gesichtet #124: Befehle vom Moskauer Oberkommando – über die neuen Aufgaben des «Geheimagenten»

Von Michel Schultheiss

Es war keine einfache Zeit für Dimitrios: Der Umbau des «Caffè Spettacolo» machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Während Monaten konnte er sein Stammlokal, das auch gleichzeitig sein Arbeitsplatz ist, nicht betreten. Nun aber sitzt er wie immer mit Koffer, Hut und Lupe und in seinem Lieblingscafé.

Die in Basel nicht sonderlich beliebte Bahnhofspasserelle hat somit jemanden zurückgewonnen, der ihr zumindest eine Prise Charakter verleiht: Dimitrios, bei vielen als «Geheimagent» bekannt, ist von diesem Ort der Pendlerhektik nicht mehr wegzudenken. Worin seine Arbeit besteht, wurde hier schon einmal ausführlich beschrieben.

Dimitrios Dezember 2015

«Die Organisation ist an die Partei in Moskau gebunden»: Vom Café beim Bahnhof SBB aus leitet Dimitrios wichtige Infos zur weltpolitischen Lage weiter (Foto: smi).

Auf der Hut vor tschechischen Spionen

Noch immer trinkt er dort seelenruhig seinen Kaffee und nach wie vor ist eine kleine Taschenlampe an seinem Mantelkragen befestigt. Wie er stets erklärt, braucht er sie, um jeweils den dunklen Korridor bei sich zuhause zu betreten. Nun aber hat das Utensil noch eine andere Funktion: Sie dient zur Abschreckung gegen Feinde. «Sie vermuten, es sei eine Kamera», erklärt Dimitrios. Gefahren gibt es nämlich einige: Wie er sagt, gibt er sich eigentlich für seinen Cousin aus, um diesen zu schützen. Dieser werde nämlich vom tschechischen Geheimdienst verfolgt. Dieser gehört zu seinen Hauptgegnern, von denen er stets auf der Hut sein muss. Auch rumänische Spione seien manchmal hinter ihm her.

Auch wenn er seiner unverkennbaren Aufmachung treu geblieben ist, hat sich in der Zwischenzeit für ihn aber auch einiges geändert: Dimitrios hat einen anderen Posten erhalten. Nun überprüft er nicht mehr die zahlreichen Bewerbungen für die Frauenrechtsorganisation «Haus der europäischen Kulturen», sondern ist für die Weiterverbreitung wichtiger Nachrichten verantwortlich. Er nennt seinen Auftraggeber schlicht und einfach «die Partei». Diese hat stets das letzte Wort: «Die Organisation ist an die Partei in Moskau gebunden», erklärt er. «Alles wird von diesem Zentrum aus kontrolliert». Die Infos vom «Oberkommando» verbreitet er vom Bahnhof SBB aus in alle Welt: Von seiner Infoabteilung aus werden die Nachrichten an «hunderte Geräte gestreut».

Die Kriegsdrohungen seiner Partei

Dabei herrscht einer strenge Zensur: Alles geht durch einen Filter. Dimitrios bekommt zahlreiche Nummern, doch ohne dazugehörige Namen. «Wir bekommen Nachrichten, die erst drei Wochen später in der Zeitung erscheinen». So seien ihm die russischen Vorwürfe an die Adresse der Türkei, in den Ölhandel mit dem IS verwickelt zu sein, schon lange bekannt gewesen. «Der Krieg in Syrien wird noch zehn Jahre dauern», prophezeit er daher. Dabei liegt seine Partei somit nun auf einer ähnlichen Linie wie Putin: Seit der Ukrainekrise sei sie bestens mit ihm befreundet.

Eine der neuesten Durchsagen vom «Oberkommando» in Moskau rechnet etwa mit Saudi-Arabien, Katar, Bahrain und den Emiraten ab: «Die Golfstaaten gehören ab sofort auf eine unbestimmte Zeit zu den von uns okkupierten Gebieten. Sie tragen die volle Verantwortung als Komplizen für die Gräueltaten, Leiden und Verarmung Europas. Wir haben dafür Beweismaterial». In einer weiteren Nachricht, die der Schreibende erhalten hat, macht das Oberkommando konkrete Forderungen: [Die Golfmonarchien] «sind verpflichtet, unserem Ultimatum zu folgen und an die EU die Reparationen von 700 Milliarden USD nach Bruxelles zu überweisen. Andernfalls können wir den Frieden in den Golfstaaten nicht garantieren».

Die Forderung nach einem Bündnis zwischen Putin und der NATO

In einer älteren SMS wird Griechenland davor gewarnt, mit Prag zu kooperieren, sonst bleibe es von der «Partei» besetzt. Wie mächtig die Chefs von Dimitrios sind, schimmert auch in einer anderen Nachricht durch: «Der Generalstab der Streitkräfte hat unserer geliebten Führerin dringend empfohlen, die Türkei zu besetzen, weil die türkische Regierung nicht in der Lage ist, die ISIS-Affen an uns auszuliefern». Erste Divisionen seien schon unterwegs. Überraschender und versöhnlicher ist hingegen eine andere Forderung – diejenige nach einer westlich-russischen Allianz: «Unsere geliebte Führerin hat der russischen Regierung einen 12-Punkte-Plan zum Beitritt in die NATO und später in die EU vorgelegt».

Auch nach Aufgabenwechsel des Basler «Geheimagenten» geht es beim «Haus der europäischen Kulturen» vorwärts. Er spricht von einem Erfolg: Bereits an die hunderttausend Mitglieder soll die geheime Vereinigung zählen. «Vor allem aus Frankreich, Grossbritannien, Spanien und dem ehemaligen Ostblock treffen viele Bewerbungen ein», sagt Dimitrios.

Trotz den vielen Befehlen vom Oberkommando bleibt Dimitrios auch Zeit für anderes: So lädt er seine Freunde dazu ein, mit ihm am 8. März den sechzigsten Geburtstag zu feiern. Wo das stattfinden wird, ist noch unklar. Wahrscheinlich wird die Wahl aber auf das «Caffè Spettacolo» fallen. Wichtige Nachrichten zum Schicksal von Syrien, der Ukraine und Griechenland gehen über dieses Lokal. Dass dort drin Weltpolitik gemacht wird, entgeht jedoch den meisten gestressten Zugpassagieren, die am verkannten Informationsbeauftragten vorbeieilen.

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