Zwischen Meer und Feind – Christopher Nolans «Dunkirk»

Gastautor Ottokar Schnepf bespricht für das Kulturmagazin Zeitnah «Dunkirk», den neuen Film von Christopher Nolan. Sein Fazit: einer der besten des britisch-amerikanischen Meisters.

Von Ottokar Schnepf

Bereits der erste Kriegsfilm der Filmgeschichte, D. W. Griffiths «Hearts of the World» aus dem Jahr 1918, enthielt das Lippenbekenntnis, das in den meisten Werken des Genres auftaucht, dass nämlich der Krieg die Hölle sei. Wie oft und widersprüchlich wurde uns das in den vergangenen 100 Jahren auf der grossen Leinwand immer wieder vorgezeigt in Filmen, in denen die harte Männlichkeit verherrlicht oder die Gültigkeit bestimmter gesellschaftlicher oder charakterlicher Werte in extremen Situationen untersucht wird. Nur selten steht dabei die Antikriegsbotschaft im Zentrum, und fast nie steht der Krieg selbst zur Debatte.

Christopher Nolan beweist einmal mehr, dass er ein sehr wandlungsfähiger Regisseur ist. (Bild: zVg)

Christopher Nolan beweist einmal mehr, dass er ein sehr wandlungsfähiger Regisseur ist. (Bild: zVg)

Ausnahmen, von «All Quiet on the Western Front» (1930) über «Paths of Glory» (1957) bis zu «Full Metal Jacket» (1987), bestätigen eher diese Regel. Vor allem Hollywood lieferte immer wieder den Krieg als Schicksalsschlag und die Soldaten als Retter vor dem Bösen. Solche Helden gibt es nicht in «Dunkirk», dem neuen Film von Ausnahme-Regisseur Christopher Nolan. Hier sind die Soldaten schweigsam dem Warten ausgeliefert. Nicht dem Warten auf den Feind, sondern sie warten auf eine Möglichkeit, um in ihre Heimat zurückkehren zu können. Der Film spielt am 1. und 2. Juni 1940 bei Dünkirchen während der Schlacht um Frankreich im Zweiten Weltkrieg. Auf dem überhasteten Rückzug vor den deutschen Truppen sammeln sich versprengte britische und französische Truppen rund um die von den Truppen der Wehrmacht eingeschlossenen Stadt Dünkirchen. Das zermürbende Warten und die beinahe ausweglose Situation treiben die Soldaten beinahe in den Wahnsinn.

Es ist schwer, in einen Christopher-Nolan-Film ohne hohe Erwartungen zu gehen, und diese Erwartungen werden nicht jedes Mal erfüllt. Nolan nähert sich diesmal dem Thema Kriegsfilm mit einem glühenden Mass an Geschick und Meisterschaft seines Handwerks und macht «Dunkirk» zu einem seiner besten Filme. Geschildert werden geheimnisvoll, realistisch und beinahe dialoglos und auf Kosten einer zusammenhängenden Handlung die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven, was den gesamten Film in die Reihe jener katapultiert, die zu den allerbesten zählen, die den Krieg nicht verherrlichen, sondern respektieren und jene ehren, die ihn zu ertragen hatten. «Dunkirk» wird dem Betrachter nicht für seine Geschichte in Erinnerung bleiben, dafür aber für seine erstaunliche Kombination von immersiver Action, überwältigender Bilder und dem erstaunlichen Soundtrack von Hans Zimmer.

«Dunkirk». UK/USA/Frankreich/Niederlande 2017. Regie: Christopher Nolan. Mit Fionn Whitehead, Damien Bonnard, Aneurin Barnard, Tom Glynn-Carney, Kenneth Branagh, Cillian Murphy, Mark Rylance, Tom Hardy u.a. Deutschschweizer Kinostart am 27. Juli 2017.

 

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