Der Wert der Geschichte

Von Mirco Melone

Anfang Februar hat Silvia Flubacher mit ihrem Essay «Geschichte – populär und unterbewertet?» an dieser Stelle ein Thema angeschnitten, das mich selbst in hohem Masse beschäftigt. Ihre klare Diagnose lautet, dass das Interesse an der Geschichte generell hoch ist, dabei aber die Finanzierungslage für Forschungsprojekte eher bescheiden ausfalle. Dem in der Öffentlichkeit vorherrschenden, eher unterkomplexen Bild von Geschichtsforschung müssten auch die schwerer verdaulichen Theorie- und Methodendebatten gegenübergestellt werden. Das würde die Geschichte als Wissenschaft attraktiv machen und die Finanzierungssituation verbessern, so Silvia Flubachers These. Meinen Beitrag möchte ich nicht als Replik darauf, sondern als ein Aufgreifen des Themas verstanden wissen.

"Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012" schätzt sich glücklich, Ihnen an diesem Texttag ein Gedicht von Leoluca präsentieren zu dürfen. (Foto: www.lucianhunziker.com)

Es braucht eine Vermittlungsleistung, die geisteswissenschaftliche Forschung in ihrer aktuellen Relevanz und komplementär zur blossen Aufbewahrung in Archiven und Museen präsentiert und aktualisiert: denn über Geschichte kann und wird nie «alles» gesagt sein. Stattdessen wird meist finanziert, was im kulturellen Betrieb über Ausstellungen, Publikationen und ähnliches genutzt werden kann. Ein Teil dieses Problems ist hausgemacht: Nicht selten ist die mangelnde Nachvollziehbarkeit geschichtswissenschaftlicher Forschung wegen komplizierter, umständlicher Wissenschaftssprache ein Hauptgrund dafür, dass ein grösseres öffentliches Interesse ausbleibt. (Foto: www.lucianhunziker.com)

Kontroversen um die finanziellen Grundlagen für Forschung, den Wert und Nutzen der historischen Methode sowie die disziplinäre Professionalisierung zeigen, dass die Thematik brennender denn je ist: Prominentestes Beispiel sind wohl noch immer die scharfsinnigen Kommentare von zwei renommierten Zürcher HistorikerInnen in der Zeitschrift Traverse. Die Forschungsförderung für geschichtswissenschaftliche Projekte ist in relativen Zahlen gemessen rückläufig. Dem gegenüber stehen aber Tagungen und Workshops zum Thema Public History sowie Nachdiplomkurse für das Berufsfeld Geschichte. Warum erhält die Geschichtsforschung also nicht mehr Fördergelder zugesprochen und wird entgegen der hohen Aufmerksamkeit nur ungern finanziert?

Eine mögliche Antwort ist, dass Geschichte als Wissenschaft komplexer präsentiert werden müsste. Sie würde so wieder mehr Reiz ausstrahlen, denn vereinfachende und vermeintlich unterkomplexe historische Erklärungen und Erzählungen hinterlassen einen doppelt schalen Nachgeschmack. Einerseits entsteht der generelle Eindruck, dass Geschichte «einfach» sei und dementsprechend keine substanziellen Forschungsleistungen nötig seien. Andererseits vermitteln vereinfachte Darstellungen – insbesondere auch bei zeitlich weiter zurückliegenden Themen, wie zum Beispiel Mittelalter oder der Frühe Neuzeit, die nicht mehr ohne weiteres direkt mit aktuellen Phänomenen unserer Zeit gekoppelt werden können – den Anschein, dass dazu alles schon gesagt sei. Diese Antwort trifft im Kern sicher ein Wahrnehmungsproblem der Geschichtswissenschaft in ihrer Selbstdarstellung und bei der Betrachtung von aussen. Die Frage nach der Diskrepanz zwischen öffentlicher Aufmerksamkeit und gesprochenen Fördergeldern, sofern es tatsächlich eine gibt, muss an eine generelle Frage geknüpft werden, nämlich: Welche Forschungszweige werden denn gemeinhin mit hohen Förderbeträgen unterstützt?

Forschungsergebnisse als ökonomisches und gesellschaftspolitisches Kapital

Wie die Förderstrukturen en détail aussehen, lässt sich nur vermuten. Eine tiefgreifende Datenbankrecherche und -auswertung, wie sie dem besagten Traverse-Artikel zugrunde liegt, wäre hierzu erforderlich. Beim Überblicken der Schweizer Forschungslandschaft und ihrer Finanzierungslage fällt jedoch auf: Medienwirksam werden oft und auch grosszügig Forschungsleistungen und -einrichtungen alimentiert, die kapitalistisch verwertbare Ergebnisse produzieren. Diese anwendungsorientierte Forschung, wie sie beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) genannt wird, muss nicht zwingend nachvollziehbar sein oder vom Laien verstanden werden. Durch ihre Anbindung an mächtige Industrien wird sie spätestens im Zuge ihrer Kapitalisierung greif- und vermittelbar. Zu nennen wären beispielsweise Physik, Biologie, Chemie, Umweltwissenschaften, Ingenieurswissenschaften und ähnliches, aber auch Wirtschaftswissenschaften. Hier geht es um Forschungen zu industriell nutzbaren Materialien, Chemikalien, Geräten; um Grundlagenforschung zu Elektrotechnik und Biosphärenprozessen; um Finanzmarktentwicklung und Kapitalanlagestrategien. Nicht selten stehen diesen Departementen und Fakultäten hochpotente Geldgeber zur Seite, die zusätzlich zur öffentlichen Hand üppig mitfinanzieren. Die EU hat ihre Forschungsmilliarde (!) an das Human-Brain-Project der ETH Lausanne vergeben. Der Pharmagigant Novartis hat 2006 unter anderem eine Professur für Molekulare und Systemische Toxikologie gesponsert, um den Forschungsschwerpunkt Pharmawissenschaften in Basel zu stärken. Die einst mit Staatsgeldern gerettete Grossbank UBS hat erst kürzlich hundert Millionen Franken für die wirtschaftswissenschaftliche Forschung an der Universität Zürich zur Verfügung gestellt. Die Beispiele liessen sich problemlos erweitern.

Neben diesen kapitalistisch «verwertbaren» Forschungsergebnissen haben auch diejenigen Studien und Forschungsprojekte gute Chancen auf grosszügige Finanzierungsbeiträge, die Themen mit einer aktuellen gesellschaftspolitischen und sozialen Relevanz aufgreifen. Zusätzlich zu den auch im Traverse-Beitrag aufgezählten Disziplinen wie Soziologie oder Medienwissenschaft, die noch zum Kreis der philosophisch-historischen Wissenschaften gezählt werden können, wäre beispielsweise die Psychologie zu nennen. Die Finanzierung einiger Forschungsleistungen spiegeln das Interesse und Bedürfnis wider, aktuelle Phänomene in unserer sozialen und ökologischen Umwelt zu erfassen und zu begreifen – so etwa Themen wie Migrationsbewegungen, gesellschaftliche Integrations- und Ausschlussmechanismen, Medienmissbrauch und -kompetenzen oder psychisch-soziale Krankheitsbilder, die innerhalb unserer Gemeinschaft rezent auftreten.

Von der gesellschaftspolitischen Bedeutung der Geschichtswissenschaft

Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesem Exkurs zu den disziplinären Finanzierungslagen universitärer Forschung für die Geschichtswissenschaft? Welche Schlüsse lassen sich daraus zu Wert und Nutzen der Geschichte ziehen? Das ökonomische Potenzial von Geschichtsforschung ist im Vergleich zu anderen Wissenschaften wohl eher marginal. Die Gewinne, die sich aus Buchverkäufen und Museumsausstellungen erwirtschaften lassen, decken in der Regel im allerbesten Fall die zuvor investierten Beträge. Die Relevanz und Bedeutung der Geschichte ist eine gesellschaftliche. Sie kann historisches Bewusstsein stiften.

Historisches Bewusstsein ist das Vermögen, das eigene Werden und Sein zu erfassen und zu begreifen. Das gilt sowohl für Individuen als auch für Gesellschaften oder soziale Gruppen. Doch wie entsteht historisches Bewusstsein? Aus aktuellen und geschichtlichen Kenntnissen resultiert historisches Wissen, das immer radikal zeitgebunden ist. Das Zusammengehen dieses Wissens mit eigenen oder kollektiven Erfahrungen von Veränderungs- oder eben Stagnationsprozessen schafft ein Bewusstsein. Es ist dieses historische Bewusstsein, das gesellschaftliche Relevanz besitzt, weil es ein differenziertes Verständnis für und die Situierung im täglich sich vollziehenden Weltgeschehen fördert. Es drängt sich dahingehend die Frage auf, wie dieses Bewusstsein innerhalb unserer Gesellschaft abgestützt und verankert ist. Dass es ein solches gibt, kann nicht ernsthaft bezweifelt werden. Warum sonst gibt es eine übergreifende gesellschaftliche Bereitschaft dafür, historische Archivbestände, Nachlässe und Sammlungen substanziell und finanziell zu sichern und zu bewahren? Daraus erwächst dann die Existenzberechtigung für Archive und Museen als Aufbewahrer von Geschichte.

Mehr als «nur» Sicherung und Aufbewahrung von Quellen

Doch wie steht es um die geschichtswissenschaftliche Forschung zu dieser Form von historischem Bewusstsein, das in Institutionen verwahrt wird? Die Berufsanforderungen an Archivare und im Museum tätige Personen haben sich in den letzten Jahren stark verschoben. Früher waren es noch die Absolventinnen und Absolventen, die nach dem Geschichtsstudium direkt oder anschliessend an ein Praktikum die jeweiligen Stellen besetzten. Heute ist dies zwar nicht unmöglich geworden, vermehrt werden aber neue Abschlüsse und Zusatzpapiere für Archivwissenschaften, Records Management oder Sammlungspflege verlangt. Das Berufsfeld der Bewahrung und Sicherung von Geschichte hat sich auch im Zuge der Etablierung der Informations- und Dokumentationswissenschaft enorm verändert. Gefragt sind beispielsweise CAS- und MAS-Diplome für Applied History (Certificate bzw. Master of Advanced Studies), die von der Universität Zürich angeboten werden. Aber auch Zeugnisse von Weiterbildungsprogrammen in Archiv-, Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die von der Universität Bern und der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur angeboten werden, stehen zurzeit hoch im Kurs.

Selbst für ehemals genuine Historiker-Berufe werden heute also nicht mehr direkt die an der Universität ausgebildeten Akademiker gesucht. Das stellt die Bedeutung und den Nutzen der universitären Lehre – und damit indirekt auch der dort betriebenen Forschung – für die Bewahrungsinstitutionen in Frage. Geht der Erwerb akademischer Geschichtsbildung und die dadurch verbundene Forschung an der Praxis vorbei? Wenn die Relevanz und der Wert von Geschichte in der Ausbildung von historischem Bewusstsein liegt und die Gesellschaft durchaus über ein solches Bewusstsein verfügt, das sie in ihrer Bejahung der Finanzierung von Archiven und Museen artikuliert, wo hat dann die Geschichtsforschung noch ihren Platz?

Sein eigenes, stetig wandelndes Werden und Sein zu erfassen kann jedoch weder auf statischen historischen Kenntnissen beruhen, noch sich in der blossen Sicherung und Aufbewahrung historischer Quellen und Materialkulturen erschöpfen. Hier kommt die geschichtswissenschaftliche Forschung wieder ins Spiel; sie muss komplementär zu eben dieser Aufbewahrung existieren. Historisches Bewusstsein bedarf der Forschung. Und da ein Bedarf besteht, müssen sowohl Forscher als auch Universitäten ein breites interessiertes Publikum ansprechen. Aufbewahrung ist aber noch keine Analyse und dann davon abgeleitet neue Kenntnis. Fakt ist, dass weder Archivarinnen und Archivare noch Kuratorinnen und Kuratoren – zumal sowieso zunehmend auf Konservierung, Datenmanagement und Langzeitarchivierung spezialisiertes Personal zum Einsatz kommt – die Grundlage historischen Forschens quasi aus dem Aufbewahrten heraus liefern können.

Wenn die Bedeutung der Forschung vergessen wird

Es braucht also gesamtgesellschaftlich mehr Bewusstsein für die Notwendigkeit von Forschung, denn mit dem Sammeln und Aufbewahren alleine entsteht noch kein historisches Bewusstsein. Wenn der Schweizerische Nationalfonds nicht dazu gezählt wird, gehorcht die Finanzierung von Projekten, in denen es im weiteren Sinne um historische Aufarbeitung geht, meist den Logiken von aufbewahrenden Institutionen. Hier spiegelt sich der oben skizzierte Mangel an Bewusstsein für den Bedarf an geschichtswissenschaftlicher Forschung. Finanziert wird, was potenziell im kulturellen Betrieb über Ausstellungen, Publikationen und ähnliches genutzt werden kann. Die Logik des Kulturbetriebs widerspricht komplexen Forschungsvorhaben, vielleicht auch, weil seine Aufgaben anders gelagert sind.

So hat beispielsweise das Museum Baselland in Zusammenarbeit mit dem Verein Textilpiazza ein vom kantonalen Lotteriefonds mit 650’000 Franken mitfinanziertes Grossprojekt zum Erhalt von Sammlung und Firmenarchiv des Textilunternehmens Hanro initiiert. Ganz der musealen Logik entsprechend und klar an Vermittlungsintentionen angelehnt, liegt das Hauptaugenmerk des Projekts auf den rund 22’000 textilen Musterobjekten. Hier liegt ein Ausstellungspotential; damit lässt sich Geschichte im Modus der Sammlung und Aufbewahrung zeigen und vermitteln. Dass diese Form historischen Bewusstseins unvollständig und kaum reflexiv ist, wird bei einem Blick auf das ebenfalls zum Sammlungskonvolut gehörende Firmenarchiv deutlich. Nur gerade etwa drei Prozent des Lotteriefonds-Geldes wurden bisher für dessen Sicherung, Erschliessung und Archivierung eingeplant und verwendet. Es umfasst aber Akten zur Unternehmensgeschichte seit 1884 sowie unzählige Fotos und Werbemittel. Der Nutzen des gesamthaft 500 Laufmeter (!) umfassenden Archivs wird aber eher als marginal eingestuft. Eine Kontextualisierungsleistung der Textilobjekte anhand des Firmenarchivs und damit geschichtswissenschaftliche Forschung ist bis auf Weiteres nicht geplant.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Dimensionen der Forschung und ihre Bedeutung für individuelles und gesellschaftlich historisches Bewusstsein unterschätzt, wenn nicht gar ignoriert oder vergessen werden. Es braucht aber beide Pole, die Aufbewahrung und die Aktualisierungsleistung der Forschung, um Geschichte in ihrem Wert – als historisches Bewusstsein – gesellschaftlich relevant zu halten. Auch Firmengeschichte kann, um nur ein Beispiel zu nennen, innovativ sein; sie muss nicht im Gewand der traditionellen Unternehmenserzählung präsentiert werden, denn auch in diesem Teilsegment der Geschichtswissenschaft haben sich längst neue Perspektiven auf bekannte Gegenstände durchgesetzt. Silvia Flubacher schrieb von den «unverdauten» Methoden- und Theoriedebatten aktueller Geschichtsforschung. Genau diese müssen die alten, bereits ausgetretenen Pfade der Geschichte zwingend bereichern. Denn hier liegt der Wert der Forschung: Sie schafft neue Erkenntnisse und eröffnet damit neue Blickwinkel auf (manchmal) bekannte Sachverhalte und Themen.

Falsch verstandene Komplexität

Hier setzt nun aber ein entscheidender Eigenfehler der Forschung ein. Es ist schon richtig und auch wichtig, dass Wissenschaft komplex ist und sein darf. Oder frei nach einem vor kurzem in einem Interview geäusserten Satz eines bekannten Zürcher Wissenshistorikers: Fünfhundert Seiten Komplexität müssen möglich sein – gerade, wenn sie das Resultat jahrzehntelanger Forschung sind und entscheidende neue Impulse für eine Disziplin einbringen. Dem stimme ich zu, möchte aber ergänzend festhalten, dass Komplexität im überwiegenden Masse als intellektuell missverstanden wird. Es scheint ein Habitus des kontinentaleuropäischen Wissenschaftssystems zu sein (das sich eben im Vergleich zum anglophonen Wissenschaftsbetrieb nicht so sehr den Vermittlungslogiken des Marktes angleichen muss), zum Überkomplexen zu tendieren. Die Vermittlung und damit der Transfer von Forschungsleistungen aus dem Kreis der forschenden, lehrenden und lernenden Akademiker scheitert nicht selten am eigenen Unvermögen, die geleistete Arbeit für Aussenstehende verständlich zu machen. Richtige und wichtige Erkenntnisse zirkulieren darum nur im Wissenschaftssystem selbst. Nicht selten ist mangelnde Nachvollziehbarkeit wegen komplizierter, umständlicher Wissenschaftssprache ein Hauptgrund für eine vergraulte Leserschaft – die eigentlich guten Forschungsleistungen bleiben unzugänglich.

Die gesellschaftliche Relevanz der Geschichtsforschung

Der Wert der Geschichte und von Geschichtsforschung im Spezifischen liegt meiner Meinung nach in den Möglichkeiten, historisches Bewusstsein zu schaffen und zu schärfen. Neue Kenntnisse können neue Perspektiven auf einen Gegenstand eröffnen. Es ist die bereits erwähnte Aktualisierungsleistung aus dem Aufbewahrten, die neue historische Erkenntnisse und somit auch Wissen und Bewusstsein für aktuelle gesellschaftliche Ereignisse und Themen bringt. Dass der Geschichte vergleichbare Disziplinen wie die Soziologie und die Medienwissenschaft hierfür vermeintlich mehr Fördergelder abbekommen, könnte sicherlich auch darin begründet liegen, dass sie eben mit neuen – oft auch komplexen – Methoden und Theorien Erklärungsansätze und Erkenntnisse versprechen. Darüber hinaus widmen sich deren Forschungsanstrengungen aber meist zeitnah interessierenden Themenfeldern. Hier verheissen Investitionen den Gewinn von relevanten Ergebnissen für unsere gesellschaftliche Realität. Denn letztlich wird Forschung gerade auch beim SNF zu grossen Teilen aus öffentlichen Steuergeldern finanziert. Grob und salopp vereinfachend lässt sich pointiert sagen, dass die Steuerzahler zwar neue Erkenntnisse mitsamt den neuen Theorien und Methoden wollen. Sie wollen aber auch Forschungsresultate zu Themen, die sie betreffen und berühren, sie etwas angehen. Es braucht also ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Wichtigkeit historischer Kenntnisse; es braucht eine Vermittlungsleistung, die geschichtswissenschaftliche Forschung in ihrer aktuellen Relevanz und komplementär zur blossen Aufbewahrung in Archiven und Museen präsentiert.

Hier muss sich die Geschichtsforschung teilweise auch selbst hinterfragen, wenn es ihr nicht gelingt, ihre Arbeiten mit dem Puls der Aktualität zu koppeln und entsprechende Verbindungen aufzuzeigen. Jede Generation hat neue Fragen an bestehende, zum Teil schon gut erforschte Quellenbestände und fokussiert auf neue Phänomene; sie revidiert und modifiziert bereits existierende Deutungsmuster, historisiert sie oder fordert sie heraus. Sie verlangt neue Perspektiven, die natürlich nur mit entsprechender Forschung auch ausgearbeitet werden können. Aktuelle Themen, wie beispielsweise die Finanzkrise, der Medienwandel, Globalisierung und Computerisierung, weisen historische Momente des Werdens auf. Es ist meines Erachtens eine Aufgabe der Geschichtswissenschaft, historische Bezüge zur Aktualität herzustellen und mit ihrer Forschungsleistung Antworten und Deutungsmuster für das jeweils gegenwärtige gesellschaftliche Sein sowie seinen Wandel bereitzuhalten. Dass diese Forschungsleistung für Nicht-Historiker zugänglich sein muss, erscheint logisch.

Um dieses gesellschaftsrelevante Leistungspotenzial der Geschichtsforschung abzurufen, muss eben gerade die Komplexität von Methodendebatten und Theorieansätzen so heruntergebrochen werden, dass sie verstanden wird; das ist ihr Wert. Das bedeutet nicht, dass dadurch zwangsweise reduktionistische Vereinfachungen und Generalisierungen Einzug halten. Vielmehr fördern ein einfacher Sprachgebrauch und aufs Wesentliche beschränkte Darstellungen neue Erkenntnisinteressen und sensibilisiertes Bewusstsein bei historisch interessierten Laien. Hier helfen auch Inputs, Ansätze und Weiterbildungen aus dem eher unbeliebten Feld der (Geschichts-)Didaktik – was im Übrigen nicht nur für Nachwuchswissenschaftler, sondern auch für nicht wenige Professoren Gültigkeit besitzt.

Ob die Resultate der Geschichtsforschung die Anbindung an ein Laienpublikum brauchen, ist eine offene Frage. Die finanzielle Förderung für geschichtswissenschaftliche Forschungsprojekte ist aber strukturell verbunden mit deren gesellschaftspolitischer Relevanz – die auch und zu guten Teilen immer schon ein Resultat von gelungener Vermittlungs- und Transferleistung ist. Dafür sind gut ausgebildete Archivare und Sammlungsleiter nötig, aber eben auch Forscher, die ihre Ergebnisse entsprechend vermitteln können. Dass aber Geschichte als eine rein wissenschaftliche Disziplin Forschungsgelder generieren kann, ist zu bezweifeln – wie wären auch nur schon die Gelder zu legitimieren?

Mirco Melone ist Stipendiat des NFS Bildkritik eikones und Doktorand am Historischen Seminar der Universität Zürich. Er ist seit 2009 für verschiedene Schweizer Archive und Museen in Erschliessungs- und Archivierungsprojekten tätig.

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