My Life Without Me – Sion Sonos «The Whispering Star»

Nach seiner Hip-Hop-Oper «Tokyo Tribe» überzeugt der japanische Regisseur Sion Sono mit einem leisen Science-Fiction-Arthaus-Werk, in dem Megumi Kagurazaka als Androidin zu sehen ist.

In der Zukunft. Menschen leben nur noch wenige. Roboter sind die neuen Herrscher der Welt.  Androidin Yoko Suzuki (Megumi Kagurazaka) ist unterwegs in ihrem Retro-Raumschiff und verteilt Pakete in der ganzen Galaxis. Dabei trifft sie auch immer wieder Menschen – eine aussterbende Spezies. Viel einfacher wäre es denn auch, die Dinge via Teleporter zu beamen, doch die Menschen bestehen auf den alten Methoden. So dauert es Jahre, bis Machine ID 722 Yoko Suzuki die Gegenstände übergeben kann.

Roboter sind doch immer einfach ein bisschen menschlicher als wir Menschen... (Bild: zVg)

Roboter sind doch immer einfach ein bisschen menschlicher als wir Menschen… (Bild: zVg)

Zwar hat Sion Sono seinen Film schon in den 90er Jahren geplant. Doch durch Fukushima und die Omnipräsenz der künstlichen Intelligenz hat sein Stoff noch an Aktualität gewonnen. So verarbeitet Sion Sono in «The Whispering Star» die Katastrophe von Fukushima. Er hat dort gefilmt und mit Laien aus der Region zusammengearbeitet. Hinzu kommt die Diskussion um die künstliche Intelligenz, die gerade in Japan noch näher beim Alltag ist als im Westen. Bereits werden dort Roboter in der Pflege eingesetzt. Eine Welt, in der die Maschinen den Ton angeben – vielleicht leben wir ja bereits in ihr. Aber ob die Maschinen auch ohne Menschen weiterexistieren wollen? Dass Yoko Suzuki den Menschen überhaupt noch physische Objekte bringt, deutet darauf hin, dass es den Menschen ohne den Rest des Physischen nicht mehr geben wird. Es zeigt sich aber bereits im Geflüster der Menschen (und Yokos), dass die Stimme, dieses ureigene menschliche Element, das uns so stark von der Tierwelt unterscheidet, sich im Rückzug befindet.

Eine Welt ohne Menschen? Ja, wenn die Roboter Yoko Suzuki gleichen, dann sind vielleicht sie die neuen Menschen – «new and improved». Schliesslich sind unsere Stimmen nichts anderes als die Stimmen der Aliens; wir sind die Aliens. Unsere Stimmen sind (so Slavoj Zizek) die Aliens in unseren tierischen Körpern. Ein Roboter ist doch im Grunde eben nichts anderes als ein Mensch, der sich seines tierischen Körpers entledigt hat. Am Schluss sieht Yoko Suzuki die Menschen nur noch als Scherenschnitt, als Schatten hinter einer Leinwand – Sion Sonos Film wirft viele Fragen auf und besticht gerade mit seinen durchaus kryptischen und meditativen Elementen. Ein Schwarzweiss-Road-Movie im Retro-Raumschiff, das es in sich hat.

«Hiso hiso boshi». Japan 2015. Regie: Sion Sono. Mit Megumi Kagurazaka, Koko Mori, Kenji Endo, Yuto Ikeda. Premiere am 5. Januar 2017 im Stadtkino Basel, http://www.stadtkinobasel.ch/

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