Die Umleitung
von Martin Stohler
Am heutigen Texttag wartet Martin Stohler mit der Geschichte einer besonderen Zugfahrt auf. Ein umstürzender Baum hat eine Oberleitung gekappt, der Zug muss umgeleitet werden. Man wird schläfrig von der unfreiwilligen Rückkehr in eine gerne vergessene Landschaft: Mit den Bildern von damals kommen die Toten zurück.

“Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012″ schätzt sich glücklich, Ihnen am heutigen Texttag Martin Stohlers gespenstischen Text “Die Umleitung” präsentieren zu dürfen. (zVg)
Ein plötzlicher Sturm hatte einen Baum auf die Fahrleitung geworfen. Bis der Schaden behoben war, wurden die Schnellzüge Basel–Neuenburg über Olten umgeleitet. Mir war das egal, solange ich deswegen keine grosse Verspätung in Kauf nehmen musste.
Die Luft im Abteil, in das ich mich gesetzt hatte, war stickig, und noch vor dem Hauensteintunnel war ich eingenickt, vom Rattern der Räder hinüber gerüttelt in eine Welt voll Schemen und Schatten.
Als ich wieder erwachte, kam mir die Landschaft seltsam vertraut vor, obwohl es zwanzig Jahre her war, seit ich diese Strecke das letzte Mal befahren hatte. Nach dem Ende meiner Rekrutenschule hatte sich immer etwas in mir gesträubt, hierher zurückzukommen.
Erst jetzt nahm ich die junge Frau wahr, die schräg gegenüber am Fenster sass. Sie mochte zwanzig, dreissig Jahre alt sein – genauer liess sich das nicht sagen, da sie aus dem Fenster blickte und mir ihre Gesichtszüge verborgen blieben. Einzige Anhaltspunkte waren ihre Beine und ihre linke Hand, die auf ihrem Oberschenkel lag. Es schien mir, als hätte ich diese Hand mit ihren langen geraden Fingern vor Jahren schon einmal gesehen – ein Gedanke, der mir einigermassen abwegig erschien.
Plötzlich griff die Hand nach einer kleinen schwarzen Ledertasche, und die andere Hand begann, darin nach etwas zu suchen. Dabei drehte die Frau ihren Kopf vom Fenster weg. Was ich sah, bestätigte meine Vermutung: Die Frau war höchstens fünfundzwanzig Jahre alt, wahrscheinlich eher noch jünger.
Ich hätte nicht sagen können, ob sie mich wahrnahm. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ihre Augen durch mich hindurchblickten, während sie eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche fischte und sich eine Zigarette zwischen die Lippen steckte. Sie hatte das Feuerzeug bereits in der Hand, als ihr anscheinend aufging, dass sie in einem Nichtraucherabteil sass. Wortlos steckte sie die Zigarette in die Schachtel zurück und sah wieder aus dem Fenster. Kurz vor Wangen verliess sie das Abteil.
Für einen Moment erwog ich, die Augen zu schliessen und sie erst wieder zu öffnen, wenn der Ort weit hinter uns zurück lag. Ich liess es jedoch bleiben, denn ich wusste: Es kommt nicht mehr darauf an, ob ich die Kaserne und den Rest zu Gesicht bekam oder nicht. Das, was ich gesehen hatte, genügte vollkommen, um mich all den unguten Erinnerungen auszuliefern, die ich seit meiner Rekrutenschule mit Wangen verband.
Eingespannt in einen militärischen Zwangsverein die Handhabung einer Waffe lernen zu müssen, ist in keinem Fall eine besonders angenehme Erfahrung. Aber es war nicht nur der militärische Drill, der mir in jenem Sommer zu schaffen machte. Ich war allein – seit Monaten, wenn ich ehrlich war seit Jahren ohne Freundin. Je mehr dieses Alleinsein an mir nagte, desto weniger Lust hatte ich, die wenigen freien Ausgangsstunden mit Kameraden im Wirtshaus zu verbringen. Eher zog es mich an die Aare, die mit ihrem Uferschilf und ihren Schwänen in der untergehenden Abendsonne eine heitere Melancholie ausstrahlte.
Während eines solchen Abendspaziergangs fand ich die Frau. Ich sah zuerst nur ihren Fuss im Schilf, dann ein Stück ihres Beins, und dann begriff ich, dass sie tot war. Ich war bestürzt und verwirrt und war froh, als ich in einiger Entfernung einen anderen Rekruten sah, der wie ich an der Aare spazierte. Ich winkte ihn herbei, und als er die Leiche ebenfalls gesehen hatte, gingen wir zur Kaserne zurück und meldeten unseren Fund.
Nachdem die Leiche geborgen worden war, behielt der Untersuchungsbeamte uns zwei zurück und hiess uns zur Protokollaufnahme und weiteren Befragung mitkommen. Immer wieder liess er sich den genauen Hergang schildern und versuchte herauszufinden, ob wir das Opfer gekannt hatten. Offenbar kam es ihm ziemlich verdächtig vor, wenn zwei Rekruten im Ausgang lieber an einem Flussufer spazierten als ins Wirtshaus gingen. Der Morgen dämmerte bereits herauf, als er uns endlich entliess.
Wieder zurück in der Kaserne, erfuhren wir ein makabres Detail: Die Leiche war ohne Kopf. Die Rekruten sollten der Polizei bei der Suche danach behilflich sein. Während Tagen war die Tote das Gesprächsthema Nummer eins. Als ihre Identität schliesslich feststand, erschien ein Foto in den Zeitungen, das eine nicht unattraktive junge Frau zeigte. Ich habe dieses Foto seinerzeit zwar auch gesehen, konnte mir aber die Gesichtszüge nicht merken.
Etwas anderes prägte sich mir dafür um so fester ein. Als die Polizeitaucher nämlich die Leiche geborgen hatten und man die Frau auf einer Tragbahre zum Rettungswagen trug, stolperte einer der Träger derart unglücklich über einen Stein oder eine Wurzel, dass ein nackter Arm unter der Plache hervorrutschte und eine Hand mit langen schmalen Fingern über die Bahre hing. Diese Hand sah ich auch später wieder in meinen schlimmsten Träumen.
Der Zug erreichte Neuenburg wirklich fast ohne Verspätung, und die Sitzung verlief zur Zufriedenheit aller Teilnehmer. Mein Nachtquartier in einem bescheidenen Hotel hielt, was es versprochen hatte. Die Nacht verlief ruhig und ohne besondere Vorkommnisse. Als ich am nächsten Morgen in den Zug nach Basel stieg, schienen alle Erinnerungen an Wangen in weite Ferne gerückt. Ich leistete mir einen Kaffee crème und ein Gipfeli; dann griff ich nach dem Revolverblatt, das jemand im Abteil hatte liegen lassen. Auf der Frontseite war von einem grausigen Fund auf einem ehemaligen Bauernhof die Rede. Bei Sanierungsarbeiten war ein Bauarbeiter im Boden unter einer primitiven Bretterbude, die früher einmal als Hühnerstall gedient hatte, auf einen menschlichen Schädel gestossen. Als ein Untersuchungsbeamter im nahen Wangen von dem Fund hörte, erinnerte er sich an den ungelösten Fall. Seine Vermutung erwies sich als richtig, wie zahntechnische Abklärungen ergaben. Die Täterschaft stand nicht mit hundertprozentiger Sicherheit fest. Es deutete aber alles darauf hin, dass der Mord vom Sohn der ehemaligen Besitzerin, einer vor kurzem verstorbenen Witfrau, begangen worden war. Er war vor Jahren mit unbekanntem Ziel abgereist und galt seither als verschollen.
Von der jungen Frau wusste ein ehemaliger Nachbar zu berichten, sie sei „lebenslustig“ gewesen und habe auch „Bekanntschaften“ gehabt. Irgend jemand musste dem Reporter auch ein Foto gegeben haben, auf dem das Opfer im Badeanzug zu sehen war. Ihr Gesicht sagte mir wenig – ich habe noch immer Mühe, mir Gesichter zu merken –, doch die Hand erkannte ich sofort wieder. Ich war sicher, sie tags zuvor gesehen zu haben.
Martin Stohler, Jahrgang 1955, ist Historiker, eingefleischter Dylan-Kenner und Korrektor. Aufgewachsen ist er in Pratteln und Buckten. Er lebt und arbeitet in Basel. Diverse seiner Beiträge erschienen unter anderem in der Sissacher „Volksstimme“, den „Baselbieter Heimatblättern“ und in der „TagesWoche“. Martin Stohler ist Mitherausgeber der Reihe „Service Public“ in den Editions le Doubs, St-Ursanne.
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Ja, die kopflose Leiche passt wirklich wunderbar zur RS-Geschichte.
Kopflos (oder besser rückgratlos?), wer in so einem Verein mitmacht, respektive mittat …
@ Sailor: Ich will ja über die Schweizer Armee nichts Gutes sagen, aber immerhin lernte man dort als Funker die nützliche Regel, die man nicht nur beim Funken beachten sollte:
„Denken – drucken (um auf Senden zu gehen) – schlucken (damit in der Zwischenzeit das Relais schalten kann) – und erst dann sprechen.“