gesichtet #15: Von Velo-Leichen und ausgesperrten Nachtschwärmern

Von Michel Schultheiss

Velos so weit das Auge reicht, im Trockenen, mit Beleuchtung und erst noch mit sanfter Radiobeschallung: So ist der Alltag im Veloparking Elisabethen. Dieses ist nicht zu verwechseln mit dem Veloparking Bahnhof SBB gleich nebenan – bei dem kostet’s, dafür wird der Drahtesel artgerecht eingezäunt. Beim Bahnhof bekommt das Lieblingsvehikel vieler Fahrgäste ein Dach über den Kopf und zudem noch ein Zirkumflex verpasst: «Velô» ist demensprechend der Name des Parkings, das sichtlich genutzt wird. Daher wird auch immer wieder wird über die Schaffung neuer Abstellplätze, auch auf der anderen Seite der Bahnhofspasserelle, debattiert. Reisserische Medien könnten an dieser Stelle mit unpassenden Wortkreationen wie Velo-Tsunami oder etwas in dieser Art loslegen, um die enorme Nachfrage bei dieser ökologischen Fortbewegungsart zu dramatisieren. Da das Parkhaus oft aus allen Nähten platzt, vermehren sich die Drahtesel massenhaft – auch rund um den Bahnhof.

Veloparking

Bei den Zeiten versteht das Veloparking gar keinen Spass: Wer mit dem letzten Zug ankommt, steht vor einer verschlossenen Glastür.

Wenige Meter neben dem Bahnhofsplatz hat sich schon ein Ableger gebildet. Wenn das Veloparking der Fruchtkörper eines Pilzes ist, so sind diese Ansammlungen rund um den Platz die Hyphen, die sich expansionsartig rund um das Bahnhofsgelände ausbreiten. Ein oranges Schild, das dort inmitten des Velodschungels steht, will auf ziemlich verlorenem Posten die versammelte Menge belehren: «Das Parkieren von Zweirädern ausserhalb der markierten Flächen ist verboten». Man stelle sich nun vor, all die Parkierer kämen auf vier Rädern zum besagten Platz. Zudem dient das Schild als eine Art Leuchtturm, welcher dazu einlädt, eben genau dort das Velo abzustellen. Nunmehr wird einfach um das Schild rumparkiert. Weiter droht die Tafel damit, dass unbefugt abgestellte Zweiräder abtransportiert werden. Diese können dann «gegen Busse/Gebühr ausgelöst werden». Nicht nur gegen Wildparkierer, auch gegen Fahrradleichen will man vorgehen. Der Hinweis darauf, dass «über nicht abgeholte Zweiräder wird nach 3 Monaten verfügt» werde, zeugt davon, dass man die Bildung von Velofriedhöfen unterbinden will.

Doch es gibt gute Gründe dafür, sein Fahrrad eben nicht im Parkhaus, sondern an einem dieser wilden Abstellorte zu platzieren: Der so genannte Durchgang SBB ist von 4.30 bis 2 Uhr geöffnet. Daneben steht eine Telefonnummer, unter welcher die Verantwortlichen rund um die Uhr erreichbar sein sollen. Wie es auf der Webseite des Velos mit Zirkumflex heisst, verfügt der Keller über ein «24-Stunden Personal vor Ort mit Videoüberwachung».

Auch wenn dies ganz nach der heftig debattierten 24-Stunden-Gesellschaft klingt, ist das Veloparking für Nachtschwärmer nicht geeignet: Wer am Samstag die letzten Fahrgelegenheit von Zürich nach Basel nimmt, hat Pech gehabt: Der Zug kommt genau um 2.02 Uhr an. Das Veloparking versteht da gar keinen Spass: Wer es unterschätzt und naiverweise glaubt, dass man über diese zwei Minuten schon hinwegsehen sehen werde, steht vor einer verschlossenen Glastür und muss sich für zweieinhalb Stunden von seinem Velo trennen. Einem Bekannten von mir ist genau das einmal passiert. Wutentbrannt wählte er sogleich die dort angegebene Telefonnummer und verschaffte seinem Ärger Luft. Weshalb man sich denn einen 24-Stunden-Service beim Telefon, nicht aber beim Parking selbst leisten könne, fragte er – dies entbehre doch jeglicher Vernunft. Vermutlich haben sich einige vor und nach ihm dieselbe Frage schon gestellt. Daher empfiehlt sich, vor nächtlichen Reisen, sein Fahrrad an einem Ort abzustellen, wo es weder von der nächtlich gesperrten Einstellhalle verschlungen noch von der Polizei beschlagnahmt werden kann. Oder man tut etwas gegen das grosse Velochaos und fährt mit dem Auto zum Bahnhof…

2 Gedanken zu “gesichtet #15: Von Velo-Leichen und ausgesperrten Nachtschwärmern

  1. Pete Sailor

    Die Veloparksituation ist vor allem dann unglaublich, wenn man einmal das gähnend leere Autoparkhaus daneben gesehen hat. Ich pendle praktisch jeden Tag nach Zürich und ärgere mich immer wieder über den begrenzten Zutritt zum Veloparking aber auch den Platznotstand. Jeweils von 2.00-4.00 kann man zudem seinen Drahtesel nicht abholen.

  2. smi Artikel Autor

    Lieber Pete Sailor, vermutlich wollen die Betreiber verhindern, dass Obdachlose im Veloparking nächtigen, wobei ich mich da nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen möchte, da dies noch recherchiert werden müsste – und vielleicht einen weiteren Artikel hergeben könnte. Für Velofahrer, die im letzten Zug ankommen, ist diese Regelung jedenfalls ein Ärgernis. Gruss Michel


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