Die Sprachen des indigenen Denkens – Klaus Reuss über Daniel Munduruku

Brasilien ist das Gastland der Buchmesse. Über 90 Autoren werden ihr Land präsentieren. Einer der spektakulärsten unter ihnen ist Daniel Munduruku, Professor der Geschichte und der Philosophie, Autor von fast 50 Büchern. Und Indigener vom Volk der Munduruku.

Daniel_Munduruku

Der brasilianische Schriftsteller Daniel Munduruku ist Autor von Kinderbüchern, in denen er die Erzählungen seines Volkes zum Leben erweckt, er schreibt über den Alltag und den Überlebenskampf sowie über seine Arbeit als Lehrer und Professor. Er ist massgeblich beteiligt an Organisationen, die sich dem Schutz der indigenen Kulturen widmen und Mitorganisator der indigenen Buchmesse 2010 in Cuiaba. (Foto: Wikimedia).

Von Klaus Reuss

Die Munduruku sind eines von über 200 indigenen Völkern Brasiliens. Es sind etwa 11.000 Personen. Ihre Sprache heißt auch Munduruku und gehört zur Familie der Tupi-Sprachen, einer von drei großen Sprachfamilien in Brasilien. Sie leben an den Ufern des Rio Tapajos und sind akut vom Bau eines Staudamms bedroht. Die Munduruku sind eines von vielen Beispielen indigener Völker in Brasilien. Einige ihrer Gebiete sind als Reservate anerkannt. Trotz der Einengung und erschwerter Lebensverhältnisse haben sie sich in der Situation eingerichtet. Sie treiben Handel mit Waren, die sie selbst herstellen. Verkauft werden sie aber von der Gemeinschaft; das System ist genossenschaftlich organisiert.

Trotz großer Probleme sind viele indigene Völker also wirtschaftlich überlebensfähig. Wie sieht das aber mit ihrer Kultur aus? Und welche Bedeutung hat dafür der Erhalt ihrer Sprache? Besonders anschaulich wird der Zusammenhang von Kultur und Sprache, wenn wir zunächst ein anderes indigenes Volk Brasiliens betrachten. Das Volk der Kaingang lebt im Süden Brasiliens. Seine Sprache gehört zur Familie de Ge-Sprachen. Im Gegensatz zu den Völkern der Tupi-Familie ist das Weltbild der Kaingang dualistisch. Alles auf der Welt ordnet sich nach den Prinzipien der ungleichen Zwillinge Kame oder Kanhru. Die Kategorien Kame und Kanhru beinhalten sowohl mythische Wesen und Prototypen, die aber im Sinne Platons als real existierend angesehen werden, als auch alle Pflanzen, Tiere und Menschen, die je nach Eigenschaft der einen oder anderen Seite zugerechnet werden. Uns mag die Zuordnung an jene «chinesische Enzyklopädie» erinnern, die Michel Foucault in «Die Ordnung der Dinge» beschreibt. Gerade das macht es aber nahezu unmöglich, das Referenzsystem dieser Sprache und Kultur in eine andere zu übertragen. Die Linguistin und Ethnologin Ursula Wiesemann erforschte Ende des 20. Jahrhunderts über Jahrzehnte die Sprache der Kaingang und veröffentlichte zahlreiche Werke darüber. Inwieweit sie allerdings den spirituellen Hintergrund der Sprache erfasste, ist ein anderes Thema: Schließlich benutzte sie ihre Forschung dazu, die Bibel in die Sprache der Kaingang zu übersetzen.

Obwohl monotheistisch, entziehen sich auch die Weltbilder der Tupi-Völker unsrer Vorstellungskraft. Das Wort Pajé bezeichnet Anführer, Schamanen oder weise Männer, sowie Vorfahren, reale und mythische, denen diese Kräfte zugesprochen werden. Der Schöpfungsmythos der Satare-Mawé wiederum nennt Pajé mythische Wesen, die der Gott Tupa bei der Schöpfung der ersten Welt auf dieser angesiedelt hat. Die jedoch, nachdem er diese verworfen hatte, auf die zweite, unsere jetzige Welt umsiedelten. Auch einen Einblick in die Vorstellungswelt der Völker liefert ein Mythos, den die Anthropologin Betty Mindlin in der Anthologie «Der gegrillte Mann» wiedergibt: Dort wird von einem entfernten Volk berichtet, das isoliert im Urwald lebt. Es wird beschrieben, dass diese Wesen sowohl Menschen- als auch Vogelgestalt annehmen können. Tatsächlich gibt es mehrere Völker «Arara», das ist der portugiesische Name für die Ara-Papageien. Auf welches sich der Mythos bezieht, ist jedoch nicht nachvollziehbar.

Obwohl auch bei vielen Völkern der Tupi-Familie viele Vorstellungen nicht nachvollziehbar sind, fällt doch auf, dass manche der «westlichen» Vorstellungswelt näher und aufgeschlossener sind. Ob das schon immer so war, ist jedoch alles andere als sicher. Der spanische Jesuit und Missionar José de Anchieta entwickelte schon im 17.Jahrhundert eine vereinfachte Version der Tupi-Sprachen, das Nheen-Gatu oder «Lingua Geral» (allgemeine Sprache). Das sollte einerseits die Verständigung unter verschieden Völkern der Sprachfamilie erleichtern, diente aber auch der Missionierung, die als Rettung der Seelen angesehen wurde9. Inwieweit dabei auch christliches, europäisches Gedankengut in die Sprache eingedrungen ist, wäre sicher ein interessanter Aspekt weiterer Forschung. Denn ähnlich dem europäischen Mittelalter gab es auch auf dem brasilianischen Subkontinent einen Austausch der Ideen: So sind zum Beispiel viele Mythen in ähnlicher Weise bei verschieden Völker nachgewiesen.

Und hier schließt sich wieder der Kreis zum Anfang der Betrachtung: Daniel Munduruku ist auf der Buchmesse in Frankfurt Repräsentant einer Literatur, die aus einer jahrhundertealten Erzähltradition schöpft und dabei nicht nur eine faszinierende Kultur am Leben erhält, sondern immer wieder aufs Neue mit Leben erfüllt. Und vielleicht können uns diese Kulturen viel mehr bieten als eine spannende, und manchmal auch skurrile Unterhaltung: Denn in kaum eine Kultur und in kaum eine Sprache ist so sehr eingeschrieben wie in diese, dass der Mensch nicht über der Natur steht, sondern ein Teil von ihr ist.

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Klaus Reuss hat Germanistik und Philosophie studiert. Er arbeitet als Übersetzer für brasilianische Literatur. Zurzeit beschäftigt er sich mit einem Projekt, das indigene Schriftsteller auf Deutsch zugänglich machen möchte.

 

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