Place Beyond the Screen – Henry Alex Rubins «Disconnect»

Henry Alex Rubin erzählt in seinem Film die Geschichte von Menschen, die versuchen, in unserer 24-7-Gesellsschaft realen Kontakt aufzunehmen: Da ist die Journalistin, die sich mit einem Jungen anfreundet, der zusammen mit vielen anderen das Opfer sexueller Ausbeutung via Web ist. Die zwei Buben, die sich einen Scherz erlauben und sich auf Facebook als Mädchen ausgeben – und ihren Klassenkameraden so in den Selbstmord treiben. Das trauernde Ehepaar, das Opfer von Identity Theft wird…

Dabei hat Rubin sich aber übernommen und versucht zu viel – ganz anders als Robert Altman in «Short Cuts». Das Drehbuch von «Disconnect» – geschrieben von Andrew Stern – bietet eigentlich den Stoff für mindestens drei starke Filme. So aber wirkt das aber alles nur kunstgewerblerisch zusammengeschustert…

Sreuelle Ausbeutung im digitalen Zeitalter. (Bild: zVg)

Sexuelle Ausbeutung im digitalen Zeitalter. (Bild: zVg)

Wie im vorletzten Jahr «The Place Beyond the Pines» ist auch «Disconnect» ein typischer Pseudo-Arthaus-Streifen – ein Film also, bei dem das Mainstream-Publikum meint, einen ganz tiefsinnigen Streifen zu sehen. Und ja, vielleicht zu Recht. Aber die wahre Meisterschaft des Mainstreamkinos besteht doch darin, dies eben quasi durch die Hintertüre zu schaffen – tiefsinnig zu sein, ohne dies dem Publikum immer wieder zu sagen. Die Krise des heutigen Mainstreamkinos besteht eben darin, dass es dies oft nicht vermag, dass es zwischen der tumben Actionkiste, der hirnlosen Romcom und dem Independentkino eben gar nichts mehr gibt. Da verwundert es auch nicht, wenn ein Verleih wie Rialto, der früher mit ebensolchen Filmen Erfolge feierte, heute Konkurs anmelden muss. Bezeichnenderweise ist «Disconnect» der letzte Rialto-Film. Dies war zumindest so geplant: Neu ist der Film im Verleih von Impuls. Zugegeben: Verglichen mit «Paranoia» ist «Disconnect» geradezu ein Meisterwerk – aber wirklich sehenswert ist der Film trotzdem nicht. «Disconnect» ist Henry Alex Rubins erster Spielfilm; gut möglich also, dass Rubin das nächste Mal einen noch besseren Streifen vorlegt. Bereits 1997 fungierte Rubin als Second Unit Director bei James Mangolds «Copland»; Mangold notabene ist ein Regisseur, der irgendwo zwischen Mainstream («Kate & Leopold») und anspruchsvollem Arthauskino («Cop Land») oszilliert. Bezeichnend ist aber doch, dass Drehbuchautor Andrew Stern wohl eher im Mainstream zu Hause ist. So ist «Disconnect» denn eben auch ganz klar eine Mainstreamkiste. Und als solche dann wohl doch wieder überdurchschnittlich.

 

«Disconnect».  USA 2012. Regie: Henry Alex Rubin. Mit Jason Bateman, Hope Davis, Frank Grillo, Michael Nyqvist, Paula Patton, Andrea Riseborough, Alexander Skarsgaard u.a. Deutschschweizer Kinostart: 30.1.2014.


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