Jeannot und Stella – Kurzgeschichte von Miriam Suter

Zum heutigen Texttag erscheint bei «Zeitnah» ein Ausschnitt aus einer Kurzgeschichte von Miriam Suter. Jeannot sucht nach dem Rezept für die Liebe, um Stella endlich ansprechen zu können. Die Lösung scheint in einem kleinen Päckchen zu stecken, doch noch ist es zu früh, um es zu verwenden …

«Zeitnah» freut sich, Ihnen an diesem Texttag eine Geschichte von  Miriam Suter präsentieren zu dürfen. zVg

«Zeitnah» freut sich, Ihnen an diesem Texttag eine Geschichte von Miriam Suter präsentieren zu dürfen. zVg

«Meinst du das ernst?» fragte Serge und schüttelte seine bunten Federn, bevor er sich mit dem Schnabel über den rechten Flügel strich, um ihm noch etwas mehr Glanz zu verleihen. Dann zog er an seiner Pfeife, blies Jeannot den Rauch ins Gesicht und fuhr nach einem kurzen Hustenanfall weiter: «Ich kann dir nicht beibringen, wie das geht mit den Frauen, Jeannot. Das musst du selber lernen. Mein Gott, wenn’s einfach wäre, wenn man diese Kunst einfach so von Generation zu Generation, von Vater zu Sohn zu Enkel weitergeben könnte – wo bliebe dann der Zauber?» Serge flatterte kurz, um sein Gefieder etwas zu lockern, bevor er in seinen smaragdgrünen Morgenmantel schlüpfte. «Willst du auch einen Tee?» «Mann, ich dachte, du bist mein Freund und willst mir helfen?» murrte Jeannot, stieg das knarrende Treppchen hinauf in die Galerie und liess sich auf das alte Samtsofa fallen. «Ich helfe dir ja, weil ich dir eben nicht helfe!» entgegnete Serge, während er das Wasser für den Tee aufsetzte. «Was willst du denn von mir, willst du eine Checkliste, nach der du das Mädchen bearbeiten sollst und nach jedem erfolgreich abgehandelten Punkt einen Haken setzen kannst? ‚Eine Haarsträhne beiläufig aus ihrem Gesicht streichen – check! Ihr beim Feuer geben eine Sekunde zu lange in die Augen schauen – check! Die Hand nach dem dritten Treffen endlich auf ihrem Knie platzieren – check!’ So läuft es nicht, Mann! Das wärst doch nicht mehr du selbst.» Jeannot verdrehte die Augen und liess sich rücklings auf das Sofa fallen, das unter seinem Gewicht nachgab und ihn in den Rücken piekste, die Stahlfedern waren nicht mehr die neusten. Etwas Staub wirbelte auf, der Jeannot in der Nase kitzelte und ihn zum Niesen brachte. «Weisst du», setzte er an, nachdem er sich die Nase putzte, «du hast ja recht. Ich will keine Anleitung, ich brauche wohl nur etwas Starthilfe, etwas, was mir die Angst vor dem Ansprechen nimmt.» Serge sah Jeannot mit stechendem Blick an, schüttelte dann missmutig den Kopf und nahm das kochende Wasser vom Herd, um den Tee aufzugiessen. «Ich weiss schon, was du willst. Ich habe dir oft genug gesagt, dass gemahlene Hasenpfote schwierig sein kann im Umgang. Die Dosierung hängt extrem von der Qualität des Hasen ab – wie wurde er gefüttert, lebte er in freier Wildbahn oder hatte er feine Pfoten, die er schonen konnte, weil er in einem reichen Haushalt mit Bediensteten aufwuchs? – und nicht immer kann man nur vom Geruch des Pulvers abschätzen, wie gut es ist.» «Bitte, Serge, nur noch dieses eine Mal!», Jeannot stand auf, rieb sich die Augen, scheiss Staub, dachte er, «bitte!». Serge stiess einen gleichgültigen Pfiff aus, öffnete eine Schublade und warf Jeannot ein kleines Päckchen zu. «Noch ein letztes Mal! Sei vorsichtig mit der Dosierung, das ist wirklich gutes Zeug! Willst du echt keinen Tee?» Jeannot bedankte sich, lehnte den Tee nochmals ab, Teufelszeug, und verliess Serges Wohnung im obersten Stock des Herrenhauses.

Auf der Strasse zündete er sich eine Zigarette an und befühlte das Päckchen in seiner Hosentasche. Er würde es nicht unbedingt nehmen müssen, dachte er, aber schon allein der Gedanke daran machte ihn sicherer. Er würde endlich den Mut finden, Stella anzusprechen. Er setzte sich ins nächste Café, bestellte einen Chardonnay, rauchte und beobachtete die Leute, die im Feierabendstress vorbeizogen. Es war Herbst, noch nicht zu kalt, um draussen vor den Cafés sitzen zu können, aber auch nicht mehr wirklich warm. Mit die Nase in die Sonne strecken und sagen ‚Hach ist es schön, die Nase in die Sonne zu strecken’ wars seit etwa drei Wochen vorbei. Morgens hing der Nebel in Schwaden über den Wäldern und Flüssen und verzog sich erst gegen Mittag, um dann einen grauen Himmel dahinter vortreten zu lassen. Jeannot liess den Blick über die gestressten Leute schweifen. Das tat er gerne, er hatte dann das Gefühl, dass der Schwall aus Geschäftsleuten und Teilzeit arbeitenden Eltern, die ihre Kinder aus der Krippe abholen, jedes Mal ein bisschen von seinen eigenen Sorgen mitriss und sie in den Metroschächten freigab, wo sie sich im Nichts der Stadt verloren.

Vielleicht, dachte Jeannot dann, verloren sie sich aber auch nicht, vielleicht krochen seine Sorgen auch in die Belüftungsanlagen der Häuser, vielleicht schlichen eines Abends seine Ängste wegen des immer etwas zu leeren Kontos aus dem Lüftungsschacht in die Wohnung von Madame Blanc. Vielleicht liess sich Jeannots niedriger Kontostand vorsichtig aus dem Schacht auf Madame Blancs Frisiertisch fallen, schlängelte sich dann hinter den Spiegel, verlor eine Null hier, eine Eins da, und verweilte dort so lange, bis sich die Madame davor setzte, um dann hinter dem Spiegel hervorzuschnellen und sie mit einem grellen Schrei zu erschrecken. Während dieser Aktion würde Jeannots Kontostand vielleicht noch ein paar Dreien fallen lassen, für den richtig dramatischen Effekt, und dann unter Madames aufgerissenen Augen auf den Boden segeln, bis er dort beim nächsten Mal Staub wischen mitgenommen würde.

Vielleicht aber auch nicht, dachte Jeannot dann, allerdings wäre das sehr lustig. Er nippte an seinem Glas, die haben wirklich guten Wein hier, dachte er, denn manchmal mochte er Wein lieber als Bier, aber der musste dann auch wirklich gut sein. Währenddessen lichtete sich der Strom aus Menschen, die an dem Café vorbeihetzten – es kamen jetzt vor allem noch die vorbei, die auf der Redaktion noch eine Extraschicht schieben mussten, wegen der Deadline, es kamen jetzt vor allem noch die vorbei, die am Morgen etwas länger schlafen konnten und dafür abends erst etwas später gehen durften, und es kamen jetzt vor allem die vorbei, die diese Woche den Laden zumachen, die Ecken ausfegen und die Rollläden herunterlassen mussten und jetzt auf dem Weg nach Hause waren, auf dem Weg zum ersten warmen Essen für heute. Jeannot zündete sich noch eine Gauloise an und liess den Blick schweifen, er mochte die Ecke hier, er entdeckte jedes Mal so viele neue Sachen, obwohl er oft herkam. Er mochte zum Beispiel speziell gerne die Plastikstühle des Restaurants gegenüber, es war ein italienisches Restaurant, eines der Sorte, das sich keine Mühe gab, was die Einrichtung oder die Dekoration anging – musste es auch nicht, denn hier gab es die beste Pizza der Stadt und nicht selten ging das Tiramisu aufs Haus. Jeannot mochte diese italienischen Restaurants nicht, wo man reinkommt und es hängen Trauben aus Plastik von der Decke, alles ist rot oder grün und als musikalische Untermalung wird allen Ernstes Eros Ramazotti gewählt, Jeannot hört bei ‚Un’Emozione Per Sempre’ jedes Mal irgendwas mit Calzone. Er mag lieber dieses Restaurant hier, das er jetzt von seinem Tisch aus sehen konnte, die haben keine Tischdecken, sondern grosse Papierbögen, die sie nach jedem Gast zusammen mit den Pizzakrümeln und Pasta-Resten wegwerfen, es gibt keine Plastiktrauben, und es läuft meistens irgend ein italienischer Sportsender im Radio. Wenn man in seine Pizza beisst, kann es schon mal vorkommen, dass man dabei von einem Fussballmoderator angefeuert wird.

Jeannot bestellte sich noch ein Glas und sah den Tauben zu, die unter den Tischchen scharenweise zwischen den Stühlen herumwanderten. Nervös, mit irrem Blick suchten sie nach dem nächsten heruntergefallenen Krumen. Eigentlich wirken die wie Junkies auf H, dachte sich Jeannot, nur dass Tauben frei sind und fliegen können, wohin sie wollen. Die Tauben spazierten also da herum, wichen den flinken Beinen der Kellner aus und gurrten und pickten, denn das war nun mal ihr Job und es gab ansonsten nicht allzu viel zu tun für Tauben in dieser Stadt. Jeannot steckte die Hand in seine Hosentasche und befühlte das Päckchen mit dem Pulver, es war etwa so gross wie ein Teebeutel, eingepackt in Seidenpapier und umwickelt mit festem Leinentuch. Ich brauche es nicht unbedingt, dachte er, ich kann jederzeit ganz frei entscheiden, es zu nehmen oder nicht zu nehmen, vielleicht reicht auch schon der Gedanke daran, dass ich es nehmen könnte. Er verlangte die Rechnung, legte den passenden Betrag in Münzen auf den Tisch und verliess das Café. Beim Gehen verscheuchte er noch schnell eine Taube mit dem Fuss.

Miriam Suter, geboren 1988, ist Journalistin und Autorin. Der vorliegende Ausschnitt wurde von ihr im Rahmen von «Baden liest» als Abschluss der Textstatt 2013 im Müllerhaus Lenzburz gelesen.

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