Im Schatten seines Werks: García Lorcas wenig bekannte Prosaschriften

Von Michel Schultheiss

Wer den Namen García Lorca hört, mag in erster Linie an seine Lyrik und Theaterstücke denken. Sein Drama «Bernarda Albas Haus» etwa ist eines der meistgespielten spanischen Theaterstücke auf deutschen Bühnen. Nicht minder beliebt ist die Lyrik des Andalusiers: So sorgen beispielsweise die «Zigeunerromanzen» auch fast achtzig Jahre nach seiner Ermordung durch Franco-Anhänger für reges Interesse. Wie nur wenige spanische Schriftsteller ist Federico García Lorca (1898-1936) auch im deutschsprachigen Raum zu einer Legende geworden. Wie aber ist es um das Prosawerk des begnadeten Lyrikers und Dramatikers bestellt? Die kürzlich erschienene Neuausgabe der Basler «Heinrich Enrique Beck-Stiftung» widmet sich dieser wenig bekannten Seite Lorcas. Nachdem die «Gedichte» (2008) und die «Stücke» (2011) im Auftrag der Stiftung beim Göttinger Wallstein-Verlag erschienen sind, rundet der dritte Band die Neuauflage der Übersetzungen von Enrique (Heinrich) Beck ab.

García Lorca Prosa

Beim Schutzumschlag der Prosa-Neuausgabe fand Lorcas Zeichnung «Stadtansicht mit Selbstbildnis» Verwendung (Bild: Wallstein-Verlag).

Wie der Herausgeber Marco Kunz in seiner Einführung festhält, fristet Lorcas Prosa eher ein «Mauerblümchendasein im Schatten seiner Dramen und Gedichte». Bei den Prosaschriften, welche Lorca im Laufe seines kurzen Lebens verfasst hat, handelt es sich in erster Linie um Aufsätze, Essays und Vorträge. Der Band wurde zudem noch mit zahlreichen Interviews und Briefen ergänzt. Bei den Letzteren ist etwa die Korrespondenz mit dem Dichter- und Dramatikerkollegen Miguel Hernández oder mit Ana María Dalí, der Schwester des berühmten Künstlers Salvador Dalí, zu nennen. Die Sammlung umfasst zu einem kleineren Teil aber auch experimentelle Prosagedichte – ein Projekt, das unvollendet blieb. Obschon sich Lorca nie vollumfänglich vom Surrealismus überzeugen liess und dies auch betonte, werden Texte wie «Santa Lucía und San Lázaro» oft in die Nähe dieser Strömung gerückt, da sie zu während einer Zeit des intensiven Austauschs mit Salvador Dalí entstanden.

In der Publikation sind auch Auszüge aus dem Frühwerk des Spaniers zu finden. Die ersten Essays stammen aus «Impresiones y paisajes» (1918), Lorcas allerersten Publikation. In einer poetischen Sprache beschreibt der damals 19-Jährige seine Heimat. So beschäftigt er sich in «Die Christusbilder» etwa mit kritischem Blick, doch gleichzeitig auch mit grosser Faszination, mit der katholischen Volksfrömmigkeit. Ein anderer Essay ist Granadas maurisch geprägtem Viertel Albayzín (auch als Albaicín bekannt) gewidmet. Dessen Gitano-Bevölkerung und das wilde Strassenleben mit «schmerzvollen Gitarren», «Kartenlegerinnen und Beschwörerinnen» hat den jungen Intellektuellen aus gutem Haus in den Bann zogen.

Auch bei den Vorträgen fällt Lorcas Heimatregion Andalusien eine tragende Rolle zu. Dass Lorca mit dem Referat «Granada – Paradies, für viele verschlossen» eine Liebeserklärung an die andalusische Stadt richtet, ist rückblickend tragisch konnotiert: Ausgerechnet in der Nähe dieser literarisch verklärten Stadt wurde der Dichter am 18. August 1936 von einer Falange-Miliz umgebracht. Bei den Übersetzungen stösst Beck teilweise an seine Grenzen, wenn etwa beim Vortrag «Theorie und Spiel des Dämons» von einem «duende» die Rede ist. Beck war hier mit dem Problem der Unübersetzbarkeit des Begriffs in diesem spezifischen Zusammenhang konfrontiert. Das von ihm gewählte Wort «Dämon» weist in eine diabolische Richtung, wobei Lorca sich nicht auf eine bösen, sondern auf eine fröhliche und rauschhafte Macht des Künstlers bezieht. Ein wichtiger Text für die spanische Literaturgeschichte ist «Das dichterische Bild bei Don Luis de Góngora». Der Vortrag wurde 1926 abgehalten und nimmt die grosse Bedeutung des Barockdichters für die «Generación del 27» vorweg. Deren Vertreter traten für eine Rehabilitierung des vorher von vielen verschmähten, da sehr komplexen Dichter ein. «Góngora muss man nicht lesen, sondern studieren», stellt Lorca fest und lobt dessen Talent, die «Bilder zu erjagen».

Obschon mittlerweile auch andere Lorca-Übersetzungen erschienen sind, zum Beispiel von Hans Magnus Enzensberger bei den Theaterstücken, kommt man beim relativ wenig bekannten Prosawerk um den Namen Heinrich Enrique Beck (1904-1974) kaum herum. Der Übersetzer ist eine Schlüsselfigur in der deutschsprachigen Lorca-Rezeption. Seine jahrzehntelange Monopolstellung beim Recht auf die Übersetzungen und deren Qualität waren keineswegs unumstritten und somit immer wieder Gegenstand heftiger Debatten. Was man auch immer von den Beckschen Übersetzungen halten mag: Wer sich eingehender mit dem Leben und Werk García Lorcas befassen möchte, findet in den ausgewählten Prosaschriften ein Sammelsurium an wenig bekannten Materialien, welche Aufschluss über die facettenreiche Person geben.

Federico García Lorca: «Prosa», herausgegeben im Auftrag der Heinrich Enrique Beck-Stiftung, Basel von Marco Kunz. Aus dem Spanischen von Enrique Beck. Wallstein Verlag 2013. 512 Seiten. 44,60 Fr./34 €.

 

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