Cineastische Sinnsuchen – Eva Vitijas «Das Leben drehen»

Eva Vitijas Film über ihre Familie gibt einen tiefen Einblick in die Dynamiken des Filmemachens und des Zusammenlebens.

Josef «Joschy» Scheidegger, Eva Vitijas Vater, hat sie dauernd gefilmt und ihr gar später ein «Best of» daraus zusammengestellt. Sehr zu ihrem Missfallen. Doch nach Papa Josefs Tod geht sie auf Spurensuche – nun ist sie hinter der Kamera, filmt ihre Mutter, ihren Bruder, ihren Halbbruder und stellt ihr eigenes «Best of» zusammen, zuhanden des geneigten Publikums. Joschy Scheideggers erste Ehe ging in die Brüche; der eine Sohn Florian lebte eine Zeit lang bei seiner neuen Familie – nahm sich aber schliesslich in einer psychiatrischen Anstalt das Leben. Der andere Bruder lebt noch, ist aber auf den Vater nicht gut zu sprechen…

"Hallo, hier Eva, spreche ich mit der KESB?" (Bild: zVg)

„Hallo, hier Eva, spreche ich mit der KESB?“ (Bild: zVg)

Wie Peter Liechti in «Vaters Garten» (2013) oder Thomas Haemmerli in «Sieben Mulden und  eine Leiche» (2007) setzt sich Eva Vitija auch in ihrem Erstling mit ihrer Familiengeschichte auseinander – es kommen aber auch viele gesamtgesellschaftliche Prozesse vor, die von der Thematik her an Thomas Vinterbergs «Kollektivet» erinnern. Trotzdem ist der Film aber natürlich in erster Linie ein persönliches Dokument – Schweizer FilmemacherInnen aus der Deutschschweiz zieht es offenbar immer wieder zum Autobiografischen, man denke auch an Samir oder zuletzt Werner «Swiss» Schweizer, dessen Film über Rudolf Elmer («Offshore – Elmer und das Bankgeheimnis») unentschlossen zwischen Elmer und Schweizer herumwuselt. Da ist Vitija auf jeden Fall konsequenter.

Nun mag es einfach günstiger sein, Dokumentarfilme mit den eigenen Familienangehörigen zu drehen. Ein Dokumentarfilm ist an sich sicherlich schon günstiger als ein Spielfilm – Nils Malmros hätte so viel Geld sparen können. Aber wären Nils Malmros‘ Dokumentarfilme ebenso sehenswert wie seine Spielfilme? Vielleicht überschätzt eben so mancher Filmemacher doch seinen eigenen Stoff. Trotzdem ist der Einblick in Vitijas Familie spannend und darüber hinaus eine interessante Reflexion über das Filmemachen an sich. Filme machen, Filme schauen – das sind im Grunde genommen nur Versuche, dem Leben einen Sinn zu geben. Joschy Scheidegger hätte aber wohl lieber mehr Zeit und Effort in das Familienleben an sich investiert. Manchmal ist eben ein Film nur ein Film und nicht das Leben selbst.

 

«Das Leben drehen». CH 2016. Regie: Eva Vitija. Dokumentarfilm. Deutschschweizer Kinostart am 17. März 2016.

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