Echo versus Pulitzer – Vom Wert des Rap

In Deutschland wurden die zwei Rapper Farid Bang und Kollegah mit dem ECHO ausgezeichnet – einem rein kommerziellen Preis, der notabene nichts, aber auch gar nichts über den künstlerischen Wert der Musik aussagt. Bezeichnenderweise wurden auch die umstrittenen Tiroler Volksrocker Frei.Wild bereits prämiert. In den USA hingegen wird der Rapper Kendrick Lamar gefeiert. Als erster Rapper und als erster Künstler überhaupt, der weder in der Sparte Jazz noch in der Klassik aktiv ist, hat er den Pulitzerpreis als bester Musiker erhalten.

Aber beginnen wir diesmal zur Abwechslung mit einer Anekdote. Als der Schreibende dieser Zeilen die Kollegin oder den Kollegen – nennen wir ihn/sie Pascal/e – auf den prämierten Rapper Kendrick Lamar Duckworth hinweist, denkt der/die Angesprochene gleich, die Rede sei vom ECHO. Ist ja auch klar: Rapper sind brutal, jung und gutaussehend wie Farid Bang und Kollegah. Durchtrainierte Typen, die fette Konkurrenten dissen, misogyne Vibes verbreiten, Typen mit Migrationshintergrund, die auch gerne Holocaust-Opfer verhöhnen, nach Palästina reisen und Videos über Chemtrails verbreiten.

Mit anderen Worten: der fleischgewordene Albtraum der vermeintlich Alteingesessenen (Blochers Urgrossvater war ja auch Migrant), der vermeintlich Autochthonen, der Weissen, die lieber Bryan Adams und Beatrice Egli hören und denen es schon nur beim Gedanken an Funk und Rap ganz anders wird. Aber Obacht: zwar hat Farid Bang tatsächlich nordafrikanische Wurzeln, sein bürgerlicher Name lautet Farid Hamed El Abdellaoui und geboren wurde er in Spanien. Ganz anders Kollegah: der Typ heisst eigentlich Felix Blume, sein Stiefvater hat zugegebenermassen ebenfalls nordafrikanische Wurzeln, sein leiblicher Vater stammt aus Kanada. Aber trotzdem: dieser Blume ist ein Konvertit, logo, dass er ein bisschen überkompensieren muss wie Nicolas Blancho. Technisch ist er sicher ein guter Rapper; Farid Bang hingegen gilt nicht als sonderlich talentierter MC. Vielleicht stammt auch deshalb die beanstandete Zeile [1] gerade von ihm? Und: weshalb agitieren der muslimische Konvertit Kollegah und und der Nordafrikaner Farid ausgerechnet gegen syrische Flüchtlinge?

Hip-Hop stammt aus der Bronx, New York. Und auch heute noch, mehr als zwanzig Jahre später, stammen viele der besten Rapper und Hip-Hop-Produzenten aus den USA. Einer von ihnen ist sicherlich der überraschende Kendrick Lamar, bürgerlich Kendrick Lamar Duckworth. Er ist wohl einer der wenigen Rapper, der unter seinem bürgerlichen Namen bekannt ist (bzw. unter seinen bürgerlichen Vornamen: Kendrick Lamar eben). Er rappt mit einer hohen Stimme, seine Texte sind intelligent und kritisch, er reflektiert die afroamerikanische Erfahrung mit einer Sprache, die nahe bei der Strasse ist, aber dies nicht mit unreflektierten Unflätigkeiten verwechselt. Nun wurde Kendrick Lamar mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet – als erster Rapper und als erster Musiker, der weder Jazzer noch E-Musiker ist. Er hat es sicherlich verdient, denn er ist einer der besten. (NB: Erst 1997 wurde zum ersten Mal ein Jazzer ausgezeichnet!)

Nun war das Signifying, das Beleidigen, das Dissen, der Wettkampf schon immer ein Teil des Hip-Hop. Dies wurde bereits an anderer Stelle verhandelt. Die Frage ist aber nun wirklich, wie legitim diese Praxis ausserhalb des afroamerikanischen Kontexts noch ist. Die Antwort muss weder ja noch nein sein. Die Misogynie, der Sexismus, der Rassismus von Farid Bang und Kollegah darf/muss man (frau) aber trotzdem kritisieren. Wie natürlich das Signifying auch unter Afroamerikaner*innen umstritten ist. Bezeichnend scheint nun aber, dass in den USA fast gleichzeitig der Afroamerikaner Kendrick Lamar ausgezeichnet wird, während im deutschen Sprachraum der ECHO an Kollegah und Farid Bang verurteilt wird – ohne jegliche Kenntnis der Wurzeln der Musik. Der ECHO zeigt dabei vor allem, dass konservative, ja reaktionäre Musik in Deutschland besser ankommt als linke Musik – sonst würden ja die Antilopen Gang oder die Microphone Mafia gross absahnen. Das ist aber natürlich nicht der Fall.

Und zugegeben: Kollegah und Farid Bang sind letztlich wohl doch näher bei den Wurzeln des Rap – auch wenn Hanspeter Künzlers Behauptung auf SRF Kultur («Historisch gesehen waren diese Gang-Lyrics immer Teil des Rap», [2]) doch etwas gewagt erscheint. Und der Rassismus und Sexismus bei den zwei Chartstürmern hat wohl doch eine neue Qualität, die sich nicht (oder nicht allein) auf das Signifying und die Dirty Dozens zurückführen lässt. Zudem: Sozialkritik im Rap ist nämlich schon seit «How We Gonna Make the Black Nation Rise» (1980, Brother D) und «The Message» (1982, Grandmaster Flash & the Furious Five) ein Teil der Kultur. Im Kontext von Farid Bang, Kollegah und UK Drill Music drohen wir dies zu vergessen. Kendrick Lamar kann uns nicht zuletzt auch daran erinnern – an eine afroamerikanische Tradition, die sich nicht allein im Gangsta Rap (der ja historisch erst Mitte der 80er in Erscheinung getreten ist) und Battle Rhymes erschöpft.

Weiterführende Links:

[1] https://genius.com/Kollegah-and-farid-bang-0815-lyrics

[2] https://www.srf.ch/kultur/musik/uk-drill-music-gibt-in-london-aggressive-musik-den-takt-an.

http://www.deutschlandfunk.de/pulitzer-preis-fuer-kendrick-lamar-geschichten-die-man-im.807.de.html?dram:article_id=415824

Lesenswertes Interview mit Falk Schacht.

https://noisey.vice.com/de/article/ne9k5q/battle-rap-antisemitismus-und-afd-staiger-zum-echo-drama-um-kollegah-and-farid-bang

Auch in der WoZ veröffentlichter, sehr guter Artikel von Marcus Staiger.