Im Eimer – Kurzgeschichte von Adam Schwarz

Zum ersten Texttag für 2014 präsentiert «Zeitnah» eine Kurzgeschichte von Adam Schwarz. Wir begleiten Privatdetektiv Bodiger bei einem neuen Fall, der dem Begriff «Januarloch» eine weitere Dimension hinzufügt und die noch müde Stimmung des angebrochenen Jahres perfekt einfängt.

«Zeitnah» freut sich, Ihnen zum ersten Texttag 2014 eine weitere Geschichte von Adam Schwarz präsentieren zu dürfen. zVg

«Zeitnah» freut sich, Ihnen zum ersten Texttag 2014 eine weitere Geschichte von Adam Schwarz präsentieren zu dürfen. zVg

Weihnachten ist vorüber, ohne dass Bodiger irgendjemandem etwas gebracht hat. Die Feiertage sind die einzig fetten Mocken in dieser Winterbrühe. Da glänzen in den Läden Diebesaugen, da darf man Observanten in Hintergassen folgen, um spitzzukriegen, ob sie ihr Weihnachtsgeld verkonsumieren. Doch kaum kippt das Jahr angetrunken vornüber, kehrt Ruhe ein und der Winter bricht aus. Die Winterfälle sind ein eigenes Volk, die Winterkunden ein eigener Fall. Tragen sie sommers ihre Sünden und Sorgen stolz zur Schau und setzen mir lang und breit auseinander, dass ich beim Beschatten ruhig die Regeln dehnen dürfe, da sie sich, wie Gummi, im Sommer ausweiten und ausleiern, so wächst den Städtern winters eine ehrliche Haut, fleckenlos wie die schwarzen Anzüge, die am Morgen die Trottoirs überfallen. Aber Bodiger weiss: Der Dreck ist noch da. Auf dunklen Jacketts mag man ihn vielleicht nicht sehen. Aber er ist da. Allzu leicht werden die Angestellten von Fernsehwerbungen verlockt, blauzumachen und mit Billigairlines durchzubrennen. Um der Verführung zu entgehen, sieht sich Bodiger nur Altherrensender an. Seine Klienten bauen darauf, dass er immer verfügbar ist. Da gibt’s kein Pardon. Vielleicht bei den Filmdetektiven, aber nicht bei mir. Wer Bodiger Futter gibt, für den beisst er.

An jenem Januarabend unterbrach ihn sein Mobiles, als er sich Die gefürchteten Zwei ansah. Franco Nero zündete sich gerade ein Streichholz am Stiefel eines Erhängten an. Am anderen Ende ein gewisser Lawiner. Mittlere Chefetage, unter den Schuhsohlen der Grossverdiener und auf den Köpfen der Angestellten kauernd. Man kennt die Sorte. Seine Stimme klang, als gäb’s bei ihm zuhause nur Seife zu fressen. Man habe ihm meine Agentur empfohlen und er wolle fragen, ob ich viel zu tun hätte. «I wo», sagte Bodiger, «lassen Sie nur hören», und Lawiner äusserte den Verdacht, einer ihrer Telefonbefrager, Minder-Mayer, sei unerlaubterweise krank. Sein Arzt hätte ihm ein Zeugnis für die ganze Woche ausgestellt. Lungenentzündung.

«Dabei», raunt Lawiner, «war er die ganze letzte Woche im Büro, wie will er sich da was geholt haben?» Bodiger denkt an den üblen Geruch in den Grossraumbüros, den Mief absterbender Gedanken und Hoffnungen. Kann schon übel auf die Lunge schlagen. Er sagt aber nichts, sondern nickt dem Telefon zu, bestätigt die Entgegennahme des Auftrags und erhält eine Adresse in der Vorstadt. »Wir brauchen schnelle Ergebnisse, Bodiger», lawint es mir entgegen, «am Besten Sie wissen morgen schon, wo er sich aufhält.»

Die Bodigertochter hat ihm weihnachtshalber einen GPS-Sender zukommen lassen. Falls Walti wegläuft, stand auf der Karte. Leicht am Halsband festzumachen, der Sender. Man kann das Ding aber auch unter ein Auto pappen. Dann geht man nachhause und schaut auf den Bildschirm und betrachtet die rote Linie, die der Fahrer durch die Landschaft zeichnet. Nachdem er aufgelegt hat, streichelt Bodiger Waltis Fell und öffnet den Verschluss seines Halsbands. Walti gibt das Gerät gerne weiter, kann ja nichts damit anfangen, und fragt Bodiger, wann er endlich einmal den Abend zuhause verbringt. «Bald wieder, Walti, bald wieder», raunt Bodiger, als er in die Wanderschuhe steigt. Dann setze ich mich in den Subaru und fahre los.

Minder-Mayer wohnt viel zu nahe an Bodiger dran, im selben Quartier, nur weiter draussen, an den äussersten Fransen der Stadt. Näher als alle anderen Observanten. Nicht mal der Geruch schlägt um. Es riecht nach Kälte, die aus den Fenstern nach draussen dringt. Kälte und Kompost. Als ich vor einem Elektrofachgeschäft anhalte und zu Fuss zu seinem Mietshaus schleiche, rieselt’s wie gehabt. Den Wagen hat er gleich neben der Abfalltonne geparkt, auf der ein Hütchen Schnee liegt. Ich hab nicht gewusst, dass einen Autos erschrecken können, aber das hier tut’s: ein Subaru Forester Modell Comfort, Baujahr 03, rotlackiert. Nur die Dreckskruste an den Reifen und Kotflügeln unterscheidet den Wagen von meinem.

«Suchen Sie etwas?», fragt eine Stimme, die mir Juckreiz verursacht. Bodiger dreht sich um. Eine Dame in Trainingshosen, etwa sechzig. «Nein», sagt er und weicht ihrem Blick nicht aus. Sie zottelt mit dem üblichen Ausdruck leichter Empörung davon. Als ihre Schritte verstummt sind, geht er in die Knie und kramt schwarzes Tape aus dem Militärmantel, um den Tracker unter die Kotflügel zu kleben. Darauf nachhause. Dort bitten junge Frauen im Fernsehen Walti, doch bei ihnen anzurufen. Sie spiegeln sich in seinen trüben Augen. Bodiger schaltet auf die Arenaszene von Die gefürchteten Zwei um und nimmt sich ein Bier. Als er es zur Hälfte ausgetrunken hat, beginnt der Fernseher seine Ablösungsphase und strahlt nur noch schwarzweisse Muster aus.

Am Morgen droht der Mann im Radio mit starkem Schneefall. Bodiger steigt in dicke Socken aus seiner Militärzeit und fährt den PC hoch. Während er ein Weichgekochtes auslöffelt, betrachtet er die rote Linie, die sich in Google Maps quer durch die nähere Umgebung zieht. Minder-Mayer ist ein Frühaufsteher, scheint’s. Die Linie endet eine halbe Stunde von seinem Block entfernt in der Nähe des Magersees. Bodiger lässt das Abspülen sein, nimmt aber Walti mit, dem langweilig ist. Sie halten auf dem Parkplatz vor dem See. Naturschutzhalber darf Bodiger eine Weile durchs Verschlammte stapfen. Da entdeckt er eine Gestalt. Die dicken Flocken machen das Sehen schwer. Die Gestalt steht auf der Eisschicht, die die eine Hälfte des Sees verunziert. Bodiger lässt sich in den Neuschnee plumpsen, um nicht erspäht zu werden. Der Mann hat einen roten Eimer dabei, den er in den See tunkt. Gerade als er ihn herauszerrt, fängt Walti zu jaulen an. Er stürmt auf den Kerl los. Der Mann weicht zurück, Eiswasser schwappt über die zu weiten Jeans.

«Halt!» Bodiger schiesst wie ein Pilz vom Boden hoch. In den Filmen würde er jetzt eine Marke zeigen, aber er hat nichts dabei ausser seinem müden Gesicht. Das ist Ausweis genug. Der Mann rennt nicht weg, sondern tanzt mit Walti den altbekannten Tanz. Ich kann den Hund zum Glück zurückhalten und stake über das Eis auf Minder-Mayer zu, die Hand ausgestreckt. Er nimmt sie. Die von Minder-Mayer ist arschkalt. Er lächelt trotzdem.

«Sollten Sie nicht bei der Arbeit sein?»

«Das bin ich.»

Bodiger hebt die Brauen und Minder-Mayer lächelt und hört nicht auf zu lächeln. «Ein kleines Projekt von mir.» Er zeigt mit dem Finger auf den Magersee. Der Fingernagel ist zu lang. Walti hechelt nicht sehr konstruktiv und setzt sich auf das Eis. – «Ich lege den See trocken. Seit drei Jahren bin ich da dran.» Ich nicke und Minder-Mayer gerät ins Monologisieren. Das hätte er damals seiner Lebenspartnerin versprochen, als es aufs Endstadium zuging. «Trockne mir den See aus, Kurt, der hat mich noch immer gestört», hat sie gesagt. Dass es so etwas noch gibt, denkt Bodiger und Minder-Mayer meint: «Lawiner hat Sie geschickt, ja?» Bodiger nickt.

«Sie werden mich nicht anschwärzen, sagen Sie?», fragt der Mann und putzt sich die Nase am Hemdärmel ab. Bodiger zuckt mit den Schultern und denkt an seine Sommerfälle, denkt an Grünspan, denkt an Wagenmüller. Dann hört er sich sein Einverständnis geben.

Minder-Mayer stapft mit ihm zum Parkplatz, um den nächsten Eimer zu holen. Im Gehen fragt Bodiger über die Schulter, wohin Minder-Mayer die Seebrühe bringe. Er sagt, er leere sie in die Toilette oder über den Mercedes seines Chefs in der Nacht. Guter Mann.

Darauf fährt Bodiger wieder heimwärts. Während im Radio «If Dogs Run Free» von Bob Dylan läuft, sieht Walti Bodiger anklagend an. Bodiger versucht, nicht hinzusehen, aber die trüben Augen sehen durch ihn durch, sie kennen seinen Code. Zu oft hat er ihn vernachlässigt, sich den Idealen ergeben, die er mal hatte, die jetzt nur noch Gespenster sind.

Na gut, sage ich schliesslich, du hast ja Recht. Es ist Winter, da kann ich die Regeln nicht dehnen. Die zerspringen mir sonst noch. What must be must be. Das Handy schluckt die Lawinernummer. «Suchen Sie Minder-Mayer?», frage ich, noch bevor Lawiner loslegen kann. Dann gebe ich ihm die GPS-Daten durch, damit sie den Telefonbefrager noch am Magersee feuern können. Dann muss er nicht extra noch ins Büro fahren. Man kann ja nicht so sein.

Adam Schwarz (*1990) lebt, schreibt und studiert in Basel. Seit einigen Jahren veröffentlicht er Prosatexte in verschiedenen Literaturzeitschriften, z. B. «entwürfe«, «NaRr» oder «Lasso».
Seine Texte sind ausserdem unter http://adamcschwarz.wordpress.com/ zu finden.

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