gesichtet #144: Weshalb sich der Vogel Gryff in «seiner Gasse» ducken müsste

Von Michel Schultheiss

Hier riecht es stets streng. Kein Wunder: Wir betreten nun einen von zwei Verbindungswegen zwischen Rheinufer und Rotlichtviertel. Es ist wohl einer derjenigen Orte, die Saubermänner gerne aus dem Basler Stadtbild tilgen würden – schliesslich ist die kleine Gasse sowohl als inoffizielle Toilette für Menschen und Tauben wie auch als Kotzecke nach dem Rheinbord-Besäufnis bekannt.

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Das Vogel Gryff-Gässli – ein Nadelöhr unter den Strassen des Kleinbasels. Wie seine Parallelgassen ist auch dieser Weg nach einem Ehrenzeichen benannt (Foto: smi).

Das Vogel Gryff-Gässli ist aber nicht deswegen ein besonderes Exemplar unter Basels «Strassen»: Es ist wohl die einzige Weg in der Stadt, vor dem Grossgewachsene gewarnt werden müssen. Für diese gilt, den Kopf einzuziehen. Eine Art Schwibbogen, wie er noch in manchen alten Gassen zu sehen ist, verdeckt die Sicht. Die Abstützung zwischen den beiden alten Häusern ist hier aber sperrig und längst nicht so schwungvoll wie anderswo in Basel – man denke etwa an die Bögen im Pfeffer-, Trillen- und Fyrgässlein. Jedenfalls hätte der Namensspender des Gässleins, das Ehrenzeichen der Gesellschaft zum Greifen, hier wohl grösste Mühe, das Tanzbein zu schwingen: Wenn der Vogel Gryff im Januar in Begleitung von Leu und Wild Maa durchs Kleinbasel tingelt, dürfte er sich ausgerechnet in der nach ihm benannten Gasse sein stolzes Adlerhaupt anschlagen.

Als Ergänzung zur Exkursion des Schreibenden durch die versteckten Gassen Basels, muss auch der Weg des Vogel Gryff genannt werden. Ganz so verborgen ist dieser aber nicht: Im Gegensatz zum Ueli-Gässli weiter vorne wird dessen Strassenschild nicht die ganze Zeit geklaut und auch auf Google Maps ist es problemlos zu finden. Der Verbindungsweg von der Unteren Rheingasse zum Unteren Rheinweg wurde 1970 amtlich benannt. Wie lange es vorher schon namenlos bestand, ist nicht bekannt. Bilder aus dem Fotoarchiv Wolf von etwa 1925 und 1938 zeigen jedenfalls gut, dass es Riesen schon damals nicht leicht hatten.

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Das Gässlein verbindet das «Milieu» mit dem Rheinbord – und blieb stets ein wenig versifft (Foto: smi).

Nicht nur das Fabelwesen mit Löwenleib und Vogelkopf stand im Kleinbasel bei der Namensgebung Pate: Parallel zu dieser Gasse gibt es Wege, die nach den drei Kleinbasler Ehrenzeichen und ihren närrischen Begleitern benannt sind: Das verschliessbare Ueli-Gässli und das Wild Ma-Gässli gleich nebenan wurden ebenfalls 1970 getauft. Laut Basler Namenbuch bilden diese drei Strassennamen auch Ausnahmen in der Nomenklatur: Statt wie sonst in standarddeutscher Form sind diese drei – zusammen mit dem Salmgässli – im Dialekt offizielle als «Gässli» festgehalten. Nicht zu vergessen ist der Vierte in diesem Kleinbasler Quartett: Einiges früher zu ihrem Namen kam 1878 die Leuengasse, die ebenfalls zum Rhein führt.

Nun aber zurück zur «Rotlichtgasse»: Wo der Weg des Greifen hinführt, ist das Strassenbild im Wandel. Das Gesicht des Kleinbasler Milieus hat sich mit der Einführung mit den grünen Markierungen für die Sexarbeiterinnen und dem Einzug von «normalen» Bars ein wenig verändert. Gleich bei der Einmündung der Gasse herrscht seit längerer Zeit auch beim Lokal «Zer alte Schmitti» gähnende Leere. Beim heruntergekommenen Vogel Gryff-Gässli bleibt aber alles beim Alten. Vielleicht ist es noch eine der letzten etwas verwaisten Gassen in Basel: Im Gegensatz zu anderen Ecken der Stadt, die oft als Unorte bezeichnet wurden – man denke etwa an die «Bronx» – sind solche kleinen Schlupfwege wohl schwierig zu bändigen. Insofern ist der elegante Gryff wohl eher der wilde Mann unter den Kleinbasler Gassen.

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