Der Veganer in mir – Christophe Van Rompaeys «Vincent»

Der 17-jährige Vincent hat genug vom Leben. Zudem meint er, dass die Welt ohne ihn besser dastehen würde: je weniger Menschen konsumieren, desto besser geht es der Welt, so die Überzeugung des Veganers…

Vincent (17) hat soeben einen Selbstmordversuch überstanden – nicht seinen ersten. Zwar ist er überzeugter Globalisierungsgegner und Veganer, doch das gibt seinem Leben nicht genug Sinn. Seine Familie, zwar nicht arm, aber doch wohl in der Arbeiterklasse verwurzelt, ist das pure Gegenteil von Vincent – ganz normale Menschen im Grunde genommen. Als Tante Nicole, genannt Nicky, aus Frankreich zu Besuch kommt, ist Vincents jüngere Schwester empört: spricht die etwa nur Französisch? Vincent hingegen spricht auch gerne Französisch – schliesslich wurde er sogar in Paris geboren. Und ehe er sich’s versieht, ist er zusammen mit Nicole auf dem Weg in die französische Hauptstadt…

Der depressive Flame Vincent (Spencer Bogaert) mit seiner französischen Tante Nicole (Alexandra Lamy). (Bild: zVg)

Der depressive Flame Vincent (Spencer Bogaert) mit seiner französischen Tante Nicole (Alexandra Lamy). (Bild: zVg)

Wie schon in Christophe Van Rompaeys früherem Film «Aanrijding, Moscou» ist auch diesmal Barbara Sarafian (als Mutter) mit von der Partie, und auch diesmal stehen Menschen aus der Arbeiterschicht im Zentrum von «Vincent». Vincent ist gerade deshalb wie ein Fremdkörper im Kreise seiner Familie; obwohl Mutter Marianne immerhin vegan kocht. Vielleicht ist es auch eine persönliche Geschichte, die Van Rompaey und Drehbuchautor Jean-Claude Van Rijckeghem hier erzählen wollen. Auch eine typisch flämische Geschichte zwischen flämischer, also niederländischsprachiger und frankophoner Welt: bezeichnend, dass keine Wallonen vorkommen, denn die Gräben zwischen niederländisch- und französischsprachigen Belgierinnen und Belgiern sind ja doch nicht ganz von der Hand zu weisen. Der reale Konflikt zwischen Flamen und Wallonen wird so zwar nicht ausgeblendet, aber natürlich doch entschärft. Bezeichnend eine Szene, in der ein flämischer Polizist Nicole auf Französisch anspricht – und diese rein gar nichts versteht. Der Kollege des Polizisten fragt ihn dann, wie dies passieren konnte – er sei doch perfekt zweisprachig.

In dieser Szene zeigt sich natürlich nicht zuletzt, wie sehr sich die flämischen Belgier von der Frankophonie entfernt haben – teilweise durchaus vergleichbar mit den Menschen in der Deutschschweiz, die auch immer weniger Zugang zur Frankophonie finden. Anders als in Belgien (wo Französisch lange die alleinige offizielle Sprache war) war aber das Französische in der Schweiz immer eine Sprache der Minderheit. Deshalb ist die Abneigung gegen die Frankophonie in der alemannischen Schweiz wohl nicht so stark ausgeprägt wie bei den flämischen Cousins. Wie dem auch sei: Van Rompaey legt mit seinem neuen Film einen immer wieder witzigen Streifen vor, der nicht zuletzt auch eine zutiefst europäische Geschichte erzählt – auch eine Geschichte über den Veganer in uns, sicher aber auch die fast schon universale Geschichte eines Generationenkonflikts…

«Vincent». Belgien/Frankreich 2016. Regie: Christophe Van Rompaey. Mit Spencer Bogaert, Barbara Sarafian, Geert Van Rampelberg, Alexandra Lamy, Frédéric Epaud, Kimke Desart u.a. Deutschschweizer Kinostart am 4. Mai 2017.

Kommentar verfassen


%d Bloggern gefällt das: