Fragebuch Dezember 2013 – Jan Decker

Jan Decker, geboren 1977 in Kassel, ist freier Autor in Osnabrück. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er tritt hauptsächlich als Verfasser von Theaterstücken, Hörspielen, Features und Libretti in Erscheinung. Seine Texte erscheinen in Anthologien und Zeitschriften, darunter auch Kurzprosa und Essays. Sein Buch «Eckermann» trug ihm 2012, nebst guter Literaturkritik («Ein tief bohrendes Gespräch um Ängste, Abhängigkeiten und den Traum, Goethe zu entkommen» – Basler Zeitung) das Spreewald-Literaturstipendium ein. – Lesen Sie begleitend Jan Deckers «Leipziger Sonette».

Auf was kannst Du eher verzichten: Lesen, Schreiben oder Essen? Warum?
Am ehesten Essen, weil das Schreiben tendenziell sättigt, aber nach zu grosser Übersättigung hart zurückschlagen kann: Hungerattacken.

Was ist dir lieber: eine durchschlafene Nacht oder eine Nacht, in der du vor lauter Schreibinspiration nicht schlafen kannst? Warum?
Eine durchschlafene Nacht als Grundstock eines durchschriebenen Tags. Das Nahrungsprinzip ist mitgenannt.

Wie wichtig ist der Gedanke ans Lesepublikum für dein Schreiben?
Er ist wichtig, aber so, dass er als ein Splitter des eigenen Lesens (wie ein Fremder) mitläuft.

Hast du eine zentrale Schreibregel?
Ja.
a) Wie nennst du diese Regel?
Ich nenne diesen ganzen Komplex Schreibkultur. Er hat ein durchaus neurotisches Format, sonst liesse er sich auf eine Regel bringen. Eher ein Regelgeflecht.
b) Was hat es damit auf sich?
siehe a)

Wie viel von der SchriftstellerIn steckt in dir als Privatmensch?
So viel wie im eigenen Spiegelbild von mir steckt. Er/es ist eine Abspaltung, die wohl mit mir identisch ist. Die bessere, die schlechtere Hälfte. Eine Betrachtungssache.

Wie viel vom Privatmensch steckt in dir als SchriftstellerIn?
100 Prozent. Ein Verhängnis.

Haben Schriftsteller der Öffentlichkeit mehr zu sagen, als in ihren Büchern steht?
Sie haben es, aber sie verschweigen es meistens (und meistens zu ihren Gunsten).

Wer glaubt eher, dass Schriftsteller mehr zu sagen haben, als in ihren Büchern steht: die SchriftstellerInnen oder die Öffentlichkeit?
Die Wissenden in diesem Schweigenspakt. Nicht die Öffentlichkeit.

Brauchen SchriftstellerInnen heutzutage Schriftsteller-DarstellerInnen, öffentliche Personae, Masken?
Es hat sich grundlegend nichts geändert: Wer authentisch ist, muss sich nicht verstecken.

Was ist wichtiger: als Schriftsteller in allen möglichen Belangen medienwirksame Antworten zu wissen, oder das eigene Schreiben aufrechtzuerhalten?
Natürlich letzteres. Aber um den Preis, vom ersteren zu wenig zu wissen, als verlangt wird.

Was ist für SchriftstellerInnen gefährlicher: keine Interviews geben zu können oder das Schreiben zu vernachlässigen?
Auch wieder letzteres. Interviews geben lernt man schnell.

Schreibst du gerne?
Ja, ich gehöre zu den erklärten Gerneschreibern. Ich wollte mit 18 diesen Beruf ausüben. Ich habe ihn gerne.

Welches Tier schaut dir beim Schreiben zu?
Tierähnliche Wesen: Eine indische Göttin und der Hintern einer reifen Frau.

Kannst du schreiben, wenn jemand zuschaut?
Ja, die sogenannten sekundären Texte. Alles auf der Ebene des Gekritzels, des Vorformulierten.

Liest du gern?
Gerne, aber nicht so gerne, wie ich schreibe. Das Gelesene erinnert an das noch nicht Geschriebene.

Liest du gern vor?
Gerne, diese Antwort würde naheliegen. Ich würde die Frage gerne so beantworten.

Was hat sich im Lauf deines Schreibens dem Lesen oder Vorlesen gegenüber verändert?
Es ist körperlicher geworden, es weiss um die Mittel der Schauspielerei und um den Atem des Textes.

Was sagst du zu Daniel Kehlmanns Zitat: «Erzählen heisst, das Leben so zu gestalten, dass es dramaturgisch besser funktioniert als in der Wirklichkeit»?
Da schreibt einer gerne, wie ich.

Ist es nach einem Bestseller einfacher oder schwerer oder gleich schwer, weiter zu arbeiten?
Jeder Text macht es einem schwer, Abschied zu nehmen. Kein Kriterium des Erfolgs.

Wir wirkt sich Ortsgebundenheit auf dein Schreiben aus?
Sehr positiv. Deswegen lasse ich mich zeitweise gerne in Stipendienhäuser verpflanzen.

Wie wirkt sich das Unterwegssein auf dein Schreiben aus?
Es führt mich weg von der Mitte, von der ich behaupte, das ich nur aus ihr heraus schöpferisch sein kann.

Es gibt Leute, die verpassen eine Fahrt durch die Anden, den Sturzflug eines Adlers, der eine sich windende Schlange ergreift und davonfliegt, indem sie Gedichte lesen. Bist du da auch gefährdet?
Ja, ich sehe die Gefahr.
Bei welcher Lektüre wärst du am ehesten gefährdet?
Bei jeglicher Literatur, die mir die Wirklichkeit im besten Sinn raubt.

Wie schreibst du? Im Kopf, handschriftlich oder am PC?
Gestützt auf die Handschrift, fixiert auf dem PC, entsteht das Meiste im Kopf.

Wie oft schreibst du ein Manuskript neu ab, ehe du es aus der Hand geben kannst?
Was ich kenne: Dass mich die kleinen Anstreichungen bis in die letzte Fassung hinein und bis an den Rand des Wahnsinns treiben.

Ist das Aus-der-Hand-Geben eines Manuskripts an den Verlag eher befreiend oder bedrückend? Hat sich diesbezüglich etwas geändert in der Zeit, seitdem du schreibst?
Das Verfahren wird bald eingestellt, das Urteil rasch gesprochen. Man tritt aus der Zelle heraus und bekommt eine warme Henkersmahlzeit, und manchmal danach einen Lorbeerkranz.

Würdest du die allerersten Entwürfe deiner Bücher eher gesammelt in den Druck bringen oder im Reisswolf schreddern?
Im Reisswolf schreddern. Die Leser hätten daran keine Freude.

Welche Chancen siehst du für die Belletristik im WWW?
Uups. So gut wie keine. Wie soll das Raum- und Zeitenthobene im flachen Screen zur Wirkung gelangen? Anders gefragt: Würde uns plötzlich aufploppende Bannerwerbung im Buch nicht auch irritieren?

Welche Gefahren siehst du für die Belletristik im WWW?
Ich will aus dem «Uups» keine Gefahren konstruieren. Nichts wird besser, nichts wird schlechter. Der Marktplatz wird breiter, und das stört doch nur die Monopolisten des Wortes.

Ist das eBook dem Gutenberg-Buch überlegen oder unterlegen? Warum? Inwiefern?
Ich beantworte diese Frage erst in 400 Jahren.

Liest du Ebooks?
Nein.

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