Auf dem Weg zur Homunkulus-Gesellschaft – Barbara Burgers «Kinder machen»

Barbara Burgers Dokumentarfilm erzählt in etwas über 80 Minuten Geschichten aus der Repro-Industrie. Nein, nicht im Copy Quick, sondern via Social Freezing und IVF. Naturgemäss gehen hier die Meinungen von Mensch zu Mensch und auch die rechtlichen Gegebenheiten von Land zu Land stark auseinander. Burgers Film ist eine interessante Einführung in das Thema.

Dr. Berger-Menz war selber mit 40 Jahren eine nicht mehr ganz junge Mutter. Mit Social Freezing wird es nun aber möglich, dass Mütter auch in fortgeschrittenem Alter noch Kinder kriegen. Aber ist das wirklich wünschenswert? Berger-Menz hat ihre Bedenken, ebenso ihre Mitarbeiterin. Doch ein Kollege aus Bayern sieht alles ganz anders und setzt sich an einem Kongress in Szene. Später sehen wir Berger-Menz und ihre Mitarbeiterin an einer Industriemesse. Auch hier gehen die Meinungen sehr auseinander: ein Besucher fragt einen Aussteller, ob er denn nicht diesen oder jenen Prozess durchführen würde. Dieser winkt ab: er macht nichts, was den Embryo gefährdet. Ob alle dies unterschreiben würden, sei dahingestellt…

Kinder machen – was gibt es denn Natürlicheres als das? «Kinder kriegen ist nicht schwer – Eltern sein dagegen sehr», so lautet das Sprichwort.(Eigentlich handelt es sich um ein Wilhelm-Busch-Zitat: «Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr.» [1]) Doch stimmt das wirklich? Gerade für die ungewollten Schwangerschaften mag das stimmen – doch oft ist es für potenzielle Eltern das Schwierigste überhaupt. Dieses Zitat (1877) stammt zweifellos noch aus einer Zeit, in der Fortpflanzung auch unter Menschen noch ohne Technik auskam; eine Zeit auch, in der es punkto Fertilität wohl besser aussah als heutzutage. Und die Mütter sicherlich noch jünger waren als heute.

Der Doc und seine Assistentin in Aktion. Hier entsteht neues Leben. (Bild: zVg)

Burgers Film ist eine spannende Einführung in ein Thema, das gerade Menschen, die selber keine Kinder haben oder keine haben wollen wirklich wie Science-Fiction vorkommt, um den Verleih (Regisseurin Burger ist Mitinhaberin) zu zitieren. Der Mensch ist eben ein Wesen der Kultur; und der Wunsch nach Kinder – dies reflektiert der Film wohl auch – ist auch ein kultureller Wunsch. Auch hier gehen natürlich die Meinungen auseinander.Technologie hat immer auch ihre Schattenseiten; und nicht alles, was machbar ist, ist auch gut. Und schon Professor Cekadete (Alfred Rasser) hat vorhergesehen, dass der Mensch der Zukunft nur noch im Reagenzglas kreiert wird. Jeder Mensch wird so zu einem Faustschen Homunkulus. Wenn die Eltern dieser neuen Generation (vielleicht sind sie bereits selber Rentner) aufwachen aus diesem Schlaf der Vernunft – was wird sie mit den geborenen Monstern tun? Werden es Roboter sein, die sich um diese Jungen kümmern? Schafft sich der Mensch selber ab? Burgers Film ist ein klassischer Dokumentarfilm mit Voice-Over und Talking Heads. Gerade deshalb ist «Kinder machen» auch geeignet als Einführung in ein komplexes Thema.

«Kinder machen». CH 2017. Regie: Barbara Burger. Dokumentarfilm.  Deutschschweizer Kinostart am 14. Dezember 2017.

[1] https://de.wikiquote.org/wiki/Vater ; Wilhelm Busch, Julchen. Vorbemerk. In: Was beliebt ist auch erlaubt. Wilhelm Busch. Sämtliche Werke II. Herausgegeben von Rolf Hochhuth. 12. Auflage, München, 2008. ISBN 3570030040, S. 270 )