Gestohlene Identität – Eran Riklis’ «Dancing Arabs»

Der israelische Regisseur Eran Riklis legt mit «Dancing Arabs» seinen vielleicht stärksten Film vor – über einen jungen arabischen Israeli, der zerrissen ist zwischen israelischer Mehrheitsgesellschaft und seinen arabischen Wurzeln.

Eyad (Tawfeek Barhom) ist ein sehr talentierter Junge, der in einem arabischen Dorf in Israel aufwächst. Deshalb darf er – nach ernüchternden Erfahrungen in der lokalen Schule – nach Jerusalem in ein Internat. Der zu einem jungen Mann herangewachsene Eyad lernt dort eine Mitschülerin kennen, in die er sich verliebt. Und auch Naomi (Danielle Kitsis) interessiert sich für Eyad. Trotzdem findet Eyad in seiner Freizeit noch Platz für andere Aktivitäten, so besucht er einen gleichaltrigen Gelähmten namens Yonathan, der an einer unheilbaren Krankheit leidet. Schliesslich verlässt er die Schule, da Naomis Eltern alles erfahren haben. Eyad verdient sein Geld nun selber als Kellner – aber nicht unter seinem Namen, sondern unter dem Yonathans…

Eyad scheint bereits zu ahnen, dass seine Beziehung zu Naomi gefährdet ist... (Bild: zVg)

Eyad scheint bereits zu ahnen, dass seine Beziehung zu Naomi gefährdet ist… (Bild: zVg)

Eran Riklis ist bekannt als gesellschaftskritischer Regisseur. Oft arbeitet er auch mit arabischen Autoren zusammen, so auch hier. Sayed Kashuas Drehbuch (nach seinem Roman) ist immer wieder packend und wirkt auch meist überzeugend. Ganz am Rande werden auch die Brüche innerhalb der jüdischen Gesellschaft(en) angesprochen. Hier geht es aber in erster Linie um die Probleme der israelischen Araber, die immerhin 20, 7% der Bevölkerung ausmachen. Der Film beginnt denn auch mit einem Zitat von Mahmoud Darwish, dem 2008 in Houston (Texas) verstorbenen palästinensischen Dichter. Der soziale Aufstieg ist einem jungen Araber wie Eyad verwehrt; nur die Annahme einer neuen Identität steht ihm als Ausweg offen. Dieser radikale Schritt ist wohl einerseits in seiner Liebe zu Naomi begründet; andererseits muss er ja auch Geld verdienen, und unter seinem richtigen Namen kann er nicht kellnern. Eyads Vater weiss nichts von Naomi; Naomis Eltern wurden von ihr informiert und haben sie deshalb aus der Schule rausgenommen. Nur Yonathans Mutter Edna (Yaël Abecassis) weiss wohl alles: Eyads Liebe zu Naomi und sein Annehmen einer neuen Identität.

Edna steht für ein neues Israel, das sich aber noch nicht offen manifestieren kann. Und vielleicht hat es auch eine gewisse Symbolkraft, dass Eyads israelischer Freund gelähmt ist und selber immer weniger unternehmen kann. Die arabischen Israeli haben nicht viele Freunde in der israelischen Mehrheitsgesellschaft. Erst, wenn im Nahen Osten die Staaten allen Bürger/innen ungeachtet von Religion und Herkunft die gleichen Rechte gewähren, erst dann wird es Frieden geben. In der Schweiz leben 24% Ausländer ohne politische Rechte – dies ist durchaus vergleichbar mit den 20, 7% Arabern in Israel. Hier muss es (auch) der Schweiz gelingen, diesen Menschen politische Rechte zu gewähren.  Sollte dies nicht möglich sein, werden die Gräber zweifellos tiefer. Auch wenn es schwierig ist: diese Gräben müssen in der Schweiz ebenso wie in Israel, der EU oder den USA abgebaut werden. Deshalb ist Eran Riklis’ neuer Film nicht einfach ein Film über ein anderes Land und uns ganz fremde Probleme, sondern ganz im Gegenteil ein Film, der Thematiken behandelt, die fast überall von Interesse sind. Leider.

«Dancing Arabs».  Israel 2014. Regie: Eran Riklis. Mit Tawfeek Barhom, Ali Suliman, Yaël Abecassis, Daniel (Danielle) Kitsis, Michael Moshonor  u.a. Deutschschweizer Kinostart: 5.3.2015.

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