Film, welcher der italienischen Künstlerin Pippa Bacca gewidmet ist, die 2008 einen Friedensmarsch von Rom nach Palästina verwirklichen wollte. In Istanbul wurde sie vergewaltigt und umgebracht. Ursprünglich wollte die schweizerisch-kurdisch-türkische Filmemacherin Esen Isik in ihrem ersten Spielfilm Pippa Baccas Geschichte erzählen. Sie hat sich dann aber für die fiktiven – aber leider nur allzu realistischen – Geschichten von Ebru (aus dem Persischen abri = bewölkt), Cemo (eine typisch kurdische Koseform auf -o) und Hayat (= Leben, aus dem Arabischen حَيَاة ‎ḥayāh) entschieden – die Namen verweisen alle auf Minderheiten der Türkei (Kurden, Araber) sowie auf die oft verleugneten persisch-arabischen und kurdischen Wurzeln der  türkischen Kultur selbst. Esen Isik wurde 1969 selbst in Istanbul geboren; seit 1990 lebt sie in der Schweiz, wo sie auch eine Ausbildung an der ZHDK absolvierte. Fast wäre sie noch ausgeschafft worden – ein grosses Glück für den Film, aber auch für die Schweiz, dass sie hier bleiben konnte und ihre Ausbildung abschliessen konnte. In der Sprache Pippa Baccas:  Da non perdere – nicht verpassen!

«Köpek». Schweiz/Türkei 2015. Regie: Esen Isik. Mit  Oguzhan Sanca, Bekir Serenkan, Beren Tuna, Baris Atay, Cemal Toktas, Cagla Akalin, Salih Bademci u.a. Deutschschweizer Kinostart am 10. Dezember 2015.

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