Von der kubanischen Segregation ins Weisse Haus – Lucy Walkers «Buena Vista Social Club: Adios»

Die Britin Lucy Walker überzeugt mit einem zwar etwas überlangen, aber doch sehr interessanten Dokumentarfilm über das Phänomen Buena Vista Social Club sowie historische und musikalische Hintergründe.

https://youtu.be/w-kiSGgfRhY

Der britische Produzent Nick Gold hatte eine grandiose Idee: er wollte Musiker aus Kuba und Westafrika zusammenbringen und dies auf CD dokumentieren. Doch leider kamen die Visa für die Afrikaner zur spät, und so wurde Buena Vista Social Club zu einem afrokubanischen Phänomen der tropisch-lateinamerikanischen Musik, neu mit Beteiligung von Ry Cooder, aber ohne direkte afrikanische Beteiligung. In «Buena Vista Social Club: Adios» zeichnet Lucy Walker diesen grossen Erfolg nach und erzählt daneben viel über die kubanische Geschichte, über die Segregation, die erst zum historischen Buena Vista Social Club geführt hat: einem Club ausschliesslich für Schwarze, denn Schwarz und Weiss waren damals in Kuba getrennt, genau oder zumindest ähnlich wie in den Südstaaten der USA. Omara Portuondo wollte Balletttänzerin werden; doch da ihr Vater Afrokubaner war, wurde ihr dies verwehrt. Jahre später darf Omara Portuondo mit Buena Vista Social Club vor Präsident Obama im Weissen Haus auftreten…

Lucy Walkers Film brilliert eigentlich nicht mit Konzertaufnahmen, sondern mit Hintergrundwissen zum Phänomen Buena Vista Social Club. (Bild: zVg)

Lucy Walkers Film fasziniert allein schon deshalb, weil der Stoff so interessant ist. Deshalb ist es vielleicht falsch, ihr anzukreiden, dass sie zu wenig weggelassen hat – sie wollte dem Publikum eben alles zeigen. Fans und andere Interessierte werden ihr dankbar sein. Während Wim Wenders in seinem früheren Dokumentarfilm (wie wohl in all seinen Dokumentarfilmen) dabei viel Wert auf seine persönliche Vision gelegt hat, steht hier ganz der Buena Vista Social Club, seine Geschichte, seine Musiker, aber auch die kubanische und amerikanische Geschichte im Zentrum. Interessanterweise verdanken Buena Vista Social Club ihren grossen Erfolg wohl gerade dem (erzwungenen) Fernbleiben der afrikanischen Musiker: ohne diese westafrikanische Beteiligung wurde das Projekt zugänglicher für das weltweite Publikum, und durch die Beteiligung von Ry Cooder wurde das Projekt ein explizit kubanisch-US-amerikanisches Projekt.

So schliesst sich mit dem Konzert im Weissen Haus ein Kreis. Buena Vista Social Club wurde ein völkerverbindendes Projekt, nicht aber zwischen Kuba und Mali, sondern eher zwischen Kuba und den USA. Lucy Walker kann ja als nächstes Projekt einen Film ganz über die afrokubanisch-westafrikanischen Wahlverwandtschaften drehen – und auch hier könnte Juan de Marcos González (wie in «Buena Vista Social Club: Adios») in das Thema einführen. Juan de Marcos González spricht nämlich neben spanisch, englisch und russisch auch etwas Lucumí (die sakrale Sprache der afrokubanischen synkretistischen Santería-Religion) und Abakuá, die Sprache der gleichnamigen afrokubanischen Bruderschaft.

«Buena Vista Social Club: Adios». Kuba/USA 2017. Regie: Lucy Walker. Dokumentarfilm, mit Juan de Marcos González, Omara Portuondo, Ibrahim Ferrer, Compay Segundo, Eliades Ochoa u.a. Deutschschweizer Kinostart am 19. Oktober 2017.

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