Making of – wie der Radio-Live-Krimi „Mord in der Morgenshow“ entstanden ist

Exklusiv bei Zeitnah: Autor Philipp Probst berichtet über die komplexe und oftmals hektische Entstehungsgeschichte seines Kurzkrimis „Mord in der Morgenshow“.

 

Von Philipp Probst

Das Ziel war klar: Um 17 Uhr sollte ich auf der Webseite von Radio Energy Basel einen Kurzkrimi von mindestens 25 000 Anschlägen – was eine übliche Länge für Kurzgeschichten ist – veröffentlichen. Auch der Titel stand fest: „Mord in der Morgenshow“. Mein persönliches Ziel war es, eine möglichst realistische Story abzuliefern, die meinen Qualitätsansprüchen genügt. Sie muss spannend und unterhaltsam sein!

 

Der Rest sollte alles an diesem einen Tag entschieden werden.

 

Ich betrat also um 7 Uhr das Radio-Energy-Gebäude an der Basler Grosspeterstrasse. Die Studios liegen im 1. Stock. Im Parterre ist Mike-Shiva-TV beheimatet. Was mich etwas beruhigte: Falls mich meine Phantasie im Stich lassen würde, könnte ich auf spirituelle Hilfe der Wahrsager-Unternehmung Mike-Shiva-TV hoffen.

 

Natürlich hatte ich eine Geschichte im Kopf. Aber – ganz ehrlich – keine einzige Zeile vorgeschrieben. Die kurze Besprechung mit Radiomoderator Dominique Heller und Produzent Mario Brunner erwies sich bereit als Schock: Erstens hatten sie sich den ersten Satz ausgedacht und zweitens hatten sie bereits Leute auf der Strasse befragt, wie der Morgenmoderator Dominique Heller ums Leben kommen soll.

 

Fest stand: Produzent Mario Brunner soll ins Sendestudio kommen und schreien, weil er Dominique Heller tot unter dem Mischpult findet.

 

Toll – hatte ich mir anders erträumt.

 

In der Strassenumfrage kam heraus, dass Dominique entweder mit einem Messer niedergestochen oder Opfer eines Giftmordes geworden war. Da ein Messermord in der Regel eine unheimliche Sauerei gibt und für den Mörder kaum spurenfrei zu realisieren ist, entschied ich mich für den Giftmord. Blöd allerdings: Dominique Heller trinkt weder Kaffee noch Tee während der Sendung, sondern ausschliesslich Wasser. Eine geschmacklose Flüssigkeit mit Gift? Merkt man das nicht? Da stand ich schon zum ersten Mal vor einer medizinischen Frage, die ich auf die Schnelle nicht beantworten konnte. Zum Glück erfuhr ich, dass Dominique dauernd Bananen isst. Das brachte mich dann auf die Idee mit den vergifteten Bananen.

 

Ich schaute dem Moderator bei der Arbeit zu, wurde im Radio vorgestellt und setzte mich danach an meinen Laptop. Kleiner Schriftsteller-Trick: NIEMALS DEM BLINKENDEN CURSOR ZUSCHAUEN. Sondern gleich schreiben! Also schrieb ich. Schrei, Tod, Entsetzen und so weiter. Das war simpel.

 

Doch dann musste ich in die Vergangenheit zurück, um den Lesern irgendwie beizubringen, um was es eigentlich geht. Also ein paar Fakten gefälligst, was Radio Energy ist, wer die Leute sind und wie die arbeiten.

 

In dieser Zeit konnten die Hörerinnen und Hörer via Mail und Facebook bereits ums Tatmotiv streiten. Immer wieder kam die Idee, Dominique sei wegen Tickets für ein Gratiskonzert umgebracht worden. Dazu wurde mir vom Sender nahegelegt, dass ich diese Aktion „Energy Stars for free“ doch irgendwie einbauen sollte.

 

Innerlich verfluchte ich mich, jemals auf die Idee mit diesem Live-Krimi gekommen zu sein. Doch ich recherchierte auf der Redaktion und fand heraus, wie diese Aktion abläuft. Und: Tatsächlich kommen hin und wieder Musikfans auf die Redaktion und bequatschen die Moderatoren wegen Tickets.

 

In der Story liess ich also die ganze Polizeitruppe aufmarschieren und fütterte den Chef-Ermittler mit dem Verdacht, dass Fans den lieben Dominique wegen ein paar Tickets umgebracht haben könnten.

 

Dank meiner langjährigen Arbeit als Journalist, vor allem aber dank Freunden, die bei der Polizei arbeiten, kenne ich die Polizeiarbeit ein bisschen. Deshalb habe ich Respekt und nerve mich über Krimis, in denen die Ermittlungen komplett inszeniert und realitätsfremd sind.

 

Da mir in der Energy-Redaktion Redaktor Martin Stich aufgefallen war, liess ich ihn eine Schlüsselrolle übernehmen: Wenn er diesen Fall recherchiert bin ich sicher, dass die Methoden stimmen, da ich sie selbst kenne. Bei der Polizei hätte ich nachfragen müssen. Doch diese Zeit hatte ich nicht.

 

Mittlerweile war nämlich 10 Uhr.

 

Nach der Frühschicht übernahm Daniela Rohr das Mikrofon, interviewte mich und forderte die Hörerschaft weiter auf, mit zu machen. Da Daniela nun fünf Stunden lang auf Sendung sein würde, nahm ich sie gleich als wichtige Figur in meinen Kurzkrimi auf.

 

Ein Hörer gab gegen 11 Uhr den entscheidenden Tipp für das Tatmotiv: Neid, Eifersucht, Karrieregeilheit! Jemand wollte Dominiques Job als Morgenshow-Moderator. Yes, das war in meinem Sinn! Allerdings erschien es mir zu plump. Ergo phantasierte ich noch ein bisschen weiter und baute – wiederum auf Wunsch der Hörerinnen und Hörer – noch eine Liebesgeschichte ein.

 

Nun gönnte ich mir einen Kaffee. Leider gab es dabei eine Riesenschweinerei. Die Redaktionsassistentin bekam einen Wutausbruch, half mir dann aber beim Putzen. Phantastisch! Eine solche Szene muss unbedingt in die Geschichte. Schliesslich gehört sowas zum typischen Journalistenalltag!

 

Ein grosses Problem hatte ich noch: So ein Giftmord ist nämlich gar nicht so einfach. Einfach eine Überdosis Medikamente in die Bananen quetschen – vergiss es! Und als Normalmensch an Mittel zu kommen, die Mensch und Tier wirklich ins Jenseits befördern, ist auch nicht ganz leicht. Als mir Produzent Mario Brunner aber erzählte, er habe mal studiert, ging mir ein Licht auf. Mario hatte in meiner Story Medizin studiert und kannte sich demzufolge damit aus, was es braucht, einen Menschen zu vergiften!

 

In meinem Kopf war der Fall gelöst. Doch nun musste ein Finale her.

 

Da Radio Energy ein junges Publikum anspricht, nahm ich mir vor, ein entsprechend rasantes Ende der Geschichte zu schreiben. In Basel war gerade Herbstmesse, also wollte ich die Aufklärung des Falles in diese Szenerie legen. Bloss: Ich besuche keine Fahrgeschäfte, gehe weder auf Achter-, noch auf Himalaya- und Geisterbahnen. All das verrückte Zeug kenne ich nur vom Zugucken. Ich brauchte also die Hilfe der Hörerinnen und Hörer.

 

Jemand schlug dann den Free-Fall-Tower vor! Perfekt! Zu einem Karrieremord hat das sogar Symbolcharakter: Langsam rauf, schnell runter!

 

Um kurz nach 16 Uhr war ich fertig. Ich redigierte die Story und schickte sie meiner Lebenspartnerin zur Korrektur. Um 16.50 Uhr verkündete ich beim Abendmoderator Joël von Mutzenbecher das Ende der Story, um 17 Uhr war sie bereits auf der Webseite aufgeschaltet.

 

Ich war fix und fertig. Aber glücklich. Auch, weil ich die spirituellen Kräfte von Mike Shiva nicht in Anspruch nehmen musste, meine Phantasie hat mich nicht im Stich gelassen!

 

PS: Die Reaktionen auf den Radio-Live-Krimi waren phantastisch. Und auch meiner Lektorin vom Appenzeller Verlag, Magdalena Bernath, hat „Mord in der Morgenshow“ gefallen!

 

Hier der Link zur Story und zu den Interviews:
http://www.energy.ch/basel/programm/id/energy-schreibt-einen-krimi/

 

Und zu meiner Webseite:
http://www.philipp-probst.ch/

 

zVg

 


Philipp Probst schrieb und verfilmte bereits mit 16 Jahren erste Drehbücher und ist heute als Schriftsteller, Journalist und Chauffeur tätig. Zu seinen Veröffentlichungen zählen u.a. das 2009 als „Der Fürsorger“ verfilmte Buch „Ich, der Millionbetrüger Dr. Alder“ und der 2011 erschienene Roman „Der Storykiller“.

 

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