gesichtet #127: Lindenturm und Lochbrunnen – ein Stück eingemauerte Stadtgeschichte

Von Michel Schultheiss

Eine massive Eisentür, fast versteckt zwischen Sträuchern und Bäumen. Sie ist mit Graffiti versehen, ansonsten fällt sie aber nicht besonders auf. Wer vom Mühlenberg runter ins St. Alban-Tal spaziert, kann dieses Portal entdecken. Vielleicht hat sich auch schon mal der eine oder andere gefragt, was sich wohl hinter dieser mysteriösen Pforte befinden mag.

Brunnwerk St. Alban

Was zum Teufel verbirgt sich wohl hinter dieser Eisentür im St. Alban?

Bekanntlich gibt es so etwas wie die Stadt unter der Stadt – Dinge, welche den einstigen Alltag entscheidend mitprägten, heute aber zugemauert, eingedolt oder sonst irgendwie unsichtbar gemacht geworden sind. Das beste Beispiel in Basel ist wohl der Birsigtunnel. Auch am Mühlenberg befindet sich ein Stück verschwundene Stadtgeschichte: Eine Quelle und ein Turm – oder besser gesagt sein verbliebenes Fundament – wurden vollständig verschluckt. Wo sich einst die Stadtbefestigung zum Rhein hin erstreckte, sind bis auf wenige Reste im Erdreich die baulichen Zeugen jener Zeiten verschwunden. Wie die Archäologen Guido Helmig und Christoph Philipp Matt in der Publikation «In der St. Alban-Vorstadt» festhalten, ist der Turmstumpf mit der Brunnstube hinter diesem Tor eingeschlossen.

Hier stand einst der Lindenturm. Seine Fundamente sollen hier noch immer verborgen sein - ebenso die Lindenquelle, deren Wasser aber nicht mehr angezapft wird

Hier stand einst der Lindenturm. Seine Fundamente sollen hier noch immer verborgen sein – ebenso die Lindenquelle, deren Wasser aber nicht mehr angezapft wird

Ein Unterer und ein Oberer Lindenturm wachten einst in der Nähe des St. Alban-Klosters. Der untere der beiden diente gegen Ende nicht nur als Teil der Befestigung, sondern gegen Ende des 15. Jahrhundert als Versammlungsraum der Vorstadtgesellschaft «Zum Lindenbrunnen». Bald schon fiel aber das Gebäude einem Brand zum Opfer und die Gesellschaft zog 1492 ins Haus «zum Hohen Dolder», was einen Namenswechsel, der noch bis heute währt, mit sich brachte. Der angeschlagene Lindenturm überdauerte aber noch ein paar Jahrhunderte. 1839 wurde er schliesslich abgebrochen, da die Strasse des Mühlenbergs verbreitert wurde. Ein Aquarell von 1841 zeigt ihn aber noch immer.

Was aber geschah mit der besagten Quelle, dem Lindenbrunnen? Laut Helmig und Matt wurde einzig das Untergeschoss vom Turm zur Quellfassung belassen. Um nicht auf das Wasser zu verzichten, wurde ein neuer Treppenabgang zum Turmgewölbe erstellt – ein sogenannter Lochbrunnen. Auf einem weiteren Aquarell von 1874 ist dieser zu sehen.

1891 verschwand dann auch dieser Treppenabgang, als der St. Alban-Rheinweg neu aufgeschüttet wurde. Was heute verborgen ist, war einst wichtig für die Basler Wasserversorgung. Das merkte auch der Artillerieoberst Wilhelm Haas: Er erwarb gegen Ende 18. Jahrhunderts ein Haus an der St. Alban-Vorstadt mit einer weiteren kleinen Quelle. Haas hatte vor, diese mit dem Wasser des Lindenbrunen zusammenzuführen und in die obere Vorstadt zu pumpen – ein Projekt, das aber zu kostspielig war. Erst zwischen 1837 und 1839 beschloss der Rat, auf diese Idee zurückzukommen: Die Quelle von Wilhelm Haas wurde gefasst und durch einen 138 Meter langen Tunnel zum Lindenbrunnen geführt. Von dort wurde das Wasser via Wasserrad, später mit einem Dampfkraft-Pumpwerks in ein Reservoir bei der St. Alban-Vorstadt befördert. Die Quelle war nicht unwichtig: Immerhin wurde die St. Alban-Vorstadt, der Münsterhügel und sogar das Hotel Dreikönige damit versorgt.

Seit 1981 ist diese Leitung jedoch gänzlich vom Netz abgehängt: Das «Lindenwasser» ergiesst sich ins Kneippbecken gleich unten am Mühlenberg. Somit ist ausser der Eisentür einer Informationstafel nicht mehr viel übrig vom einst wichtigen Brunnen. Wie es wohl im Innern des Hügels aussehen mag? Fotos dazu stehen noch aus, da dieser Teil des Basler Untergrund leide nicht zugänglich ist. Ob es wohl einmal möglich ist, einmal den Wassertunnel, die Quelle und die Reste des Lindenturms zu sehen?

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