Über den Charme der nackten Stadt: Ein Essay über das aktuelle Mexiko

Von Alexander Ganem

Wer heutzutage Mexiko-Stadt besucht, kann eine Welt voller Elend und Karneval zugleich sehen, welche sich längs der grauen und breiten Anatomie ausbreitet. Mit verzerrten Sinnen, abgestumpft durch den bebenden Rythmus des müden Riesen, bleiben die Bewohner dieser Stadt taub angesichts des Geschreis einer einschläfernden Realität. Womöglich treffen sie auf ihrem Gang auf eine Schar von Landsleuten, die ihre Klage erheben, indem sie nackt tanzen – so, wie sie Gott in die Welt gesetzt hat.

Foto: Distichous, www.distichous.com

Die nackten Tänzer in den Strassen des «Zementkadavers» als Sinnbild eines Landes, welches mit einem Platz am Katzentisch vorliebnehmen musste (Foto: Distichous, www.distichous.com).

Es handelt sich dabei um Männer und Frauen des Movimiento Nacional de los 400 pueblos, einer Organisation, die es seit den Siebzigerjahren gibt und die aus den schrecklichen Konflikten hervorging, welche damals die Welt der Kleinbauern geisselten, und die heute leider mit den Interessen der «Partei der institutionalisierten Revolution» (PRI) verbunden ist. Diese Organisation ist das lebendige Bild von Menschen, welche von einer durchgehenden Macht manipuliert werden, die ihren ganzen Apparat der politischen Aktion verwendet, um sich ewig zu halten, um sich dank der Situation des gesellschaftlichen Elends zu stärken, das bereits das sichtbarste Gesicht Mexikos ist.

Karnevaleske Begleitung zum Sprung in den Abgrund

Wie viele andere Kleinbauern-Organisationen, die von der Regierungsmacht dominiert werden, waren sie Opfer von Misswirtschaft, wo die Korruption und die Armut die Regeln des alltäglichen Lebens prägen und wo der Neoliberalismus den Rhythmus die Bestrebungen und Grenzen einer zerbrochenen Gesellschaft bestimmt. Sie stammen aus erodierten Gemeinschaften, tanzen und pfeifen unter der brütenden Sonne, während die Stadt immer mehr das Antlitz eines gewaltigen Zementkadavers und bröckelnden Gemäldes bekommt – eines Kadavers, der nichts weiter als einer Republik der Privilegierten entspricht, welche von Grund auf krank geboren wurde und die grosse Mehrheit ausschliesst.

Der «Charme» und die pittoreske Folklore dieser Stadt, zu welcher diese Personen gehören, sprich das, was denjenigen, der sie zum ersten Mal besucht, fasziniert, besteht just in der Art, wie sie zusammen mit ihren Bewohnern stirbt – in einem seltsamen Spiegeleffekt, in einer Dialektik der Müdigkeit, welche den alltäglichen Karneval begleitet, geschmückt mit Feuerwerk und unzähligen Körpern, welche sich darauf vorbereiten, in einen endlosen Abgrund zu springen.

In diesen Tagen, zwischen nackten Tänzern, Demos, Verschwundenen und korrupten Multimillionären, welche Politiker und erfolgreiche Unternehmer zugleich sind, und vielen vielen Armen (80 Prozent der Bevölkerung gemäss den Untersuchungen von Julio Boltvitnik), lüftet sich der Schleier eines Mexikos, welches vor 200 Jahren von etwas träumte, das es nicht war, das mit dem ehrgeizigen Wunsch geboren wurde, von Anfang an zur freiheitlichen Welt zu gehören – und dem ein Platz am Katzentisch zugewiesen wurde.

«Niemand, nie, nichts»: Das mexikanische Motto par excellence klingt zwischen den Schritten der nackten Tänzer, welche nicht aufhören mit ihrem frenetischen Pfeifen vor den entsetzten und belustigenden Blicken der Passanten – geradewegs auf dem Weg in die Nacht des Vergessens.

 

Alexander Ganem (Mexiko, *1983) ist Dozent im Bereich Sozial- und Geisteswissenschaften. Er publiziert Texte für die Zeitschriften «Este país» und «Metrópoli ficción».

 

Die Gruppe Movimiento Nacional de los 400 pueblos ist im Oktober aus ihrem Zeltlager in Mexiko-Stadt aufgebrochen und nach Veracruz gereist. Die Aktion der Beteiligten ist stets gleich: Sie begleiten die Anklage gegen einen korrupten Funktionär mit der «Performance» der nackten Körper zu Salsa- oder Cumbiarhythmen.

 

Übersetzung aus dem Spanischen: Michel Schultheiss

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