Das Ringen um die moderne Schweiz: «Kulturkampf» von Josef Lang und Pirmin Meier

Von Martin Stohler

Kulturkampf? Ist hier ein Buch über den Zusammenstoss verschiedener Kulturen im Zeitalter des Multikulti erschienen? Oder geht es um die Verteidigung der bürgerlichen (Hoch-)Kultur gegen den Ansturm der Massenkultur? Nein: Der Untertitel des Buchs «Die Schweiz des 19. Jahrhunderts im Spiegel von heute» macht deutlich, dass es in diesem Band um eine Auseinandersetzung in der Vergangenheit geht.
Bei besagtem «Kulturkampf» handelt es sich um einen Konflikt, der sich auch in anderen europäischen Staaten beobachten lässt. Diese Konflikte, so das Historische Lexikon der Schweiz, «lassen sich als Modernisierungskrisen bezeichnen, als Etappen im Prozess der Säkularisierung von Staaten und bürgerlichen Gesellschaften. Dabei ging es dem Nationalstaat des 19. Jahrhunderts um die Emanzipation von der Kirche, die jahrhundertelang mit der Staatsmacht verflochten war, und dementsprechend um eine Neubestimmung der Beziehung zwischen Kirche und Staat, die zu einer Reduktion kirchlicher Einflüsse auf die Gesellschaft führte.»

Deckel 1
Geprägt bzw. in Umlauf gebracht wurde der Begriff «Kulturkampf» durch den deutschen Pathologen und Politiker Rudolf Virchow (1821–1902). Bezieht man den Begriff auf Deutschland, so ist «der Konflikt zwischen dem Königreich Preussen bzw. dem Deutschen Kaiserreich unter Reichskanzler Otto von Bismarck und der katholischen Kirche unter Papst Pius IX.» gemeint. «Die Auseinandersetzungen eskalierte ab 1871; sie wurden bis 1878 beendet und 1887 diplomatisch beigelegt» (Wikipedia, Artikel Kulturkampf). In der Schweiz umfasst der Kulturkampf im weiteren Sinne des Begriffs einen grösseren Zeitraum und prägte einen beträchtlichen Teil des 19. Jahrhunderts.

Vom Staatenbund zum Bundesstaat

Eine wichtige Wegmarke auf dem Weg zu einem modernen säkular orientierten Schweizer Staat war die kurze Zeit der Helvetik nach 1798. Das als Zentralstaat konzipierte Unternehmen konnte allerdings keine Wurzeln schlagen – nach bürgerkriegsähnlichen Wirren und einem Diktat Napoleons wurden die Kantone wieder zu eigenständigen Gebilden in einem losen Staatenverbund. Das änderte sich auch nach dem Wiener Kongress von 1814/15 nicht wesentlich.

Der Traum von einem Schweizer Nationalstaat war damit allerdings keineswegs ausgeträumt. Anfang der 1830er-Jahre erhielten die Anhänger eines Bundesstaates gar neuen Auftrieb. Dies auch als Folge des Erstarken von freisinnigen und radikalen Kräften in einzelnen Kantonen unter dem Eindruck der Pariser Julirevolution von 1830. Die von ihnen angestrebte Revision des Bundesvertrags scheiterte aber vorerst am Widerstand der konservativen Kantone. Der Konflikt zwischen Letzteren und den freisinnigen Kantonen schwelte aber weiter. Dies kam im Siebnerkonkordat der einen und im weitergehenden Sonderbund der andern zum Ausdruck. Nachdem die fortschrittlichen Kantone in der Tagsatzung eine Mehrheit hatten, liessen sie 1847 den Sonderbund militärisch auflösen. 1848 wurde aus dem Staatenbund der Schweizer Bundesstaat mit einer modernen bürgerlichen Verfassung.

Ein überkonfessioneller Konflikt

Mit der Schaffung des Bundesstaates verlor der Kulturkampf in der Schweiz an Schärfe, auch wenn es noch fast 50 Jahre ging, bis die meisten alten Kämpfe ausgefochten waren und sich neue Konfliktlinien abzeichneten. In dem aus zwei Essays und einem Gespräch zum Thema bestehenden Band des Verlags Hier und Jetzt liegt das Gewicht klar auf der Zeit vor 1848. Dabei macht Josef Lang in seinem Beitrag deutlich, dass sich nicht zwei konfessionelle, sondern zwei weltanschauliche Lager gegenüberstanden, auch wenn die Propaganda gegen die Jesuiten eine unmissverständliche Spitze gegen den konservativen, reaktionären Katholizismus enthielt. Lang weist detailreich nach, dass zu den entschiedensten Verfechtern das Bundesstaates – und damit zu den heftigsten Gegnern des reaktionären Katholizismus – liberale Katholiken wie der Aargauer Augustin Keller gehörten; Keller hatte unter anderem die Auflösung der Aargauer Klöster durchgesetzt.

Deckel 2n

Die Bundesverfassung von 1848 brachte den von vielen lange ersehnten Nationalstaat und garantierte wesentliche Grundrechte wie die Religions- und die Niederlassungsfreiheit. Diese allerdings zunächst nur den Schweizern, die einer christlichen Konfession angehörten. So monierte ein Zeitungsartikel im Vorfeld der Verfassungsrevision von 1866 mit Bezug auf die Verfassung von 1848: «Die israelitischen Bürger des Aargaus, der Waadt, Genfs, Neuenburgs waren somit rechtlos erklärt, und zwar von Liberalen!» Dieser Makel wurde erst mit den Verfassungsrevisionen von 1866 und 1874 beseitigt. Allerdings war die Gewährung der Niederlassungsfreiheit und der Religionsfreiheit für Juden nicht das Ende des Antisemitismus in der Schweiz.

Schleierhaftes Buchkonzept

Worauf Pirmin Meier mit seinem Beitrag hinaus will, ist weniger klar. Einfach die Sicht der katholischen Reaktionäre wiederzugeben mag er offensichtlich nicht. Sich auf die Seite der liberalen Katholiken zu schlagen scheint ihm auch nicht recht zu liegen. Wenn ich seine Absicht richtig verstanden habe, so sucht er in den Trümmern des Schweizer Kulturkampfs nach Spuren eines konservativen, aber nicht reaktionären Katholizismus, eines dritten Lagers quasi. So verweist er etwa auf Joseph Eutych Kopp (1793–1866). «Kopps Kritik am Geschichtsbild der liberalen Schweiz», so Pirmin Meier, «war der Zeit vielfach voraus, gehört zu den Grundlagen der Aufklärung über den Freisinn und die von diesem wesentlich gestaltete Schweizer Staatsideologie.»

Den Mittelteil des Buches bildet ein Gespräch zwischen Josef Lang und Pirmin Meier (Redaktion: Bruno Meier) entlang von zwölf Fragen, wobei auch das 20. Jahrhundert ins Blickfeld gerät. Das «Gespräch» leidet allerdings daran, dass es nicht zu einem eigentlichen Gespräch zwischen den beiden kommt, in dem Standpunkte entwickelt und diskutiert werden. Man hat vielmehr den Eindruck, dass hier pro Frage jeweils ein kurzes Statement eingeholt wurde und dann schon die nächste Frage aufgetischt wurde. Schade.

Den analytischen Text von Josef Lang habe ich mit historisch-politischem Gewinn gelesen. Dem eher anekdotisch gehaltenen Text von Pirmin Meier kann ich einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen. Zudem ermöglichte er mir einen Einblick in eine mir weitgehend unbekannte Welt. Bleibt die Frage, was das Buch als Ganzes soll. Der Verlag und der Herausgeber (?) schweigen sich dazu aus. Den «Spiegel von heute» vermag ich in dieser Publikation nicht zu entdecken.

Josef Lang / Pirmin Meier: Kulturkampf. Die Schweiz des 19. Jahrhunderts im Spiegel von heute. Verlag Hier und Jetzt, Baden 2016. 148 Seiten, 39 Franken.

Kommentar verfassen


%d Bloggern gefällt das: