gesichtet #123: Die geköpfte Gestalt vom Castellioweglein

Von Michel Schultheiss

Castellioweglein Puppe mit Stacheldraht

Wo man plötzlich von einer enthaupteten Gestalt erwartet wird: Das Castellioweglein hat Skurriles zu bieten (Fotos: smi).

Eine kopflose Figur unter einem Stacheldraht: Der schauerhafte Anblick könnte vielleicht glatt als unbeabsichtigte Protestinstallation zu den gegenwärtigen Flüchtlingsschicksalen durchgehen. Das Gespenstische, das Schaufensterpuppen an sich schon haben, wird hier noch verstärkt: Ziemlich unerwartet taucht die Gestalt hinter der Ecke auf – an einem Weg, der kaum begangen wird.

Die Rede ist vom Castellioweglein im St. Alban-Quartier. Bei meist nur von Eichhörnchen frequentierten Durchgang, wo übrigens kürzlich ein Apothekenräuber geschnappt wurde, begegnet der Spaziergänger unverhofft einem dadaartigen Ensemble: An der Hauswand grüsst eine Art Alien und gegenüber beobachtet eine weitere Fratze die Passanten. Garniert ist das Ganze von Mini-Graffitistrecke, die gleich um die Ecke zu zwei Schattengestalten und schliesslich zu dieser enthaupteten Puppe hinführen.

Castellioweglein Graffiti 2

Ein Graffitihaus im Herzen des St. Alban-Quartiers (Fotos: smi).

Das Besondere an dieser versteckten kleinen Streetart-Galerie ist vor allem der Standort: Dass sich unmittelbar hinter den vornehmen Altstadthäusern dieser wenig beachtete, aber geschmückte Hinterhof befindet, ist für diese Gegend in Basel beachtlich. Gerade hier ist grosse eine Ansammlung an Graffiti, Stencils und Fankurven-Stickers auszumachen. Was die besagte Puppe unter dem Stacheldraht hier soll, bleibt aber ein Rätsel.

Castellioweglein Stencil

Beim Sammlerbrunnen in der St. Alban-Vorstadt, der auch als «König Davids-Brunnen» bekannt ist, tut sich ein kleines Tor auf, das zu dieser kleinen Geisterbahn führt. Das Weglein gibt es seit 1982. Dessen Name ist auf den französischen Humanisten Sebastian Castellio (1515-1563) zurückzuführen. Der protestantische Theologe war während seinen letzten Lebensjahren als Altgriechisch-Professor in Basel tätig. Die einzige Hommage an den Gelehrten besteht im besagten Schleichweg, einer Treppe, die sich einen bewachsenen Hang zum St. Alban-Tal hinunterschlängelt.

Castellioweglein Graffiti

Bezeichnend ist dabei, dass das Castellioweglein in einen ehemaligen Friedhof einmündet: Gleich unten an der Treppe tauchen schon bald die alten Grabplatten vor der St. Alban-Kirche auf. Von daher passt die kopflose Puppe noch ganz gut als Einstimmung auf das, was die Passanten weiter unten erwartet.

Castellioweglein Hausecke

 

Castellioweglein Streetart

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