Wahlverwandtschaften: Was Disco, Hip-Hop und der SVP-Clip miteinander zu tun haben

«Love hearin‘ funk because disco sucks», so rappte King Tee anno 88. Doch 1979, als mit «Rapper’s Delight» der erste Rap-Hit weltweit Wellen machte, waren Disco und Rap nicht Gegensätze. Gary Byrd, damaliger USA-Korrespondent des britischen Magazins Black Music & Jazz Review, nannte den sich im Entstehen befindenden neuen Sound gar Dub/Disco oder Dub/Funk.

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Kürzlich haben wir uns gefragt, was das Bronx-88-T-Shirt im SVP-Video verloren hatte. Und vielleicht ist des Rätsels Lösung ja einfacher als alles, was uns manche KollegInnen glauben machen wollen: Bronx 88 soll einfach heissen, dass die SVP auch eine moderne, urbane Partei ist, in der die Leute auch mal gerne zu House-Beats tanzen und als MC (Rapper) fungieren. Das mag aus heutiger Sicht verblüffen, denn Disco/House und Hip-Hop werden heute gerne als eher gegensätzliche Tendenzen in der populären Musik empfunden – siehe King Tees obige Zeilen («love hearin‘ funk because disco sucks»).

Historisch gesehen sind aber Disco und Hip-Hop Geschwister: der erste Rap-Hit («Rapper’s Delight» von der Sugarhill Gang) war eine Version von Chics Disco-Hit «Good Times», und auch wenn sich die Stile stark voneinander ausdifferenzierten (spätestens mit «Sucker MCs» von Run-DMC): es gab eben doch immer starke Wahlverwandtschaften.  Ende der achtziger Jahre waren sie gar wieder vereint in der Form von Hip House und verwandten Stilen – doch es gab auch starke Tendenzen in die andere Richtung. Zwar hatte ca. 1989 (fast) jeder Rapper auch einen Hip-House-Track im Portfolio, doch diese waren meist nur Beigemüse und viele Hardcore-Rapper und Crews wie KRS-One oder Public Enemy hatten mit Hip House rein gar nichts am Hut. Und wenn die Original Sugar Hill Gang bei Bob Sinclar rappenderweise anno 2009 wieder mit von der Partie war (quasi also in der Disco), dann zeigte das nur, wie sehr die Sugarhill Gang grad aufgrund ihrer Nähe zu Disco nach «Rapper’s Delight» nie wieder einen so grossen Hit in die Charts brachte.

Der Name Disco stammt aus dem französischen, als Abkürzung von discothèque. GIs brachten Platten nach Frankreich (oder entstanden die ersten Diskotheken tatsächlich bereits während der NS-Besatzung, da Jazz verboten war?), bald schon wurde das Auflegen von Platten ohne Live-Musik Mode, zuerst in Paris, dann auch in den USA. Langsam entwickelte sich dann auch eine Musik, die man Disco nannte – allerdings nicht vor allem bei den Rich & Famous, sondern eher im Underground-Milieu der Schwarzen, Latinos und Schwulen. Auch Disco ist natürlich also – wie fast die gesamte populäre Musik – afroamerikanisch geprägt, gerade dies (bzw. die entsprechende Wahrnehmung durch das weisse Rockpublikum) hat aber dann auch wieder zu ihrem Niedergang geführt.

Zu Disco wurde nicht nur in der Oberschicht und bei (anderen) Minderheiten getanzt, sondern natürlich auch fast überall sonst. Disco war Pop, war Mainstream, aber der Mainstream wandte sich bald schon wieder ab von Disco. Disco war einerseits zu weiss, zu Upper Class, andererseits aber auch zu schwarz, zu nahe bei Soul und Funk. Das war das Todesurteil. In House, aber auch Hip-Hop und anderen Stilen lebte Disco aber weiter – auch wenn niemand diese Stile mehr Disco nennt. Aufschlussreich ist dabei neben Sinclars Track mit der Sugarhill Gang das humorige Stück «Trippin‘ at the Disco» von People Under the Stairs: heute kann selbst ein Underground-Rap-Duo wie PUTS Disco schätzen – das wäre früher undenkbar gewesen.

Es wäre aber heute wohl unmöglich für Hip-Hop-Gruppen, sich wie in den Kindertagen der Musik Disco Three oder Disco Four zu nennen. Vielleicht der letzte Rapper, der das Disco aus seinem Namen nicht streichen wollte, war Disco Rick aus Miami, der aber trotz Vertrag mit Luke Records (2 Live Crew) keine grösseren Erfolge verbuchen konnte: Miami Bass ist denn auch in einem gewissen Sinne die Disco-Musik der Hip-Hop-Szene, das von vielen Fans verachtete Stiefkind des Hip-Hop.

Hier zeigt sich quasi der Rassismus, der viele Szenen auszeichnet: Manche Hip-Hopper verachten Disco und Miami Bass, genauso, wie manche Rock-Fans oft schon alle afroamerikanischen Stile verachten – wohl im Unwissen, dass auch der Rock & Roll schwarze Wurzeln hat. The joke’s on you jack…

Nun  kann man der SVP einiges vorwerfen (ausser man ist immer einer Meinung mit dieser Partei). Aber gerade Rassismus ist dem« Welcome to SVP»-Video nicht inhärent, gerade auch, weil hier zwischen Pop, Disco/House und Rap nicht getrennt wird. Gleichzeitig ist es klar, dass sich die SVP hier nicht beim Hip-Hop selbst bedienen konnte: Public Enemy, Ice-T, NWA oder auch A$AP Rocky sind dann doch meilenweit entfernt vom SVP-Kosmos. Und hier wird auch klar, weshalb sich der Hip-Hop von Disco emanzipieren musste: war den einen Disco zu schwarz, war es den anderen zu weiss. Und aus der Sicht vor allem auch der New School (Run DMC) musste man sich distanzieren von der vermeintlich allzu weichgespülten Disco- und Dance-Szene.

Ironischerweise war es dann aber doch wieder ein aus Disco (und frühen tanzbaren Hip-Hop/Electro-Sounds) hervorgegangener Stil, der sowohl als Freestyle als auch Latin Hip-Hop bekannt wurde… es zeigt sich wieder und immer wieder: die Menschen versuchen zwar, zu trennen, aber eigentlich gehört eben doch alles zusammen. Dabei handelt es sich um eine Erkenntnis, die in vielen Parteien zu wenig berücksichtigt wird… und noch ein Nachtrag: in den USA würde die Partei des Bush-Clans wohl nie Werbung mit DJ Antoine oder Skrillex machen – dies, weil eben nur Rock und Country weiss genug sind in der US-amerikanischen Imagination. In der Schweiz hingegen kann DJ Antoine ebenso weiss sein wie Gölä. Das heisst aber natürlich nicht, dass es in der Schweiz keinen Rassismus gibt. Im Gegenteil: gerade die Wahnvorstellung einer Schweiz frei von Rassismus und Klassen ist das wahre Problem. Dazu passt natürlich auch, dass im SVP-Video keine Secondas/os vorkommen. Es ist also sicherlich nicht das Bronx-88-T-Shirt, das beunruhigen muss…

Und nun nochmal zurück zu King Tee. Einer seiner grössten Erfolge – oder zumindest einer seiner bekanntesten Tracks – ist ausgerechnet eine Coverversion des Stones-Disco-Hits «Miss You». Auch hier ist es wieder die Nähe, die eigentlich übertüncht werden soll – ähnlich wie Schoolly D, der zwar einen Track namens «No More Rock N‘ Roll» droppte, aber doch Led Zeppelin sampelte…

Bibliographie

Byrd, Gary. 1980. «Newsline USA..: Rapping to the beat (the coming of dub disco)» In: Black Music and Jazz Review, Januar 1980, S. 12.

Hündgen, Gerald (Hg.) 1989. Chasin‘ a dream. Die Musik des schwarzen Amerika von Soul bis Hip Hop. Köln: Kiepenheuer und Witsch.

King Tee. http://ohhla.com/anonymous/king_tee/actafool/actafool.kgt.txt

Poschardt, Ulf. 1995. DJ-Culture. Hamburg: Rogner & Bernhard.

Toop, David. 1991. Rap attack 2. African rap to global hip hop. London: Serpent’s Tail.

 

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