Literaturverfilmung mit postkolonialem Schliff – William Oldroyds «Lady Macbeth»

Nikolaj Leskovs Erzählung «Die Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk» findet ihren Weg zurück nach Britannien. Regisseur William Oldroyd und Drehbuchautorin Alice Birch verlegen die Geschichte ins viktorianische England.

In der englischen Provinz, 1865. Alexander (Paul Hilton) ist ein grausamer Ehemann, der sich auch kaum für den Körper seiner viel jüngeren Frau Katherine (Florence Pugh) interessiert. Als sich einer der Bediensteten des Hauses bei Katherine meldet, weist diese ihn zuerst brutal zurück – liebt ihn dann aber mit grosser Passion. Nach dem Tod von Alexander stellt sich aber ein neues Hindernis in den Weg der Geliebten: ein unehelicher Sohn von Alexander. Katherine kann ihn aus rechtlichen Gründen aber nicht zurückweisen…

No More Mrs Nice Guy: Katherine will sich nicht länger knechten lassen. (Bild: zVg)

No More Mrs Nice Guy: Katherine will sich nicht länger knechten lassen. (Bild: zVg)

«Lady Macbeth» ist eine grossartige Literaturverfilmung. Wer hier einen x-beliebigen Kostümschinken erwartet, sitzt im falschen Film: William Oldroyds Film, der auf einem Drehbuch von Alice Birch nach Leskovs Erzählung basiert, fesselt von der ersten bis zur letzten Sekunde. Wie schon Andrea Arnolds «Wuthering Heights» oder Patrica Rozemas «Mansfield Park» besticht der Film mit einem unübersehbaren postkolonialen Subtext, ohne dem Stoff aber Gewalt anzutun. Nicht nur der uneheliche Sohn, sondern auch die Bedienstete (und von ihren Herren brutal geknechtete) Anna sind schwarz. Herrschaftsverhältnisse werden so vom Lokalen ins Globale transportiert; bei Leskov wird Sklavenwirtschaft betrieben, die Bedienstete Anna in Oldroyds Film hat ebenso den Status einer Sklavin, die – im wahrsten Sinne des Wortes – nichts zu sagen hat.

Den Namen Boris haben Oldroyd/Birch aus Leskows Novelle übernommen. Der Grund dafür ist unklar, schliesslich haben alle anderen Figuren englische Namen. Aber es wäre wohl falsch, «Lady Macbeth» als rein naturalistischen Film zu verstehen. Gerade auch der Status der Schwarzen in Lady Macbeth entspricht vermutlich nicht dem real existierender Schwarzer in den 1860er Jahren in der englischen Provinz. Doch dies tut nichts zur Sache: anders als von Susanne Ostwald in der NZZ [1] vermutet, ist «Lady Macbeth» (wie auch «Trespass Against Us») keineswegs eine Flucht vor der britischen, heutigen Realität, sondern vielmehr ein Film über unsere heutige Gesellschaft mit all ihren Brüchen zwischen Schwarz und Weiss, Mann und Frau, Arm und Reich.

«Lady Macbeth». UK 2016. Regie: William Oldroyd. Mit Florence Pugh, Cosmo Jarvis, Paul Hilton, Christopher Fairbank, Paul Hilton, Naomie Ackie, Golda Rosheuvel, Anton Palmer u.a. Deutschschweizer Kinostart am 17. August 2017.

[1] https://www.nzz.ch/feuilleton/neue-britische-filme-kino-ld.1308869

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