gesichtet #57: Die Mär vom Untergang der «Sonne»

Von Michel Schultheiss

Der amerikanische Jazz-Pianist Horace Silver und das Dancing «Sonne» an der Rheingasse haben etwas gemeinsam. Musikalisch mögen sie das Heu nicht auf der gleichen Bühne haben – zwischen Hard Bop und Party-Krachern liegen schliesslich Welten. Beiden wurde aber kürzlich die Ehre zuteil, fälschlicherweise totgesagt zu werden. Während sich beim Jazzmusiker die Meldung rasch als Zeitungsente entlarvte, hält sich bei der «Sonne» der Irrtum hartnäckig.

Dancing Sonne

Unscheinbare Verpackung mit stadtbekanntem Inhalt: Das Dancing «Sonne» glänzt stets mit Live-Musik (Foto: smi).

Die Barkeeperin des Tanzlokals kann ein Lied davon singen: Seit in den Medien das Ammenmärchen vom Ende der «Sonne» die Runde macht, wird sie ununterbrochen von besorgten Stammkunden danach gefragt. Das Gerücht besagt, dass das Dancing einem veganen Restaurant weichen soll. Die junge Frau kann die tanzfreudigen Gäste jeweils beruhigen: «D’ Sunne», eines der wenigen Basler Lokale, welches rund um die Uhr Live-Musik zu bieten hat, wird im gewohnten Rahmen weitergeführt. Die Unterhalter, meist Duos aus der Slowakei oder aus Tschechien, dürften somit in absehbarer Zeit nicht verstummen und auch weiterhin Tanzbares aus dem Pop- und Schlagerfundus zum Besten geben.

Wie dies so oft der Fall ist bei Gerüchten, ist zumindest ein Teil davon wahr. Tatsächlich gab es bei der «Sonne» Interessenten für ein Gastro-Konzept in der Kleinbasler Kneipe. Wie Aziz Yelögrü, Geschäftsführer des Hotels «Sonne» und des Dancings, auf Anfrage bestätigt, habe es Gespräche mit «Cafébar Salon» gegeben. Jenes Lokal an der Sperrstrasse ist liebevoll im Stil der Zwanzigerjahre gestaltet. Es setzt auf verschiedene Cocktails, kulturelle Veranstaltungen und auf ausschliesslich pflanzliche Häppchen. Es präsentiert sich jedoch nicht in erster Linie als «veganes Restaurant» – vielmehr ist es mittlerweile zu einem beliebten Ausgangslokal geworden. Laut Yelögrü hat aber nicht nur der «Salon» ein Auge auf die «Sonne» geworfen. Mehrere Betriebe, darunter auch ein indisches Restaurant haben sich dafür interessiert. Vorderhand – sicher einmal bis zur Fasnacht – bleiben die Keyboards und Mikrofone in der Bar. «Vielleicht wird es im Sommer zu einem Umbau kommen», hält Yelögrü fest.

Auch Andrea Sophie Schmeitzky, Betreiberin der «Cafébar Salon», dementiert die Gerüchte einer veganen Umnutzung der Sonne. Sie bestätigt hingegen, dass es zu Gesprächen gekommen sei. Sie wundert sich jedoch, wie die Informationen über diese Verhandlungen durchsickern und missverstanden werden konnten. Die Falschmeldung sprang von einer Zeitung zur anderen über und bereits wurde mit dem Erlöschen des Fixsterns der Untergang des Nachtlebens an der Rheingasse heraufbeschworen.

Duo Sky Way

Die Duos verstummen vorderhand nicht: Mit ihrer Live-Musik bleibt die «Sonne» eine der aussergewöhnlichsten Bars der Stadt (Foto: smi).

Für Überraschungen ist die Rheingasse zwar immer zu haben: So hat sich auch der berüchtigte «Schwarze Bär» in eine Shisha-Lounge verwandelt. Doch vorderhand wird gleich daneben in der «Sonne» (allen Zeitungsenten zum Trotz) der Bär in gewohnter Manier weiter steppen – wie etwa kurz vor Weihnachten, als das «Duo Sky Way» zu Gast war. Nebst beliebten Sommerhits, Schlagern und Oldies wurde da Eurodance-Trash aus den Neunzigerjahren, etwa die Vengaboys, ausgepackt. Das Repertoire ist aber nebensächlich: Was die Sonne ausmacht, ist ein Ambiente, wie man es sonst kaum in Basel findet. Die Innenausstattung der «Sonne» vereint Kraut und Rüben: Ein Porträt von Audrey Hepburn, 1.-August-Lampions, Piraten und Fasnachtslarven zieren den etwas düsteren Raum. Diejenigen, die sich stets darüber beschweren, dass in der Schweiz zu wenig getanzt werde, könnten hier eine etwas andere Situation vorfinden: Anders als üblich zeigen hier auch jüngere Leute keine Hemmungen, mit älteren Gästen zu tanzen, ohne dabei von einer perfektionistischen «Salsa-Polizei» beargwöhnt zu werden.

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