Reise in die tiefsten Geheimnisse der Seele – Bruno Forzani und Hélène Cattets «L’étrange couleur des larmes de ton corps»

Nach «Amer» überzeugt das französische Regieduo Cattet und Forzani mit einer weiteren Hommage an den Giallo, der wieder auf der ganzen Linie überzeugt. Ein Trip in die tiefsten Tiefen der menschlichen (oder der männlichen?) Seele – und in eine mediale wie auch persönliche Vergangenheit.

Der Däne Dan Kristensen (Klaus Tange) lebt in Brüssel. Soeben ist er von einer geschäftlichen Reise zurückgekehrt – und seine Frau ist spurlos verschwunden. Er kontaktiert den Kommissar Vincentelli, doch weder er noch seine Nachbarn wollen ihm wirklich helfen. Für Kristensen beginnt eine nervenaufreibende Reise in die Vergangenheit…

Herzlich willkommen! (Bild: zVg)

Herzlich willkommen! (Bild: zVg)

Wie schon «Amer» erweist auch «L’étrange couleur…» dem Genre Giallo die Ehre, ist aber gleichzeitig auch eine mediale Reise zu den Obsessionen der Kindheit und Jugend. Mindestens so wichtig wie die Bilder ist (wie auch schon in «Amer», dem ersten Langspielfilm von Cattet und Forzani) die Musik, unter anderem von Ennio Morricone, Bruno Nicolai, Riz Ortolani. Bei allen Gemeinsamkeiten verhalten sich die zwei Filme aber wie Yin und Yang zueinander: In «Amer» sind zwei Sprachen zu hören: Französisch und Italienisch – es wird aber wenig geredet. In «L’étrange couleur…» hingegen wird (zumindest streckenweise) viel geredet, Kristensen arbeitet gar in der Telefonie. Neben Französisch und Niederländisch ist auch Dänisch zu hören. «Amer» beginnt chronologisch mit Anas Kindheit; «L’étrange couleur hingegen kehrt alles um und beginnt mit dem erwachsenen Kristensen. Beide Filme sind teilweise arg an der Grenze zur Unlesbarkeit angesiedelt: Während in «Amer» kaum Medien vorkommen, wird in «L’étrange couleur…» viel telefoniert  – es kommt auch ein alter Telefonbeantworter und sogar ein Smartphone vor. «Amer» ist ein Film von Cattet und Forzani, «L’étrange couleur umgekehrt ein Film von Forzani und Cattet. Ersterer zeigt das Erwachen einer jungen Frau; Letzterer eine Reise zur Entropie. Und natürlich ist der neue Film von Cattet und Forzani auch für alle sehenswert, die ihren ersten Film nicht kennen – eine einzigartige Mischung aus Giallo und Kunstfilm, die immer wieder begeistert. Als Einstieg in das Werk von Cattet und Forzani ist «L’étrange couleur…» vielleicht sogar besser geeignet.

«L’étrange couleur des larmes de ton corps». Belgien/Frankreich /Luxemburg 2013. Regie: Bruno Forzani und Hélène Cattet. Mit Klaus Tange, Sam Louwyck, Jean-Michel Vovk, Sylvia Camarda, Anna D’Annunzio, Manon Beuchot u.a. Deutschschweizer Kinostart: 5.12.2014. Spielzeiten unter www-b-movie.ch.