Portrait der Revolution als Biopic – Raoul Pecks «Le jeune Karl Marx»

Der junge Karl Marx lebt mit seiner Frau Jenny in Frankreich, da er in Deutschland bzw. Preussen nicht mehr erwünscht ist. In England beginnt unterdessen der junge Fabrikantensohn Engels, sich von seinem Vater loszulösen…

Karl Marx (August Diehl)  lebt mit seiner Frau Jenny (Vicky Krieps) in Frankreich. In Preussen ist er nicht erwünscht. Bald schon sollten auch seine Tage in Frankreich gezählt sein. Unterdessen löst sich der Fabrikantensohn und Prokurist Friedrich Engels langsam aber sicher von seinem Vater. Die Begegnung mit Karl Marx ist dabei von grosser Bedeutung…

Das waren noch Hüte, äh, Zeiten!  (Bild: zVg)

Das waren noch Hüte, äh, Zeiten! (Bild: zVg)

Raoul Peck, der in Haiti geborene und teilweise im Kongo aufgewachsene Regisseur, war in formaler Hinsicht nie ein Revolutionär. Im Gegenteil: wie bei vielen schwarzen Regisseuren – zuletzt auch Nate Parker, aber auch Spike Lee – geht es eher darum, ein grosses Publikum zu gewinnen. Nicht von ungefähr war ja «The Birth of a Nation», Nate Parkers umstrittenes Debüt, in Sundance ein Hit, die Studios rissen sich regelrecht um die Auswertungsrechte. Verglichen mit Parkers «The Birth of a Nation» ist hier aber klar, dass Peck schon seit den 80er Jahren Filme macht (u.a. «L’homme sur le quai», «Lumumba», «Moloch tropical», «I Am Not Your Negro», «Meurtre à Pacot»). Deshalb schafft er es auch viel besser als Parker, nicht anzuecken und den Kritikern nur wenig Angriffsfläche zu bieten – auch wenn der Film wohl vielen Menschen aus der schreibenden Zunft zu konventionell sein wird.

«Le jeune Karl Marx» ist gut besetzt, gut gemacht, ist ein engagiertes und zumindest für Unkundige ein hochinteressantes Biopic, das aber dabei nicht zu sehr auf Marx selbst fokussiert: Peck lässt genug Raum für Nebenfiguren wie Jenny Marx, Pierre Proudhon und natürlich Engels. Im Abspann überrascht der Film dann mit historischen Bildern auch aus der jüngeren und jüngsten Vergangenheit; musikalisch begleitet von Bob Dylans «Like a Rolling Stone». Je nach Interpretation passt dies zweifellos. Gerade die Ambivalenz des Dylan-Songs lässt aber genug Raum für eigene Gedanken. Dies ist erfrischend bei einem Film wie diesem, der sonst nur wenig der Fantasie überlässt.

Interessant ist dabei der Vergleich mit Parkers «The Birth of a Nation», in dem die Religion eine wichtige Rolle spielt: während der Wanderprediger und Sklave Nat Turner gerade durch die Religion einen Umsturz provozieren wollte, war die Religion für Marx natürlich immer das Opium, mit dem das Volk eingelullt, verknechtet und versklavt wurde. Aber Marx war ja auch kein Amerikaner… wie dem auch sei: Peck, der übrigens ein Jahr lang in Haiti als Kulturminister wirkte, legt einen Film vor, der absolut «im-peck-able» ist. Zudem ist es ein Triumph, nicht nur für Peck, dass es ihm gelungen ist, in Frankreich, Belgien und England zu drehen. Es ist ja vielleicht auch kein Zufall, dass der Brite Steve McQueen «12 Years a Slave» in Europa verfilmt hat, wo die Erinnerung an die Sklaverei nicht so stark ist wie in den USA, gibt es manchmal vielleicht doch Freiräume gerade gedanklicher Art – bei allem Rassismus im Alltag. Davon profitiert zweifellos auch Peck, der notabene in Deutschland studiert hat.

Und last but not least ist auch Pecks neuer Dokumentarfilm «I Am Not Your Negro», der in Basel ebenfalls heute ins Kino kommt, eine französisch-amerikanische Koproduktion: trotz der Stimme Samuel L. Jacksons ist ein Peck-Film ohne europäische Beteiligung wohl undenkbar. Sehenswert sind aber Pecks Filme natürlich immer! Und dies noch zum Schluss, quasi als linguistisches Aperçu: «Le jeune Karl Marx» ist natürlich mehrsprachig; französisch, deutsch und englisch gesprochen. Wer also keine Untertitel lesen will, sitzt hier tatsächlich im falschen Film: auch wenn sich Pecks Film sicherlich an ein breiteres Publikum richtet – der ebenfalls mehrsprachige Peck (als Haitianer ist er so oder so von Haus aus zweisprachig und spricht Kreolisch und Französisch) wollte den Film nicht durch Einsprachigkeit verhunzen.

 «Le jeune Karl Marx». Frankreich/Belgien/Deutschland 2017. Regie: Raoul Peck. Mit August Diehl, Stefan Konarske, Vicky Krieps, Olivier Gourmet, Hannah Steele, Alexander Scheer, Marie Meinzenbach u.a.  Deutschschweizer Kinostart am 11. Mai 2017.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.