Eintauchen ins Waldleben: «Das Geheimnis der Bäume» von Luc Jacquet
Von Tanja Hammel
Längere Zeit war es ruhig um Regisseur Luc Jacquet der mit dem Oscar prämierten The March of the Penguins (2005) Aufsehen erregt hatte. Rechte fundamentalistische Christen in den USA hatten den Film als inspirierendes Beispiel für Monogamie, traditionelle christliche Familienwerte und Intelligent Design verwendet, nicht ahnend dass zur selben Zeit der Pinguin zum Symbol für die Natürlichkeit von gleichgeschlechtlicher Ehe wurde. Besonders erstaunlich an der Anpreisung der Pinguinfamilie als ideale christliche Familie war die gleichberechtigte Arbeitsteilung für beide Geschlechter, besonders auch im Haushalt, denn christliche Familien in den USA sind sehr patriarchal orientiert. Was Das Geheimnis der Bäume im deutsch- und französischsprachigen Raum wohl auslösen wird?

«Der deutsche Titel ist unglücklich gewählt, handelt der Film doch vom Wald und nicht von Bäumen» (Foto zVg).
Der Film basiert auf der Idee des emeritierten Professors für Botanik Francis Hallé (*1938), der sein Leben damit verbracht hat die Geheimnisse des Zusammenwirkens von Pflanzen und Tieren zu entschlüsseln. In einer Naturdokumentation wollte er den Baum und den Regenwald zeigen, wie die Zuschauer diese noch nie gesehen haben. Hallé verspürte ein grosses Bedürfnis den Menschen den Primär- und Sekundärwald Perus und Gabuns näher zu bringen und sein Wissen weiterzugeben, denn Klimafragen und die Abholzung des Regenwaldes gehen uns alle an. Wir alle sind Konsumenten des Waldes und können etwas gegen die Zerstörung der Natur tun. Aber bevor wir aktiv werden, müssen wir verstehen, dass Bäume wie wir lebende Wesen sind, die Nahrung brauchen, sich vermehren und wachsen. Viel mehr als Menschen sind Bäume ein Universum, ein Lebensraum für Pflanzen und Tiere, die den Baum schützen, seine Samen in den Früchten essen und für ihn verbreiten oder den Baum in Besitz nehmen – wie die Würgefeige.
Inspiriert von Hallés Arbeit, passte Jacquet seine Filmtechniken denjenigen des Botanikers an. Hallé zeichnet Bäume – im Film auf Leinwände, da das Licht durchscheinen kann und besser wirkt – in Wirklichkeit auf Papierblöcke und in Notizbücher. Botaniker tun dies um sich zu erinnern und um Pflanzen zu verstehen, um in die Zeit der Pflanze einzutauchen. Jacquet hat mit CGI (Computer Generated Imagery) gearbeitet, um dem Zuschauer die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Interpretation zu erleichtern. Wirkt das Wachsen der Bäume zunächst künstlich, versteht der Zuschauer bald, dass die geschaffene künstlerische Dimension dem Verständnis dient, erlaubt es doch in die Zeit des Baumes einzudringen und ein zukünftiges Wachstum in der Animation zu sehen, die ein Mensch sonst nicht miterleben könnte. Jacquets grösste Herausforderung war es, die Zeit der Bäume den Zuschauern klar zu machen. Bäume sind nicht immobil, aber wir Menschen haben nicht die Zeit ihre Veränderung zu sehen. Diese müssen wir aber verstehen, um eine Beziehung aufbauen zu können. Wer Naturdokumentationen liebt, wird besonders von den Nahaufnahmen sehr fasziniert sein. Papageien, Frösche, Elefanten und Affen sind besonders liebevoll porträtiert und bei starkem Regen entstanden wunderschöne Szenen. Auch die Luftaufnahmen, besonders die mit Drohnen gefilmten, sind sehr eindrücklich. Und das Spiel mit dem Licht führt zu atemberaubenden Momenten.
Neben der visuellen Dimension wird viel mit Geräuschen gearbeitet. Wenn beispielsweise die Kommunikation zwischen Bäumen über Gase gezeigt wird, sieht und hört der Zuschauer dies mithilfe von Zeichnungen und Gemurmel. Das erzeugt einen seltsamen Effekt, aber da Gerüche noch nicht im Kinosaal verströmt werden können, konnte dies wohl nicht anders realisiert werden. Die Filmmusik ist sehr bewegend und dramaturgisch gut eingesetzt.
Tiere führen die Zuschauer durch den Raum, Bäume durch die Zeit. Leider erfährt man wenig über die unterschiedlichen Tier- und Pflanzenarten. Die oft moralisch sehr aufgeladene Sprache hilft den Zuschauern mit den Bäumen zu sympathisieren. Meines Erachtens gelingt dies aber weniger als mit den Pinguinen. Die Zuschauenden wirkten wenig emotional gefangen. Der Film schafft aber ein Bewusstsein für Bäume und das Zusammenleben. Die Dokumentation schafft ein sehr harmonisches Bild des Waldlebens, wo Tiere und Pflanzen in Symbiose oder in einem parasitären System miteinander leben. Ameisen helfen beispielsweise dem Baum, dass Raupen ihm die Blätter nicht wegfressen und ihm schaden. Dadurch wird auch an die Menschen unterschiedlicher Herkunft appelliert, sich ein Beispiel am Wald zu nehmen, einander zu helfen und harmonisch zusammenzuleben.
Der deutsche Titel ist unglücklich gewählt, handelt der Film doch vom Wald und nicht von Bäumen. Der deutsche Text, gesprochen von Bruno Ganz, verwundert stellenweise. Anthropomorphe Beschreibungen schaffen Bäumen Persönlichkeit und Partner. In einem Interview sagte Hallé unlängst, dass man mit dem Wald leben müsse, um diesen beschreiben zu können, denn unsere Sprache sei nicht für Pflanzen, sondern für Tiere und Menschen gemacht und gedacht. Offenbar haben diejenigen, die den deutschen Text geschrieben und gelesen haben nicht mit und im Wald gelebt. Aber in der Botanik im Allgemeinen scheint die Sprache, in der Pflanzen beschrieben werden, oft an menschlichen Attributen orientiert. Dies liegt am noch immer weit verbreiteten anthropozentrischen Weltbild. Die gewählte Sprache dient aber dem Ziel, ein Bewusstsein für den Wald zu schaffen. Es geht nicht darum, dass der Mensch den Wald besser versteht, sondern darum, dass der Mensch den Wald schützt.
Um dieses Ziel noch mehr zu erreichen, hätten mehr Szenen über die Abholzung der Wälder gezeigt werden können. Die stillstehenden Backer ohne Menschen in der Nähe wirken zwar traurig, das langsame Erzähltempo berührt und der strömende Regen betrübt, aber aktiv gegen die Abholzung kämpfen werden die wenigsten Zuschauenden. Ziel Jacquets ist es, dass der einzelne versteht, dass er etwas erreichen kann, wenn er beispielsweise zertifiziertes Holz kauft. Gewünscht hätte ich mir auch eine kritische Reflexion über die Rolle der Botaniker und der Naturfilm-Crews, greifen diese doch auch in die Natur ein. Alles in allem handelt es sich aber um eine sehr empfehlenswerte Naturdokumentation.
Jacquet hat kurz vor Hallés Idee 2010 die Wild Touch Stiftung gegründet, um Filme zu machen, die Menschen die Natur näher bringen. Sein Ziel ist es etwas für die Welt zu tun, die er liebt und seine Emotionen zu teilen. Seines Erachtens ist der Film das beste Medium, um Empathie zu erzeugen. Daher dürfen wir gespannt sein, auf seine nächsten Projekte.
Das Geheimnis der Bäume (Il était une forêt), Frankreich 2013. Regie: Luc Jacquet. Deutschschweizer Kinostart: 9.1.2014.
