Bierzelt

Von Mitch Eggovic

Zum heutigen Texttag präsentiert «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» eine im besten Sinn merkwürdige Oktoberfest-Geschichte von Mitch Eggovic. Die Stimmung in seinem Bierzelt ist lustig, Leute trinken, singen, lachen. Hinter der fröhlichen Fassade jedoch verbergen sich Abgründe, die von einer Sekunde auf die andere nicht mehr zugedeckt werden können. Ein Blinzeln genügt, ein einziges, winziges Neben-sich-Sein, und schon ist nichts mehr, wie es einmal (niemals?) war.

"Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012" präsentiert eine Geschichte von Mitch Eggociv. zVg

«Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» präsentiert eine Geschichte von Mitch Eggociv. zVg

 

 

 

Kai war noch im Bad, wie es läutete.

«Komme gleich!»

Er war gerade noch dabei, sich fertig zu machen, öffnete daher im Handtuch. Thorsten, Clara, Mark, Stefan und Nadine hatten eine Flasche Sekt dabei. Jeweils ein Küsschen links und rechts, und für Nadine auf den Mund.

«Nein, wie ihr ausseht… Fesch, fesch…»

«Hast du Gläser?»

«Setzt euch doch gleich ins Atelier, da stehen welche auf der Kommode.»

Er ging zurück vor den Spiegel, um den Eyeliner dezent aufzutragen. Heute geht auch mehr Haargel, Wet Look a la Cristiano Ronaldo, beschloss er. Allerdings musste er das erst mit dem Outfit abstimmen.

«Sind das die Fotos vom letzten Shooting?», fragte Mark aus dem Atelier.

«Ja, aber die sind noch nicht sortiert.» Kai zog sich nebenzu im Schlafzimmer an. Mit der Lederhose hatte er etwas Schwierigkeiten, vielleicht doch etwas zu eng gekauft. Aber das liess ihn schlank aussehen, fand er.

Er hatte es gleich für eine super Idee gehalten, wie sie neulich nach Thorstens Finissage zusammen sassen und sicherlich etwas angetrunken beschlossen, einmal aufs Oktoberfest zu gehen. Clara kam mit der Idee auf. Sie hatte da gerade erst was mit Thorsten am Laufen und es entsprach ihrem Exklusivitätsanspruch, gerade bei Thorstens Ausstellung mit einer extravertierten Idee aufzukommen. Aber es klang geradezu amüsant, wie sie es sich in der Runde zusammen ausmalten. Es musste auch ohnehin jeder zugeben, dass diese Landhausmode schon auch interessant kombiniert werden konnte. Bald stand fest, dass das Oktoberfest Mainstream sei und doch auch so verfälscht. Sie wollten rausfahren aufs Land und dort in ein Bierzelt gehen.

Kai besah sich im grossen Spiegel. Das Hemd war gut gewählt, schönes klassisches Karomuster, er hatte sich beim Kauf gegen Hirschhornknöpfe entschieden, jedoch für Rosa als Grundfarbe. Ein bisschen Extravaganz, ein Muss. Das hellbraune Leder ergänzte sich nun auch wirklich gut mit den Farbtönen des Hemds. Kurz noch ins Bad wegen den Haaren und schon stand er stolz im Atelier und präsentierte sich.

«Na, was meint ihr? Fesch, nicht?»

Die Komplimente kamen, Kai wusste ja, dass er was von Mode verstand. Er war entzückt und nahm sich das Glas, das Clara ihm reichte.

«Na dann stossen wir mal an. Prösterchen…»

«Nadine, du trinkst auch einen mit! Nadine ist nämlich neidisch, weil sie nicht dabei war, als wir das ausgemacht haben und deswegen geht sie auch nicht mit», scherzte Kai.

«Wart ihr da eigentlich schon zusammen?», versuchte Mark den etwas ungelungenen Scherz von Kai zu überspielen.

«Ja, waren wir!», murrte Nadine.

«Ach komm Nadine, das haben wir doch schon geklärt.»

«Du siehst echt schwul aus in deinen Lederhosen.» Thorsten griff ein.

«He Nadine, du weisst schon, dass solche Kommentare Mark gegenüber echt nicht okay sind!»

«Ich find auch, dass es ein bisschen schwul aussieht» entgegnete Mark unberührt.

«Na dann habt ihr zwei ja heute Abend bestimmt den besten Spass.» Kai war sauer.

«Du weisst, dass ich mich schon lange auf den Abend freue, also machs uns bitte nicht mies! Und solche Sprüche kannst du dir echt sparen, Nadine.»

«Geht das schon wieder los.» Clara verdrehte die Augen.

«Jetzt kommt mal wieder runter.» Stefan meldete sich zu Wort. «Das wird lustig heute. Nadine, du bist jederzeit eingeladen, mitzukommen. Ein Freund von mir hat mir da was echt Tolles empfohlen. Eine gute Stunde mit dem Zug Richtung Süden, einmal umsteigen. So ein richtig originales traditionelles Bierzeltfest. Das geht dort auch früher los, also können wir auch mit dem Zug wieder nach Hause fahren, alles schon ausgecheckt.»

«Speaking of exklusive Abendplanung, Stefan, wo du nur immer diese Dinger ausgräbst!» Bis auf Nadine prosteten sich alle vorfreudig zu.

Bald sassen sie im Zug und unterhielten sich angeregt darüber, wie gut die Idee doch war, aufs Land raus zu fahren. Wegen der Originalität. Die nächste Flasche Sekt wurde aufgemacht. Clara konnte es wieder nicht sein lassen, dem Kai seine Nadine auszureden.

«Ich finde sowieso, dass du dich unter Wert verkaufst.»

«That’s none of your business», kommentierte Thorsten entnervt.

«Ja, aber das habt ihr doch jetzt wirklich alle mitbekommen, wie die mit unserem Kai umgeht… und sowieso, Mark, wie findest du überhaupt die Sprüche, die sie da heute gebracht hat?»

«Ach lasst das doch.» Stefan sah sich verantwortlich dafür, dass der Abend gut wird.

«Aber Mark», musste Kai dann doch loswerden, «du, ich muss mich da für die Nadine jetzt schon mal entschuldigen. Die meint das nicht so. Die ist eigentlich nicht so homophob. Wirklich nicht.»

«Ach Kai, was soll ich jetzt dazu sagen? Das muss sie selber wissen. Aber wenn wir schon ins Bierzelt gehen, müssen wir doch nicht die ganze Zeit übers Schwulsein reden, oder?» Mark konnte so etwas sehr versöhnlich rüberbringen und da alle lachen mussten, war die Stimmung eigentlich wieder gerettet.

«Ich jedenfalls werde heute mal ordentlich abfeiern!», schloss Kai die Diskussion ab.

«Nice…», sagte Stefan «Wir müssen jetzt eh aussteigen.»

«Eigentlich müssten wir hier jetzt links, oder seh ich das eh richtig herum?» Stefan hielt Thorsten das iPhone hin.

«Weiss auch nicht…»

«Vielleicht ist es ausgeschildert?», vermutete Clara.

«Wieso sollte denn das ausgeschildert sein?»

«Ach egal, ihr macht das schon, jedenfalls sehen wir alle einfach putzig aus!», meinte Clara und machte ein paar Fotos.

«Ich frag mal jemand.» Kai wendete sich an einen Passanten.

«Wos für a Fest?»

«So eine Art Oktoberfest!»

«Jo des is z Minga. Do seids es komplett folsch.»

«Bitte?»

«In MÜNCHEN ist des. Sie sand do in Oberguglbach.»

«Ja, nein, also schon hier. Ein Bierzelt. Das muss hier in Obergurgel…»

«O-BER-GU-GL-BACH»

«Ja genau hier im Ort.»

«Ahhh des Gautrochtnfest moanan sie. Und do wollts ihr hin?»

«Deswegen sind wir extra von München hergefahren.»

«Ja, ahso. Ja do seids scho gonz richtig. Oafoch die Strossn weiter. Des siggts dann scho.»

«Ach super. Vielen Dank.»

«Jo nocha vui Spass…»

Der Passant ging kopfschüttelnd weiter.

In der Tat war das Fest nicht schwer zu finden, immer mehr Leute in Tracht kamen an ihnen vorüber, manch einer musste schon gestützt werden.

«Diese Trachten, die sie hier alle haben, sind doch schon auch was Schönes, oder nicht?», meinte Clara.

«Ich finds ein bisschen uniformiert, alle gleich», bemerkte Thorsten und Clara lachte, «jedenfalls weniger extravagant als das Outfit von unserem Modezar Kai hier.»

«Zum Gautrachtenfest?» Kai sprach einen an, der gerade an eine Hecke pinkelte.

«He wos?», lallte dieser grantig und drehte sich um.

Mark zog Kai weiter. «Komm, Kai, ich sehs schon da vorne.»

Im Bierzelt angekommen, war das Fest schon in vollem Gange. Während die eher verbrauchteren Gäste sich draussen übergaben oder in irgendwelchen Ecken vor sich hinwankten oder dösten, standen die Aktiveren klatschend auf den Bierbänken.

«Ja, hier geht’s ja schon richtig zu…», lachte Clara etwas künstlich, als ein junger Bursche ihr vorbeiwankend tief in den Ausschnitt und Thorsten tief in die Augen sah.

«Na dann lasst uns mal eine Mass bestellen.» Kai war entzückt. «Das ist alles so grob! Das ist richtig echt!»

Bis auf Kai war aber sonst keiner von ihnen sehr begeistert von der Veranstaltung. Clara mochte die Blicke nicht, Thorsten auch nicht. Mark befand sarkastisch, es sei bis auf die Pogromstimmung ganz okay und Stefan hatte ein schlechtes Gewissen. Der junge Bursche war zurückgekommen und hielt Clara eine Schnupftabakdose hin, was sie etwas angewidert ablehnte. Er sah Thorsten noch etwas gehässig an und zog dann aber gleich wieder ab.

«Ihr müsst einfach mitmachen!» Kai stand schon auf der Bank und klatschte vergnügt in die Hände. Das sah bei ihm irgendwie anders aus als bei den Einheimischen, die ihn skeptisch beäugten.

«Hee du Aff’», sprach ihn ein untersetzter Herr mit rötlicher Schnapsnase an.

«Bitte?», wendete sich Kai zu ihm um.

«Du schaugst aus wia a Aff‘!»

Kai lächelte freundlich zurück.

«Kommt, macht mit, das ist lustig!», rief er den anderen zu, die steif auf den Bänken sitzen blieben.

«Ich bin der Kai!», sprach Kai den untersetzten Herrn an.

«Und I bin da Erwin.»

«I hol ma jetz a Mass», knurrte Erwin. Kai ließ sich den Spass nicht nehmen, denn die Blasmusik spielte das Kufsteinlied. Er hakte sich bei den Nachbarn ein und sang fröhlich mit.

«Du, was hältst du davon, wenn wir den Zug in einer Stunde…?» Kai verstand Stefan nicht.

«Was?»

«Den Zug in einer Stunde!» Kai hörte kaum etwas.

«Komm halt mal runter da!», deutete ihm Stefan. Wie Kai von der Bank herunterstieg, stiess er dummerweise gegen Erwin, der gerade mit einem Krug Bier zurückgekommen war. Erwin hatte sich dadurch etwas Bier aufs Hemd geschüttet und blieb schwankend und schweigend stehen.

«Mensch sorry», meinte Kai kurz und fing mit Stefan an zu diskutieren.

Stefan meinte, eine Stunde bleiben sei doch ein guter Kompromiss. Die anderen fanden das auch. Aber Kai war der Ansicht, dass er die anderen noch mit seiner Partylaune anstecken könne. Mark meinte halb ernst, es könnte ja vielleicht noch ganz lustig werden und Kai konnte ihm nur zustimmen.

«Also ich hol mir jetzt noch ein Bier. Stunde hin, Stunde her. Ich nehm gern auch jemandem eins mit!» Mark trank aus.

«Ja, bring mir doch eins mit!»

Erwin stand immer noch so wankend da wie vorhin, immer noch dorthin schauend, wo Kai schon nicht mehr stand, sondern Stefan, der den Zugfahrplan auf dem iPhone studierte.

«Whatever…» Kai ging achselzuckend weiter und wies lachend auf Erwin. Die anderen mussten nun auch ein bisschen schmunzeln.

«Passt mir gut auf meinen Freund Erwin auf!», rief er den anderen zu.

Wie er zurück kam, wusste er zunächst gar nicht, was los war. Ein Notarzt drängte sich an ihm vorbei.

«Zefix wos is denn scho wieder los?»

Und Clara beugte sich über Stefan und schrie: «Der atmet nicht mehr, der atmet nicht mehr!»

Daneben stand Erwin, genauso, wie er dort vorhin schon die ganze Zeit gestanden hatte, mit dem gleichen leeren Blick, nur der Masskrug in seiner Hand war zersprungen und blutig.

«Warst du des??», sah der Notarzt zu Erwin auf. Erwin sah den Notarzt kurz an.

«A so ein Aff‘!»

Mitch Eggovic stammt aus Bayern, wohnt und studiert in Wien und ist 30 Jahre alt.


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