DWVEBDMSBHBEBDS #5

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndler

Von Gregor Szyndler

Leoluca spricht klug. Der Vater bringt ihn zum Schweigen. Leoluca berichtet von einem Streit. – Auch als Kalenderereignis.

Hans Bissegger schaut sich verwirrt in dem Raum um, ein halbrund gerolltes Blatt in den Händen. Er wedelt abermals damit, dreht und wendet es und äugt es, mürrisch irgendwie, konfus, von allen möglichen Seiten, in allen erdenklichen Betrachtungswinkeln, an, als gelte es, wenn dieses Mal auch keine Zitronensafthieroglyphen, so doch zumindest eine wider Erwarten positive Mitteilung und Benotung darauf zu entdecken. Der Misserfolg seiner diesbezüglichen Bemühungen ist evident, ohne dass man noch gross den Zettel in seiner Hand dazu anschauen müsste: dessen Informationsgehalt ist denn auch so knapp und übersichtlich, wie man es nur wünschen kann. Trotzdem gebricht es Hans Bissegger an Worten, die gekräuselte Stirn spricht Bände; himmelangstflau wird es ihm, eng, er spürt den kalten Sog der Wiederholungen und Vorweggenommenheiten, er fürchtet, nun sei schon wieder ein anderes Schulverhältnis von Leoluca zur Unzeit beendet. Hans Bissegger seufzt, den Sohnemann für keinen Sekundenbruchteil aus den Augen lassend.

„Ist das das Notenblatt?“, fragt er, dieweil er an seine Motorsäge denken muss, hilflos an sie denken muss er, an ihr Röhren, Qualmen und Zertrennen. Leoluca Bissegger bleibt diese Regung verborgen, oder dann missversteht er jenes Flackern in den Augen seines Vaters als Aufforderung dazu, den beschrittenen Weg auch weiter zu gehen, schliesslich scheint sich der Vater nichts Lieberes denken zu können als eine sportive, frühmorgendliche Auseinandersetzung.

„Das sieht man doch!“, versetzt der Sohn, den Kopf im Nacken und die Brust rausgedrückt: „Ich meine, du kannst doch auch, also – … lesen!?“

Der Vater nimmt es stoisch hin; er bringt jetzt wenigstens mit nur ein paar ganz wenigen Gesten, die sich kaum aufschreiben lassen, den Sohn (er hält sich noch immer, und: wortreich! bei der Frage auf, wie um alles in der Welt man das nicht sofort als Notenblatt erkennen könne) zum Schweigen (Gewaltanwendung: keine, wenn man absieht von ein paar handgreiflichen Blicken). Eine immer wie geräumigere Stille entsteht zwischen den beiden, wird es doch mittlerweile sogar auch Leoluca klar, dass mehr im Schweigen des Vaters liegt, liegen muss, als nur die angestrengte Suche nach einer träfen, schlagfertigen Antwort. Ein Zittern geht durch das Notenblatt in Hans Bisseggers Hand, ein leichtes, leises Zittern, Vorhut eines Wutanfalls oder Zufall und Einbildung, Überinterpretation einer winzigen Regung oder letzter Ring am Dampfkochtopf: Es wird sich weisen.

Notenblatt

Als ob man durch sämtliche Böden fiele, kein Auffangnetz und kein Applaus, keine oberschenkeltief mit Sägespänen ausgestreute Manege, und keiner bezahlt Eintritt, um das Wagestück zu sehen; fallen! fallend! so muss man sich Hans Bisseggers Gefühlslage vorstellen. Er rechnet sekündlich damit, aufzuschlagen, und doch verlängert sich sein Fall ins Bodenlose und durch noch tiefere Schwärzen: Alles wird ihm so Skalpell wie Säge, die Säge steht ihm tröstlich vor Augen, frisch geschmiert und vollgetankt. Es ist, gewissermassen, die vollkommene Illustration der folgenden Eselei: Man steht auf, frühmorgens tut man das, ein widerlicher schwarzer Kasten sondert himmellautschreiende Geräusche ab, plärrt, brüllt, zerschneidet das Band, und draussen vor den Fenstern, da tagt es. Man widersetzt sich der Schwerkraft, den Gesetzen der Trägheit bietet man Paroli, man schüttelt ab den Schlaf und stellt sich auf zwei Beine, auf zwei Füsse stellt man sich, auf deren Sohlen sich die Anfechtungen der Gravitation auf engstem Raume bündeln. Aufrechter Gang: anstatt der Schwerkraft auch weiterhin gelassen den Rücken zuzukehren, steigt man vom Baum und man begibt sich in einen neuen Tag, neuen Hamsterrädern und Galeeren zu, und man tut dabei trotzig genau so, als ob es etwas bringen würde, als ob man mit einem Mal nicht mehr auf einer verzogenen, undankbaren Brut sitzengeblieben wäre und nur mehr mit Müh und Not Hypotheken und Geldesgelder abzustottern sich selbst verurteilt hätte: Zuerst gibt man seine ganze Kraft für eine Sache, auf die man keinen Einfluss hat (wie Hans Bissegger krüppelt, dämonenhaft, bis seine Klinik einigermassen läuft und brummt). Dann beseitigt man die Sache, auf die man absurderweise nicht einmal durch ihre Beseitigung einen Einfluss hat (Hans Bissegger wollte aussteigen, ehrlich, damals, als er sich im nördlichen Laos in die angenehm heruntergekommene Kontaktbar „Better than Sex“ setzte). Hinterher macht man die Faust im Sack (gewisse Dinge gehören nun einmal dazu, maskenweise und gesellschaftshaft). So liessen sich auch Leolucas Geburt, Kindheit, Schulzeit erzählen: Einen Braten in einen Ofen zu stecken, braucht keiner Koch zu sein. Alles gegeben für Leolucas Kindheit, alle Wünsche ungeäussert erfüllt, an den Telepromptern von Leolucas Augen abgelesen, schliesslich sollte sich das Würmchen nicht die Stimmbänder ruinieren: und trotzdem die Sache mit dem Rhachitiker Lalaudey, einem Aberglauben von unfehlbarer Wunscherfüllung, einem Aberglauben vom direkten Band zwischen Wort und Fakt, geschuldet (bestenfalls!), ein fataler Aberglauben, der seinen Ursprung weiss der Henker wo hatte. Nichts also wie ab und los, Leoluca in zig Eliteschulen geschickt, um die gröbsten Auswüchse des Regelschulvollzugs wegzumachen, und damit er, Leoluca, im übertragenen Sinn, endlich das Golfen und Gesellschaften lerne. Mittlerweile, viele erfolglose Versuche danach, macht Hans Bissegger längst nur noch die Faust im Sack, was Leoluca betrifft.

Jetzt muss Leoluca den Vogel abgeschossen haben, dem Notenblatt zufolge. Schon wieder eine neue Schule suchen? Kann ein Schüler denn, kann sein Sohn! überhaupt so bescheuert sein? Anscheinend ja; Leoluca muss den Vogel abgeschossen haben. Hans Bissegger zischt Leoluca an, nach einer unausgeloteten, unauslotbaren Stille:

„Wie wird denn bloss aus einer 6 eine 1?“

„Du meine Güte! Bist du vielleicht tendenziös heute, Paps! — ich meine … Bestnote! 6! Aber das interessiert dich wieder einmal nicht – wie typisch! – … Du bist ja auch so ein Kleingeist, pfui!“

Unberührt von Leolucas Worten, unbeeindruckt von seinem Rudern und Stampfen, Zetern und Wanken, hakt Hans Bissegger noch einmal nach, nachdem der erste Gefechtslärm verklungen ist.

„Warum wird denn bloss eine 6 zur 1, hää, Chefchen?“ – Hans Bissegger nimmt sich unumstösslich vor, die Daumenschraube ein für alle Mal anzuziehen. „Und sag’ jetzt nicht schon wieder, alles sei wieder nur die böse, plumpe, prosaische Welt gegen den unterschätzten Künstler gewesen!“

„Nein, nein, nein !!!“, versetzt Leoluca Bissegger halb geifernd, in seinem Kerngebiet angesprochen. „Viel feiger! Reaktionärer! Ich zitiere! Die Deutschlehrerin also zu mir, so nach dem Austeilen der Arbeiten: ‚Bestnote hin oder her, Leoluca’ (sie betont meinen Namen wie ein Nudelkopf!), ‚…du musst mehr mehr Guzzi geben nächstes Mal! Mehr Tiefe! Mehr Substanz! Mehr Argumentation! — mehr Rhetorik, Schliff, Pfiff!’—Ich dann also so zu ihr: ‚… — !!! ??? !!!’ – ich bin doch kein Nudelkopf! — Darauf sie (so ein Nudelkopf): ‚Nur aus Sympathie habe ich es dieses eine Mal durchgelassen! Du kannst doch nicht ernsthaft mit solchen Nullnummern durchs Leben gehen wollen, du! Noch so eine Arbeitsverweigerung, Leoluca, und es setzt eine 1!’ – – – – – – – – (Arbeitsverweigerung! Arbeitsverweigerung: Man kann doch nicht die Leute zuerst voll texten, wie wichtig es sei, einen ehrlichen Winkel auf das drüber zu schreibende Thema zu wählen, ihnen einbleuen, man soll um alles in der Welt bei sich bleiben, beim eigenen Erfahrungsschatz, weil, einen Essay zu schreiben sei kein Maskenball und so und sowieso, und dann heisst es am Ende: Arbeitsverweigerung! Obendrein betont der Nudelkopf das Wort auch noch, als hinge das Schicksal von Weltmeeren, aussterbenden Sprachen, Abrüstungskonferenzen daran, pfwz!) – Jetzt also ich, zur Deutschlehrkraft, als Künstler mehr denn je gefordert (ich habe den Takt, dir die Details zu ersparen, Paps): ‚??? … — !!! !!! ??? —’ – Ich bin doch kein Nudelkopf, Paps, das bin ich doch, nicht? Darauf die Pädagogin (sie zeigte mit dem Finger auf mich, mit dem Finger, einfach so!): ‚Es ist nichts ohne Wort dafür, Leoluca, hörst du, Garnichts, man braucht sich bloss zu entscheiden und schreiben!’ — Was sagt man dazu, Paps, ich meine: ach — pfwz! … — was für ein Nudelopf: da ist man sprachlos, was !!! ??? … *** /// %%% &&&“

 

Stempel2

4 Gedanken zu “DWVEBDMSBHBEBDS #5

  1. Stefan

    haha :) gefällt mir. Und dann schreibt die Deutschlehrerin die 6 stante pede in eine 1 um?
    Könnte man den Titel deines Gedichtes „virulenter Realismus“ auch auf Leolucas Aufsatz anwenden? Oder auf deine Fortsetzungsgeschichte?

  2. gsz

    Danke, Anton!

    Deine Rückmeldung freut mich und steigert die Vorfreude auf die Arbeit am Teil von kommender Woche.

  3. gsz

    Ja genau, Stefan. Die 6 wird dann im Nu zur 1, weshalb, die Angaben dazu werden folgen.

    Wie genau meinst du das mit “virulenter Realismus” und der Novelle?

    Das ist eine schwierige, spannende Frage. Sie hat mich die letzten Tage beschäftigt. So lange es bei “virulenter Realismus” darum geht, nicht sklavisch von A bis Z sich an möglichst glaubhafte und plausible Versatzstücke des Realismus zu halten (Stichworte ‚Lebensabschreiberei’ und ‚tagebüchelndes Vorgehen’), um dadurch „Echtheitseffekte“ zu erzielen, sondern ihn keimhaft in den Text einzuschreiben, kleine Stückchen, die sich nach und nach zusammenfügen und dahingehend ansteckend wirken, als dass man ab einem gewissen Punkt das ganze dann doch für ‚realistisch’ nimmt oder für bare Münze: dann ja, dann stehen Gedanken aus “virulenter Realismus” auch hinter der Fortsetzungsnovelle als Ganzes.

    Nimmt mich Wunder, wie du als aufmerksamer Leser das siehst!

    Was den ‚Aufsatz’ betrifft: Weitere Leserrückmeldungen lassen mich vermuten, dass es sich dabei um eine ‚urban legend’ handelt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.