gesichtet #34: Die Camper vom Hammerplatz
Von Michel Schultheiss
Prunkvolle Hochzeitsgesellschaften lassen sich beim «Foto Özlem» ablichten. Eine Gruppe italienischer Rentner findet sich zum gemütlichen Kartenspiel in der AC Milan Bar ein. Auch vor dem Lokal und auf der Strasse versammeln sich nicht selten Anwohner für ein Schwatz und ein Bier. Die Rede ist vom Hammerplätzli. Diesen inoffiziellen Namen hat der Ort der Tatsache zu verdanken, dass er sich zu einem beliebten öffentlichen Treffpunkt im Basler Matthäusquartier gemausert hat. Wo der Bläsiring auf die Hammerstrasse trifft, besetzen nicht Autolawinen, sondern plaudernde Anwohner die Szenerie. Ein Kiesplatz mit Bänken steckt mitten auf der Kreuzung eine Mini-Fussgängerzone ab und lädt zum Verweilen ein. Dieses ohnehin schon mediterran angehauchte Ambiente hat in den letzten paar Tagen noch einen Zacken zugelegt: Ein oranger VW-Bus aus den Achtzigerjahren wurde dort kürzlich stationiert. In einem kleinen Tagescamp wird zu Kaffee und Kuchen eingeladen.

Ein Hauch mediterraner Strassenstimmung trotz grauem Frühling: Das Störmobil von Grazia Pergoletti und Christoph Moerikofer (Bildmitte) lädt die Quartierbewohner an der Ecke Hammerstrasse-Bläsiring zum Plaudern ein (Foto: smi)
Hinter der Aktion steht das Kulturfestival «Wildwuchs», welches nun in den Startlöchern steht. Das diesjährige Motto der Veranstaltung lautet «Wir stören». Beim besagten Vehikel handelt es sich eines von insgesamt sechs sogenannten Störmobilen, welche zurzeit die Stadt unsicher machen. Grazia Pergoletti und Christoph Moerikofer, beide normalerweise als Theaterregisseure tätig, «besiedeln» seit mehreren Tagen das Hammerplätzli. Dabei wollen sie in Kontakt mit der Quartierbevölkerung treten. Die unerwarteten Gäste, welche sich mit Laptop und Espressokanne an der Strassenecke niedergelassen haben, sorgten anfangs für stutzige Gesichter: «Manche Anwohner dachten zuerst, wir seien Zivilpolizisten, Kirchenbeauftragte, Sozialarbeiter oder Stadtplaner», erinnert sich Grazia Pergoletti. Von daher habe es anfangs gewisse Berührungsängste gegeben. Schon bald aber seien sowohl Anwohner aller Altersgruppen wie auch Kulturschaffende auf die beiden zugekommen. Der erste aller «Besucher» sei schon wenigen Sekunden erschienen: ein Polizist. «Er war zuerst erstaunt, fand die Aktion aber super», sagt Moerikofer «Er meinte lediglich, es sollten keine Hindernisse das Trottoir blockieren», erzählt der Wildwuchs-Vertreter. Das mobile Café fand auch bei der Quartierbevölkerung Anklang. «Einige Anwohner meinten, dass seit der Ankunft des rollenden Kaffeekränzchen weniger Abfall rumliege», hält Pergoletti fest.
Das Störmobil macht an diesem Ort wenig von seinem Namen Gebrauch, denn es fügt sich gut in das Geschehen auf dem Strassenfleck ein: Während zwei junge Männer ihren Espresso unter dem Vorzelt des Fahrzeuges schlürfen, nähert sich eine ältere Dame im Rollstuhl. Lachend meint sie zu Georges, einem Freiwilligen, der ältere Bewohner des Quartier auf Spaziergängen begleitet, dass die beiden Kulturaktivisten nochmals ein Foto von ihr machen sollten. Ein Hipster, wie er in den derzeit beliebten Feuilleton-Debatten beschrieben wird, schlendert verwundert vorbei. Auch das Info-Mobil der Polizei macht am Hammerplätzli Halt. Erneut weckt die ungewohnte Versammlung die Neugier der Gesetzeshüter, die sich dann aber amüsiert in das Kaffeekränzchen einklinken.
Ein junger Italiener mit Porsche-Jacke gesellt sich ebenfalls hinzu. Auch ihm gefällt die familiäre Stimmung auf dem Hammerplätzli: «Fremde fallen auf diesem Platz schnell auf», meint der Anwohner. Nebst Italiener zählten auch einige Kurden und Türken zu den Stammgästen der Strassenkreuzung. «Hier wird über Fussball gesprochen», hält er fest. «Ein paar der Anwesenden spielen übrigens im AC Milan-Club Basilea». Die häufigen Gesprächsrunden auf dem Platz freuen jedoch nicht alle. «Es sind auch Anwohner vorbeigekommen, die über zu lärmige Nachbarn und laute Gespräche auf dem Platz geklagt haben», sagt Pergoletti. «Die meinten, wir seien eine Art Anlaufstelle», meint sie. Innert wenigen Tagen sind also verschiedenste Charaktere beim improvisierten Café vorbeigekommen. «Es ist wie eine Reise in ein fremdes Land», fasst Pergoletti die vergangenen Tage im Störmobil zusammen.
Grazia Pergoletti und Christoph Moerikofer werden am Sonntag, 26. Mai auf die anderen Störmobil-Expeditionsteilnehmer treffen. Um 18.30 werden sie beim Motel auf dem Kasernenplatz von ihren Erlebnissen berichten. Mehr Infos zum Festival gibt’s hier: www.wildwuchs.ch
