Ein angstvolles Jahr für die Schweiz geht zu Ende

Von Tanja Hammel

Die Schweiz hat viel erlebt in diesem Jahr. Bundespräsident Ueli Maurer sagte in seiner Neujahrsansprache, dass die Schweiz in der Vergangenheit keine Fehler gemacht und nichts zu lernen hätte. Sie würde kritisiert, weil sie vieles besser gemacht hätte als die anderen Länder. Im Verlauf des Jahres wird der internationale Diskurs des Umbruchs gepflegt – das Klima wandelt sich (wovon immer mehr Naturkatastrophen wie der Taifun Haiyan auf den Philippinen zeugen), die Wirtschaft stockt und das Internet zeigt Nebenwirkungen – wie die zunehmende Überwachung und öffentliche Proteste in der Türkei und in Brasilien. Kein Land ist eine Insel. Doch es lohnt sich, die Scheinwerfer mal auf unser Land zu richten und Ereignisse aus dem Ausland – die von der SRG und der NZZ in ihren chronologischen Jahresrückblicken zur Genüge beleuchtet werden, auszublenden. Es lohnt sich, mal über die Ereignisse in unserem Land nachzudenken. Besonders bewegt hat die Schweiz in diesem Jahr die Stellung der Frauen, der Migrantinnen und Migranten, die Stellung der Schweiz in Europa sowie die Schere zwischen Armen und Reichen.

Schweiz_Jahresrückblick

Angst vor Frauen

Basierend auf Wilfried Meichtrys gleichnamiger Biographie brachte Verliebte Feinde das Gedankengut der Basler Feministin Iris von Roten, die 1958 mit Frauen im Laufgitter für Aufregung gesorgt hatte, dem Kinopublikum nahe. «Bald bist Du mir Schatz, Gold, Edelstein, bald wieder Tyrann mit Peitsche und Knute, gegen den nur Dolch und Gift nützt. Ich bin tatsächlich oft innert einer Viertelstunde Dein Todfeind und Dein Anbeter», schreibt Peter von Roten kurz vor der Heirat an Iris Meyer. Dieses Zitat spiegelt den Kampf der Geschlechter mit dem patriarchalischen Ideal der Fraulichkeit auch im Jahre 2013 wider und wird mindestens bis zur Gleichstellung der Geschlechter den Zustand beschreiben.

Da am 1. Januar 2013 nur gerade vier Frauen in leitenden Funktionen in den hundert grössten Schweizer Firmen tätig waren und in der EU über die Frauenquote diskutiert wurde, beschloss der Bundesrat im November die «gläserne Decke» in ein Moskitonetz umzuwandeln und einzelne Frauen bis an die Spitze «durch zu lassen». Angst vor einer Gleichberechtigung und zu vielen Frauen in Verwaltungsräten und steigender Druck von der EU und den Schweizerinnen, veranlasste den Bundesrat im November festzulegen, dass bis 2020 mindestens jede dritte Person im Verwaltungsrat eines bundesnahen Betriebs weiblichen Geschlechts sein muss. 2012 sassen 65 Frauen auf den 264 Verwaltungsratssitzen (25%), die vom Bundesrat besetzt wurden. Es wird sich also mit dieser Verabschiedung nicht viel verändern für die Frauen in der Schweiz. In den hundert grössten Schweizer Firmen hatten 2012 nur 11% Frauenanteil. Da wird der Bundesrat auch nicht eingreifen. Frau kann lediglich hoffen, dass diese mitziehen. 30% ist ein Anfang, aber seien wir doch ehrlich, eigentlich müssten schon lange 50% der Chefetagen mit Frauen besetzt sein.

Beinahe zeitgleich wird auf eine Studie zur Lohngleichstellung in der Schweiz aufmerksam gemacht. Die beteiligte Ökonomin Kathrin Bertschy von der Universität Basel beschreibt, dass Frauen bereits beim Berufseinstieg für gleiche Arbeit weniger Lohn erhalten. Seit 2000 wurden 6000 Jugendliche beim Berufseinstieg begleitet. Bei gleicher Qualifikation weist die Studie einen Lohnunterschied von sieben Prozent (oder 278 Fr.) pro Monat nach. In durchmischten Berufen ist die Lohndiskriminierung – aufgrund der Angst vor Frauen – besonders gross.

Die Angst vor Frauen ist so gross, dass man sie in der SRG Dokufiction Serie Die Schweizer kurzerhand als nicht geschichtsprägend für das Land aus dem kollektiven Gedächtnis schreibt. Betrachtet man den ersten Teil Die Schlacht am Morgarten – Werner Stauffacher erkennt man, dass ein Frauenbild gezeichnet wird, das Frauen als ängstlich, gehorsam, hauswirtschaftlich, musizierend, erotisch und äusserst passiv, bei Gefahr sich gar den Tod herbeiwünschend, darstellt. Eine doppelte Unterdrückung der Frauen in der Geschichte und der Gegenwart aus Angst vor dem Umsturz der noch immer patriarchalisch geprägten Gesellschaft wird angestrebt und dies im Jahre 2013.

Angst vor den Reichen

Anfangs Jahr sorgte Novartis-Präsident Daniel Vasella für Wirbel, der weder sein Millionengehalt noch seine Boni, nein gar die 72 Million fürs Konkurrenzverbot sah er keineswegs als ungerechtfertigt. Der Druck im Zuge der Abzockerinitative stieg. Vasella verzichtete auf die Millionen und die «Gegen die Abzockerei»-Initiative wurde am 3. März von 67,9% angenommen.

Die JUSO wollte gar einen Schritt weitergehen und erhoffte sich mit der 1:12-Initiative eine Regelung des immer grösser werdenden Lohngefälles in der Schweiz. Dies wäre für die Schweiz eine zu schnelle Veränderung gewesen, so gingen 24. November 53% der Wählerinnen und Wähler zur Urne und sprachen sich mit 65,3% deutlich gegen die 1:12-für gerechte Löhne Initiative aus. Die Angst vor den Reichen ist so gross, dass lieber ein horrendes Lohngefälle hingenommen wird als dass man die Reichen verärgert.

Angst vor Multikulturalität

Am 9. Juli  stimmten 78,4% der Urnengänger/-innen der Asylgesetzänderung zu. Obwohl kaum ein Tessiner oder eine Tessinerin im eigenen Kanton je eine vollverschleierte Frau gesehen hatte, stimmten sie im September dem Burkaverbot zu und nahmen das Verhüllungsverbot à la Frankreich in die kantonale Verfassung auf. In Bremgarten war von einem Badeverbot  für Asylanten die Rede, woraufhin Simonetta Sommaruga schlichtete. Sie sprach von einem Missverständnis, denn ein solches Verbot gäbe es nirgendswo in der Schweiz. Einerseits ist das Bedürfnis für Assimilation an die Gepflogenheiten der Schweiz gross, eine Integration und gemeinsame Freizeitaktivitäten wie Schwimmen im Freibad sind aber nicht erwünscht.

Angst vor dem Ausland

Latente Angst veranlasste 46% der Stimmbürger/-innen am 22. September mit 73,2% Nein zur Aufhebung der Wehrpflicht zu sagen. Diese wurde von Bundespräsident Ueli Maurer in seinen Ansprachen zur Genüge geschürt.

«Unser Land wird ausgenommen wie eine Weihnachtsgans», meinte  SVP-Franktionschef Adrian Amstutz im Nationalrat und forderte die Kündigung der Schengen und Dublin Abkommen. Darauf reagierte der Bundesrat mit einem Kompromiss, der Ventilklausel. Diese schafft bis Mai 2014 Kontingente, ein Instrument der Feinsteuerung der Zuwanderung, so Simonetta Sommaruga. So schafft der Bundesrat die besorgten Schweizerinnen und Schweizer zu beruhigen ohne die EU zu provozieren und demonstriert, dass der Schweizer Arbeitsmarkt nicht unbeschränkt offen ist.

Geöffnet ist die Schweiz doch spätestens seit der Habsburgerin Königin Agnes von Ungarn (1281-1364), deren Beispiel die Schweizer Politik zu folgen scheint, indem sie Bündnisse mit dem Ausland abschliesst und sich in der EU zu Privilegien verhilft, ohne ein Mitglied sein zu müssen. Auch wirtschaftlich ist der Standort des Binnenlandes Schweiz alles andere als eine Insel. Warum wollen uns gewisse Kreise vom Gegenteil überzeugen, von einer isolierten, progressiven Insel in Mitten Europas, in der Werte vertreten werden, die bereits im 19. Jahrhundert nicht okay waren? Wieso werden für Die Schweizer Millionen investiert, um ein veraltetes Geschichtsbild einer Schweiz als Insel in Mitten Europas zu propagieren? Warum wird ein Graben zwischen dem Forschungsstandort Schweiz und der Medienlandschaft ausgehoben? Angst scheinen gewisse Kreise zu verspüren.

Einzelne Schweizer/-innen wie Christoph Blocher haben Angst vor starken Persönlichkeiten aus dem Ausland. Blocher-TV strahlte unlängst ein Interview aus, in dem der in den 80er Jahren das Apartheidregime unterstützende Blocher Mandela als «vielerorts etwas überschätzt» und «die Weissen» in Südafrika als «das Land damals sehr in Ordnung» haltende beschrieb.

In Sachen Ernährung besinnt sich der/die Konsument/in nach unangenehmem Nebeneffekt der globalisierten Nahrungsmittelproduktion, der durch den Pferdefleischskandal in den Fokus gerückt wurde, wieder auf lokale Produkte vom Bauernhof. Auch eine steigende Zahl von Vegetariern/-innen und Veganern/-innen lässt sich beobachten.

Angst vor Unsicherheit

Ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit zeigt die im November diskutierte Rentensicherung. Bundesrat Alain Berset setzt sich für eine Reform der AHV und Pensionskasse ein. In seiner 1.-August-Ansprache am 31. Juli in Stansstad sagte Berset: «Wir sind ja momentan nicht von Feinden umzingelt, sondern einfach konfrontiert mit sich verändernden Realitäten. In dieser Situation gibt es keinen Grund, eine Wagenburg zu bilden. Sondern wir müssen selbstbewusst, kreativ und durchaus auch pro-aktiv auftreten».

Wir haben dieses Jahr viel gelernt was die kritische Reflexion der Medien und Politiker betrifft. Die Debatte um Die Schweizer hat gezeigt, dass die vielseitige Schweiz mit ihrer vielschichtigen Geschichte nicht in ein «einheitliches Geschichtsbild» in vier Doku-Fiction Stunden verpackt werden kann. «Tanz dich frei» in Bern und die Favela-Protestparty an der ART verdeutlichten, wie gross das Bedürfnis nach freier Meinungsäusserung ist und wie die um die Ruhe und Ordnung fürchtende Polizei aus Angst dieses Menschenrecht verletzt. Angst lässt die Dunkelziffer der Schusswaffenbesitzenden in der Schweiz steigen. Hinter den USA und Jemen habe die Schweiz bereits die höchste Schusswaffendichte, diskutiert man nach den beiden Amokläufen anfangs Jahr. Was geschieht in und mit der ängstlichen Schweiz im neuen Jahr? Frauen in Führungspositionen, integrierte Migrantinnen und Migranten, geringe Lohnungleichheit, eine offene Schweiz mit internationalem Austausch? Die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer hat Angst davor, Angst vor Veränderung, Angst vor Risiken und dem Scheitern, Angst vor den Folgen dieser Szenarios und klammert sich daher an das Bisherige. Wird 2014 ein Jahr der Kontinuität oder des Wandels? Wir werden diese Diskurse gespannt weiterverfolgen und mitprägen.

 

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