Wie finden die Menschen aus ihrer Vereinzelung heraus? Die Jubiläumsausstellung zu Fritz Bürgin

SiLO 12 in Läufelfingen erinnert mit einer eindrücklichen Ausstellung an das Schaffen des Baselbieter Künstlers Fritz Bürgin (1917-2003). Die von Kurt Ineichen kuratierte Werkschau dauert bis 5. Juni 2017. Das Museum im Steinbruch hat jeweils samstags und sonntags von 11 bis 16 Uhr geöffnet.

 Von Martin Stohler

Es gibt Menschen, die sind künstlerisch begabter als andere, und trotzdem entscheiden sie sich nicht dazu, Künstler zu werden und als solcher zu leben. Fritz Bürgin, 1917 in Läufelfingen geboren und in Buckten aufgewachsen, hatte diese besondere gestalterische Begabung und entschied sich, seinen Weg als Künstler zu gehen. Dieser Entscheid reifte bei ihm in schwierigen Jahren, die von schweren wirtschaftlichen und politischen Krisen und einer existenziellen Erfahrung verdunkelt waren.

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Dynamik des Zusammenlebens: Eine der vielen Zeichnungen Bürgins, die Menschengruppen zeigen. Foto © Kultur- und Museumsverein Läufelfingen.

Fritz Bürgin war keine 16 Jahre alt, als Hitler 1933 an die Macht kam, und kaum zwanzig, als in Spanien der Bürgerkrieg tobte – Ereignisse, die ihn stark beschäftigten. Zudem erkrankte Bürgin an Tuberkulose – eine Krankheit, die damals nur schwer zu kurieren war und an der er fast gestorben wäre. Diese Erfahrungen spiegeln auch eine Reihe von Zeichnungen wider, die eingeschüchterte, verhärmte Menschen zeigen.

Wären die Dinge ihren geordneten Gang gegangen, so hätte Bürgin in Basel eine Lehre als Graveur gemacht. Aber es kam anders, und Fritz Bürgin entschloss sich, die Lehrstelle nicht anzutreten – er sagte mir einmal, er habe damals keinen Sinn darin gesehen, eine Lehre zu machen, da die Welt in jenen Tagen aus den Fugen zu geraten schien.

Ein Künstler, der Krallen zeigen konnte

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Dem jungen Mann in der Mitte der hinteren Reihe verlieh Walter Eglin die Gesichtszüge Fritz Bürgins (Mosaik am Kollegiengebäuder der Uni Basel). Foto Martin Stohler

In jener Zeit schloss er sich dem Känerkinder Künstler Walter Eglin (1895–1966) an, dem er dabei half, die Natursteine für seine Mosaike zu finden und aufzuspalten und der in künstlerisch förderte. Gefördert und ermuntert wurde er auch von seinem älteren Bruder Hans Bürgin, der Lehrer in Läufelfingen war.

Als angehender Künstler ging Fritz Bürgin nicht nur Walter Eglin zur Hand, sondern auch dem aus Reigoldswil stammenden Bildhauer Jakob Probst (1880–1966), dessen Werke man nicht nur in Baselland, sondern in der halben Schweiz findet. Das Verhältnis zum fast vierzig Jahre älteren Probst war nicht spannungsfrei, wie die folgende Anekdote zeigt: Jakob Probst hatte in Basel ein Atelier, das Fritz Bürgin gerne übernommen hätte. Doch Jakob Probst hatte kein Musikgehör und vermietete das Atelier an einen anderen Künstler, was den jungen Bürgin ziemlich ärgerte. Als Probst ihn wieder einmal für eine Arbeit aufbot, nutzte Bürgin das für eine Retourkutsche und schickte ihm eine Karte oder ein Telegramm des Inhalts: Habe keine Zeit, ich muss ein Atelier suchen… Fritz Bürgin konnte, wenn er wollte, seine Krallen zeigen, wie der Wüstenvogel, der in Läufelfingen an der Ausstellung des Kultur- und Museumsvereins zu sehen ist.

Jeder Schlag aufs Blech musste sitzen

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Lurcherentier Mit seinem «Lurcherentier» beim Schulhaus Tannenbrunn in Sissach nahm Bürgin eine lokale Sage auf. Foto Martin Stohler

Schauen wir uns das künstlerische Werk von Fritz Bürgin etwas näher an, so stellen wir fest, dass es sich grob in zwei Kategorien einteilen lässt: Die eine Kategorie bilden die Kunstwerke, die Bürgin für den öffentlichen Raum geschaffen hat, die andere Kategorie sind Kunstwerke, die sich an private Käufer richteten. Die Werke der ersten Kategorie findet man bei Schulhäusern, Kirchen, in Parks und an verschiedenen Gebäuden, in Läufelfingen beispielsweise ist die Christophorus-Figur auf dem Friedhofsbrunnen zu nennen. In der Ausstellung sieht man sie in Aufnahmen von Kurt Ineichen als Dia-Show.

Zur zweiten Kategorie gehören neben Holzschnitten und Zeichnungen auch getriebene Bleche. In Letzteren zeigt sich ein ganz besonderes Können Bürgins. Bürgin hat diese Werke auf einer weichen Unterlage mit einem Hammer aus einem Blech herausgetrieben. Dabei musste jeder Schlag sitzen. Und was das Ganze besonders schwierig machte: Da das Bild von der Rückseite her aus dem Metall getrieben wurde, musste Bürgin das Motiv, welches das Blech dem Betrachter zeigt, quasi als Negativ im Kopf haben.

Zusammenleben und Natur

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Eine Menschengruppe, hier aus getriebenem Kupferblech. Foto © Kultur- und Museumsverein Läufelfingen.

In seinen Kunstwerken hat sich Fritz Bürgin mit unterschiedlichen Themen befasst. Wenn es um Kunst am Bau ging, hat er sich durch die Funktion des Gebäudes oder einen lokalen Bezug inspirieren lassen. Daneben waren es – abgesehen von den gestalterischen Herausforderung eines jeden Werks – vor allem zwei Fragen, die Fritz Bürgin immer wieder umtrieben. Nämlich: Wie finden die Menschen aus ihrer Vereinzelung heraus zu einem Zusammenleben, in dem sie nicht isoliert sind, sondern zueinander finden und das ihnen Gemeinsame erkennen und gestalten und so zu einem Zusammenhalt kommen. Mit seinen fast schon unzähligen Zeichnungen von Menschengruppen hat er diese Frage immer wieder gestellt, dabei die Antwort allerdings dem Betrachter überlassen.

Die andere Frage, die Bürgin immer wieder beschäftigte, wennar jene nach unserem Verhältnis zur Natur, zu unserem Umgang mit ihr. Das kommt etwa in seiner Plastik beim Zentrum Ebenrain in Sissach zum Ausdruck. Diese zeigt uns eine junge Frau mit einem störrischen Pferd, das nicht einfach macht, was es soll, sondern einen eigenen Willen hat. Das soll uns daran erinnern, dass wir nicht einfach die Natur beherrschen.

Daneben war es Bürgin wichtig, uns zu einem schonenden Umgang mit unserer natürlichen Umwelt aufzurufen, dies etwa mit der Plastik einer Frau, die eine angefahrene Gans in den Armen hält. Oder mit seinem Denkmal an den Wald, einem Mann, der ein junges Bäumchen in die Höhe hält, das ausgerissen wurde – oder das er nächstens setzen wird.

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Blick in die Ausstellung. Foto Kurt Ineichen.

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SiLO 12, das Museum des Kultur- und Museumsvereins Läufelfingen, liegt etwas ausserhalb des Oberbaselbieter Dorfs an der an der Strasse über der den Unteren Hauenstein Richtung Olten. Vom Bahnhof Läufelfingen ist es zu Fuss in 15 Minuten erreichbar.

Ein Teil der gezeigten Werke sind 2001 von Fritz Bürgin dem Kultur- und Museumsverein Läufelfingen vermacht worden, daneben sind auch Leihgaben von privater Seite zu sehen.

Am Sonntag, 7. Mai, «läuft und rattert es» im SiLo 12, dann sind die alten mechanischen Anlagen des Silos im Betrieb.

Finissage der Ausstellung (mit Kaffee-Bar), Pfingstmontag, 5. Juni, 11–16 Uhr.

 

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