Billie Holiday – Der Blues mit der Lady

Billie Holiday hat ihr Leben gelebt. Ein hartes und schwieriges Leben. Ihre Biografie erscheint wie ein Klischee. Kein Wunder, das Klischee ist am Ende bis heute einfach besser zu vermarkten. Aber wahr ist es nicht. Die Jazzsängerin wuchs weder im Bordell auf, noch feierte sie bis am Schluss im Krankenhaus Parties und Drogenexzesse. Wenn stört es? 1959 ist lange her und die Story ist gut. – Ein Pamphlet.

"Rassismus, Gewalt, Gefängnis, Prostitution, Drogen, das sind die Bedingungen unter den  Billie Holiday Karriere machte." taz berlin

«Rassismus, Gewalt, Gefängnis, Prostitution, Drogen, das sind die Bedingungen unter, denen Billie Holiday Karriere machte.» taz berlin

Von Andy Strässle

Die Biografie ist der Ursprung des Erzählens. Das Erzählen nicht erst seit Freud der ursprünglichste Versuch die Dunkelheit der Nacht zu vertreiben. Dass sich mündlich überlieferte  Erzählungen verändern, sich selbstständig machen und mit der Zeit immer mehr den Zuhörern als dem Erzähler gehören, liegt in der Natur der Sache.

Aber wem gehört eine Biografie, dem Erzähler, demjenigen, der sie erlebt hat? Der Blues mit der Lady beginnt mit 1400 Musikkassetten, mit unzähligen Interviews in einem Karton. Die Geschichte beginnt mit Linda Kuehl, einer zweitklassigen, mässig erfolgreichen amerikanischen Journalistin, die versuchte, eine Biografie von Billie Holiday zu schreiben.

Es spricht nicht gegen Linda Kuehl, dass sie sich im Material, in den Widersprüchen rund um die Jazzsängerin verloren hat, dass sie mehr und mehr Material aufgenommen und Interviews gemacht hat und dabei immer mehr Widersprüche entdeckte.

Im Versuch dem Leben der Sängerin auf die Spur zu kommen, bekam sie statt Antworten immer mehr Fragen. Folgerichtig warf ihr der Verlag vor, den Faden verloren, die Wahrheit zu verkennen. Aus Sicht des Verlages mag es richtig gewesen sein. Zwar beschrieb Linda Kuehl in ihren Probekapiteln ein grosses, starkes, etwas verwahrlostes und wildes Mädchen, das mit zwölf ganz gut als Sechzehnjährige  durchgehen konnte. Sie beschrieb die Schwierigkeiten der jungen Mutter, die selbst wohl zu jung gewesen war, um ein Kind aufziehen zu können.

Den Verlag störte diese Geschichte nicht und Billie Holiday selbst griff  in ihrer Autobiographie «Lady sings the blues» diesen Alltag in Baltimore und New York auf. Für ihren Ghostwriter und Auftragsschreiber William Dufty präsentierte sich die Situation allerdings etwas anders: Aus der ruhe- und heimatlosen Jugend von Billie Holiday machte er eine Jugend im Bordell. Aus dem frühreifen Mädchen eine mehr oder weniger willige Nutte. Die Abwesenheit dieser Geschichten hat ihn dann zwanzig Jahre später gestört, den Verlag von Linda Kuehl.

 

Immer Ärger mit der Polizei.

Immer Ärger mit der Polizei.

Fast schon entschuldigend schreibt der Nautilus Verlag im Klappentext des Buches, das seit über fünfzig Jahren noch immer nachgedruckt wird: «Ihr Name steht als Codewort für den Jazz schlechthin; ihr Leben für die Übererfüllung fast aller seiner Klischees.» William Dufty zitiert sie im Buch griffig so: «Hunger und Liebe. Alles was ich bin und was ich vom Leben will, lässt sich auf diese zwei Worte zurückführen.»

Erzählte Geschichte ist widersprüchlich, vor allem dann, wenn sie lange her ist. Billie Holiday war 1927 zwölf Jahre alt. Zusammen mit ihrer Mutter Sadie Fagan lebte sie bei verschiedenen Verwandten in Baltimore und später in New York, ihr Vater Clarence Holiday – ein gutmütiger Lebemann und Musiker, an den sich alle gerne erinnern – war schon lange weitergezogen. Er wird seiner Tochter, die immerhin seinen Nachnamen als Künstlernamen wählt, nur einige Male begegnen.

Unbestritten ist eines: Trotz Armut, einer überforderten Mutter und nicht immer wohlwollenden Verwandten, Billie Holiday hat sich nie über ihre Jugend beklagt. Sie hat in Baltimore Treppen geschrubbt, um nicht hungrig zu sein, in Harlem wurde sie vergewaltigt, was aufgrund von Gerichtsakten belegbar ist und ihr wohl den Ruf als Prostituierte einbringt. Während sie selbst von diesem Trauma nie spricht, gilt sie von da an als Verführerin. Der Täter, ein Nachbar an der Durham Street, wird freigesprochen und Billie landet im Kinderheim, dem «House of the good Shepherd», einer Reformschule für Schwarze.

Wie es im Leben oftmals so geht, die Reformschule reformierte Billie Holiday auf gegenteilige Weise. Wieder frei stürzt sich das Mädchen ins Nachtleben. Beginnt einen Lebensrhythmus, der tatsächlich jedem Klischee entspricht. Die Erinnerungen der Zeitzeugen zeigen jemanden, der sehr schnell lebt, der das damals in den Staaten noch legale Marihuana raucht, jemanden, der mit vierzehn anfängt zu trinken. Gleichzeitig fängt sie in dieser Halbwelt an zu singen. Es ist eine rauhe Welt, eine rohe Szene, in der eine Frau für die ganze Nacht einen Dollar kostet, Sängerinnen in Nachtclubs einen Nickel mit der Vagina aufsammeln.

Umgeben von diesen rauch- und alkoholgeschwängerten Geschichten ist es leicht, sich ein Bild zu machen. Spielt ja keine Rolle, wenn es nicht stimmt. Nach dem zähen Leben in der Reformschule schafft es Billie Holiday, Gigs nur mit einem kratzigen Grammophon als Begleitung zu bekommen, ohne sich demütigen zu lassen. Während alle Zeitzeugen berichten, dass sie oft in Schwierigkeiten und auch in Schlägereien gerät, so hat sie es auf fast schon wundersame Weise nicht nötig sich zu prostituieren.

Mag sein, das war ein Geschenk, aber natürlich ist Billie Holidays Aufstieg zum Ruhm beschwerlich. Und die Legende von der Prostituierten liegt begründet im Harlem der frühen dreissiger Jahre. Zwar galt New York für Schwarze als Land der Freiheit, der unbegrenzten Möglichkeiten. In Wahrheit bildete sich in Harlem ein Ghetto, in dem Hausbesitzer noch aus der baufälligsten Ruine Profit schlagen konnten.

Die Bevölkerung auf den fünf Quadratkilometern wuchs zwischen 1905 und 1935 um rund 600 Prozent, bis 200’000 Menschen hier zusammengepfercht waren. Als Vergleich könnte man Basel-Stadt anführen, hier leben auf 37 Quadratkilometern rund 180’000 Leute. Als Sadie Fagan in Baltimore keine Arbeit mehr als Hausmädchen findet, zieht sie mit ihrer Tochter nach New York. Sie wohnen an einer Adresse, an der Florence Williams ein Bordell führt. Es ist Billie Holidays besonderes Unglück, dass sie – ähnlich wie bei der Vergewaltigung – nach einer Razzia als einzige im Justizsystem hängenbleibt und als fünfzehnjährige bereits ein erstes Mal für ein halbes Jahr im Knast landet.

Ihre Musik ist nicht leicht zu vergessen.

Ihre Musik ist nicht leicht zu vergessen.

Während in den siebziger Jahren Linda Kuehl Verwandte und Freunde aufstöbert, und auf ihren Tapes Mitmusiker und Mitsäufer ziemlich umfassend befragt und sich nur selten beirren oder frustrieren lässt, ist einer der schockierenden Auswüchse im wachsenden Kanon der Billie Holiday-Biografien das Werk «Wishing on the Moon» von Donald Clarke.

Der Autor inszeniert seine Biografie, empfindet Szenen und Situationen nach. Er scheint alles zu wissen und nimmt einen mit, bis ans Sterbebett der Sängerin. Ein Krieger gegen das Klischee ist er allerdings nicht. Im Gegenteil. Zugegeben: Die Sängerin ist permanent von Drogen umgeben, ihr Manager und Freund John Levy ist ein Zuhälter, Joe Guy ihr zweiter Ehemann, ein Drogendealer und Louis McKay mit dem sie die letzten beiden Jahre ihres Lebens verheiratet war, sah sich als Geschäftsmann.

Klar erscheint, dass sie trinkt, ab und zu kokst und einige Jahre heroinabhängig ist. Allerdings deutet auch einiges daraufhin, dass sie diese Sucht einigermassen regulieren konnte und dass in späteren Jahren der Gin zum Frühstück zwar geblieben, die Drogen jedoch verschwunden waren.

Zum Teil also lebt Billie Holiday ein Klischeeleben. Sie säuft ab sechzehn wie ein Loch, steht nie vor vier Uhr nachmittags auf, sie hat Sex, experimentiert mit Drogen und sie heiratet immer nur die grössten Arschlöcher. Aber Clarkes Wünsche gehören auf den Mond. Er macht aus dem Treppenschrubben des Mädchens, die Suche nach dem schnellen «Trick», Sadie Holiday, sicherlich eine junge Frau auf der Suche nach einem Mann, der bei ihr bleibt, wird genauso zur farbenfrohen Prostituierten wie die Tochter. Dass es dafür keine Anzeichen gibt, ficht seine Erzähllust nicht an. Nicht einmal die Überlegung, dass eine zehnjährige kaum so frühreif sein könnte, um als Prostituierte mit anderen jungen Mädchen und Frauen mitzuhalten, die es im Armenviertel Baltimores damals zu Hauf gibt, lässt ihn auch nur einen kurzen Augenblick zögern.

Dabei kommt das schon in der Nautilus-Ausgabe der Autobiografie im Nachwort von Frank Witzel aufgeklärter daher: «Als ihre Biographie 1956 erschien, gab es einen Haufen von Dementis von im Buch erwähnten Bekannten und Freunden, wobei etliche die Kindheit im Bordell in Frage stellten. Eine Frage, die sich wohl nie wird beantworten lassen, genausowenig wie die Frage, ob Billie Holiday in den letzten Jahren wirklich dem Rauschgift Ade gesagt hat oder nicht.» Interessant an der fast schon niedlichen  Formulierung ist vor allem, dass die Mythologie, dass Klischee der todtraurigen Bluessängerin bis heute stärker ist als alle Dementis oder Fragen, die sich aufdrängen.

"I'm always making a comeback, but nobody ever tells me where I've been." Billie Holiday

«I’m always making a comeback, but nobody ever tells me where I’ve been.» – Billie Holiday

Es ist sind die Mythen des Jazz, er hinterlässt grosse Tote, bleiche ausgelaugte Tote. Und sie alle von Charlie Parker bis Sarah Vaughan oder Ella Fitzgerald waren früher oder später einmal Junkies und haben Knasterfahrung. Ist es dabei wichtig, dass es wahr ist?

Zurück zu Autobiografie-Ghostwriter William Dufty. Als Lohnschreiber melkt er Billie Holiday wie es nur geht und schreibt sie zum Vorzeige-Junkie. Gleichzeitig braucht das «Federal Bureau of Narcotics» Schlagzeilen, um seine Existenz zu rechtfertigen und Dufty liefert sie. Billie Holiday ist zu der Zeit immer eine Schlagzeile , einen Skandal wert.

Auf gewisse Weise wiederholt sich auf zynische Weise die Geschichte der Prohibition. Das «Alkoholverbot», das lustigerweise Besitz und Herstellung von Alkohol verbot, jedoch nicht das Trinken, war auf Betreiben reaktionärer Kreise im Süden der Staaten durchgesetzt worden. Mit dem Argument: «Schnaps macht einen Wilden aus dem Neger und lässt ihn unnatürliche Verbrechen begehen …» (Senator Richmond Pearson, Alabama, 1914).

Nach einem Nervenzusammenbruch 1935 und einer Budgetkürzung um die Hälfte schaffte der Federal Bureau of Narcotics-Chef H.J. Anslinger (von Schweizern abstammend ein Comeback) mit der «Marijuana Tax Bill» von 1937, die er vor dem Repräsentantenhaus mit den Worten verteidigte: «…manche Leute verfallen einer delirösen Wut und könnten brutale Verbrechen begehen.» Weiter fand er, dass Marihuana die schlimmste Droge sei, schlimmer als Morphium oder Kokain. Damit hatte sich Anslingers Behörde einen neuen und ziemlich grossen Kundenkreis an potentiellen Kriminellen erschlossen und die Finanzierung über Jahre gesichert.

Mit einem Schlag fanden sich viele Nachtschwärmer und Musiker, die Marihuana doch sehr mochten, auf der falschen Seite des Gesetzes. Und gleichzeitig waren damit alle Drogennutzer als gleich abgestempelt.

Mit illegalen Drogen lässt sich nicht streiten. Auffällig ist allerdings schon, dass Billie Holiday Opfer ihres zweifelhaften Rufes wird. Sie macht Schlagzeilen und hat anschliessend grob gesagt, immer wieder das FBI auf den Fersen. Linda Kuehl treibt sogar einen Agenten auf, der ziemlich unverblümt schildert, wie das FBI die Sängerin in die Pfanne gehauen hat. Die Gerichtsurteile gegen sie sprechen ebenfalls Bände: Bei Jazzdiva Sarah Vaughan wird Heroin gefunden, sie bekommt Bewährung, bei Bille Holiday reicht der Verdacht für ein Urteil.

"I can't stand to sing the same song the same way two nights in succession, let alone two years or ten years. If you can, then it ain't music, it's close-order drill or exercise or yodeling or something, not music."

«I can’t stand to sing the same song the same way two nights in succession, let alone two years or ten years. If you can, then it ain’t music, it’s close-order drill or exercise or yodeling or something, not music.»

Es ist keine einfache Geschichte: So vermarktete der erste Biograph von Billie Holiday, William Dufty, zwar die Drehbuchrechte von «Lady sings the blues», schrieb bei jeder Gelegenheit Artikel mit Titeln wie «Ich war ein Sklave weisser Drogen», gleichzeitig blieb er Billie Holiday bis am Ende treu und versuchte nicht nur in ihrer Ehe mit dem Kleinkriminellen Louis McKay zu vermitteln, sondern ihr auch zu helfen sich juristisch zu wehren. Der Film von 1972 der später Diana Ross zu Starruhm verhalf, löste ein weiteres Mal eine Flut von Artikeln, Essays und Büchern auf der Suche nach der «wahren» Billie Holiday aus. Als ein einziger Hohn erscheint, dass eben jener Louis McKay im Film als jener Charakter erscheint, der versucht Holiday vor sich selbst zu retten, während er sich tatsächlich von ihr Aushalten liess und im Grunde einfach ihr Geld verschwendete, so dass sie gezwungen war immer weiter aufzutreten, obwohl in späten 40ern und anfangs der 50er inzwischen die Spuren ihres Lebenswandels deutlich zu spüren waren.

Ein Stück weit erscheint das, was William Dufty getan hat, im besten Fall ambivalent: Er hat eine bekannte Persönlichkeit – und vielleicht auch nur ihre «Persona» – ausgebeutet, gleichzeitig ist er aber privat ein Freund von ihr geblieben. Einer der letzten. Denn Ehemann Louis McKay machte sich sofort aus dem Staub als Holiday zu krank war, um noch lange Tourneen zu absolvieren und kein Geld mehr zu holen war.

Aus heutiger Sicht wäre es vielleicht sogar okay zu sagen, Dufty hat mit seiner Biografie Holidays Karriere noch kommerzieller gemacht. Aus der Clubsängerin, die wegen ihrer Drogeneskapaden, die Cabaret-Card in New York längst verloren hatte, wurde eine Prominente, die landesweit grössere Hallen ausverkaufte. Nicht zuletzt darum, weil jetzt nicht nur das FBI sehen wollte, was Billie Holiday wieder anstellen würde. Es mag gerecht sein zu sagen, Dufty war ein Auftragsschreiber, der zwischen Verlag und Holiday vermittelte und gleichzeitig mit der Mode gehen musste. Die «Geständnis-Biografien» von Schwarzen waren «in» und Holiday hatte das Geld gebraucht.

Mit «Schlagzeilen sind gut fürs Geschäft» könnte man die Bilanz von «Lady sings the blues» beschliessen. Mag sein, sie waren es auch. Gleichzeitig sorgten die Schlagzeilen auch dafür, dass Holiday oft von der Polizei überwacht wurde und sie keine Cabaret Card mehr bekam und immer ausgelaugter ihre Tourneen fortsetzen musste.

William Duftys Schreiberei ist einigermassen nachzuvollziehen. Er hatte ja keinen Verbrecher geheiratet und sich nicht mit dauernd mit schlechten Beratern umgeben. Für Biograf Donald Clarke bleibt dagegen wenig Verständnis: In «Wishing on the Moon» beschreibt er liebevoll Parties im Krankenhaus, Musik und das Gelächter und die Verlockungen des High-Seins. So lange bis das FBI kommt. Wer mag es nicht, das Klischee bis zum Schluss, das konsequente Ausbrennen eines Künstlers, dessen Wildheit und Flamme die Nacht erhellt? Ist doch romantisch, irgendwie.

"Singing songs like 'The Man I Love' or 'Porgy' is no more work than sitting down and eating Chinese roast duck, and I love roast duck."

«Singing songs like ‚The Man I Love‘ or ‚Porgy‘ is no more work than sitting down and eating Chinese roast duck, and I love roast duck.»

Im Juni 1959 verlässt Billie Holiday ihre Einzimmerwohnung in New York nicht mehr viel. Sie bekommt nur selten Besuch und die Aufnahmen zu ihrer letzten Platte «Lady in Satin» scheinen den Rest ihrer Energie aufgebraucht zu haben. Nach den Aussagen ihrer Sekretärin Alice Vrbsky schaut die Sängerin vor allem fern und mixt sich Drinks aus Gin und Seven Up. Ein Leber-Versagen bringt sie ins Spital, wo sich ihr Zustand weiter verschlechtert.

Nach und nach versagt Holidays Körper seinen Dienst, die Beine schwellen an, es wird für sie immer schwerer zu atmen. Im Spital wird sie sogar erneut verhaftet und von Polizisten bewacht, obwohl sie nicht einmal mehr aufstehen könnte um abzuhauen. Die letzten Wochen und Tage von Billie Holiday sind geprägt von Isolation und von einer weiteren Beschuldigung, Drogen besessen zu haben, was aber letztlich abermals nie bewiesen werden wird. Ist auch gar nicht mehr nötig. Unter den wachsamen Augen der Drogenpolizei starb Holiday am 17. Juli 1959.

Die Biografie ist die direkteste Form des Erzählens. Auch weil wir alle eine Lebensgeschichte haben. Dass sich Geschichten und Lebensgeschichten mit der Zeit verändern, erscheint bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich. Dennoch stimmt der Kontrast zwischen der imaginierten Jazzdiva, die sich bis ins Grab feiert, und der Sängerin in der Realität, die gesundheitlich schwer angeschlagen verlassen im Spital stirbt, nachdenklich.

Billie Holiday war eine eine Jazzsängerin, eine Künstlerin, die jahrelang ihr Publikum fand und die bis heute Platten verkauft. Erst nach ihrem Tod wird sie weltberühmt, zur prägenden Stylistin im Jazz, sie wird zu einer mythischen Figur, deren Geschichte sich verselbstständigt. Das ist nicht weiter ungewöhnlich. Es ist der Preis für den Ruhm. Alle meinen alles über Michael Jackson, Elvis Presley oder Brad Pitt zu wissen. Die mediale Brechung macht sich eigenständig, in der steten Wiederholung geht die Differenzierung verloren. Als Stylistin beeinflusst Holiday noch heute Sängerinnen von DeeDee Bridgewater bis hin zu Nnenna Freelon. Was soll also die Haarspalterei um Klischees und Mythen, wen interessiert da, ob sie in den letzten Tagen ihres Lebens im Spitalbett Drogenorgien gefeiert hat oder ob sie sich als Mädchen prostituiert hatte?

Linda Kuehl springt zwanzig Jahre nach Billie Holidays Tod in New York aus dem Fenster ihrer Wohnung. Sie hinterlässt unzählige Interviews, sie hat sich inmitten von Wäscherei-Belegen, Tourneeplakaten, Setlisten und gesammelten Zeitungsartikeln über Billie Holiday verloren. Es wirkt beinahe als ob ihr Lebenswerk sie selbst erdrückt hat. Linda Kuehl hat irgendwo unterwegs zu Billie Holidays Lebensgeschichte den Faden verloren und wird ihn nicht mehr finden.

Dem Biografen der Neunziger Donald Clark kann man nicht vorwerfen, sich dieser Gefahr ausgesetzt zu haben. Virtuos erzählt er Holidays Geschichte anschaulich nach, beinahe so als wäre er selbst dabei gewesen. Lustigerweise ist gerade Clarke einer der wenigen neueren Biografen, die auf Kuehls Material für «Wishing on the Moon» zurückgreifen konnten.

Dass Autor Donald Clarke besessen von Holidays Sexualität ist, zeigen die letzten Sätze von «Wishing on the Moon». Hier greift er auf das Interview von Linda Kuehl mit dem Begleitpianisten Jimmy Rowles zurück, der für Holiday in den 50er Jahren spielte. Kuehl hatte 1971 im Montecito Hotel in Hollywood einen angetrunkenen Musiker getroffen, der noch immer auf seine Art um Holiday trauerte. Der damals 53-jährige Rowles gibt im Gespräch mit Kuehl nicht nur zum Besten, dass Billie Holiday aus ihren Hüften heraus gesungen habe und dass sie darum so unverwechselbar sei, sondern er schildert auch exzessive Parties und Schlägereien.

Etwas später, nach einigen Drinks, meint er, er hätte mit Holiday ins Bett sollen und auch die Gelegenheit dazu gehabt, tröstet sich aber: «I’ll fuck her after I’ll die.» Holiday ist seit diesem Zeitpunkt über zwanzig Jahre tot, was die Aussage gruselig macht. Dennoch, Rowles Sehnsucht mag verzeihlich sein. Beim Erscheinen von «Wishing on the Moon», das mit diesem Männertoiletten-Spruch endet, ist die Frau schon beinahe fünfzig Jahre tot.

Am Ende scheint es nur einen Grund zu geben, Billie Holiday so aufs Grab zu spucken: Sex verkauft sich bis zum bitteren Ende, gar übers bittere Ende hinaus. Seit Menschengedenken erzählen wir uns Geschichten um die Dunkelheit zu vertreiben. Aber es funktioniert offenbar nicht immer.

Bücher:

«Lady sings the blues», Autobiografie Billie Holiday, Nautilus, Hamburg, 1999 (6. Auflage)

«Wishing on the Moon», Donald Clarke, 2002 (Paperback)

«With Billie», Julia Blackburn, Jonathan Cape, London, 2006

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