gesichtet #99: Skurrile Begegnungen an der Fasnacht

Von Michel Schultheiss

Eigentlich müsste er in der bunten Schar untergehen. Inmitten von Trommelwirbeln, Piccoloklängen, Rätschen und Guggen sticht ein einziges Akkordeon nicht gerade hervor. In sich versunken hält er jedoch eisern an seinen Melodien. Plötzlich aber eine seltsam kostümierte Dame mit einer Halblarve auf den Strassenmusiker aufmerksam. Sie hält staunend bei der Barfi-Traminsel inne. Plötzlich steppt im wahrsten Sinne des Wortes der Bär: Ein zufällig vorbeikommender Mutz tänzelt zusammen mit der anderen Kostümierten vor dem Tramhäuschen herum. Die Fasnacht tanzt zum Akkordeon– wenn auch nur für ein paar Minuten. Der Bär und die Närrin sorgen zusammen mit dem Musiker für eine kurze Performance.

Fasnacht 2

Ein Treffen schriller Figuren: Wie der Akkordeonist von der Traminsel zu seinem kleinen Auftritt kommt (Foto: smi).

Das Bild entstand vor drei Jahren und ist lediglich ein Schnappschuss mit der Handykamera. Es will gar nicht den charakteristischen stimmungsvollen Bildern der «drey scheenschte Dääg» entsprechen. Die Szene beim Barfi-Kiosk ist aber untypisch und typisch für die Basler Fasnacht zugleich: Ersteres lässt sich gut sagen, da weder Instrumente und Kostüme auf dem Bild den einzigartigen Gepflogenheiten entsprechen: Das Handörgeli ist schliesslich höchstens bei den Schnitzelbänken vertreten – und wo sind die Larven? Auch wird (was manche Auswärtige beklagen) an der Basler Fasnacht nicht sonderlich viel getanzt – von den Après-Ski-Partys im Fahrwasser des traditionellen «Gässle» und vielleicht noch manchen Guggenauftritten mal abgesehen.

Fasnacht 1

Bei der Haltestelle steppt der Bär (Foto: smi).

Auch wenn sich Fasnachtspuristen vielleicht über dieses Bild aufregen werden: Auf eine andere Art ist es dann doch wieder typisch für den Brauch, da hier Begegnungen zusammenkommen, wie sie oft nur an der Fasnacht möglich sind: Dem Akkordeonisten vom Barfi (nicht zu Verwechseln mit der inzwischen legendären Zweitonmusikerin vor dem Coop Pronto), der normalerweise kaum beachtet wird, fällt für einen Augenblick eine ganz andere Rolle zu. Im Auge des Zyklons der Fasnacht kommt er plötzlich zu einem kleinen Auftritt und wird zumindest für einen Moment in das närrische Geschehen eingebunden – dank anderen skurrilen Gestalten, die hier plötzlich auftauchen. Vielleicht sind es solche spontanen, unverkrampften und ungeplanten Situationen, die immer wieder zu beobachten sind und unter anderem den Reiz der Fasnacht ausmachen. Womöglich hat der Künstler Niklaus Stoecklin auch daran gedacht, als er die berühmte Szene vor der Hasenburg malte: Seltsame, aber doch irgendwie sympathische Szenen prägen während den drei Tagen (und vielleicht auch sonst mal?) das Strassenbild.

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