gesichtet #134: Die Drahtzugschanze – ein verborgenes Relikt der Kleinbasler Stadtbefestigung

Von Michel Schultheiss

Ein verschlossenes Tor und der Graffitizug eines Architekturbüros: Von aussen kann kaum jemand erahnen, dass sich in diesem Hinterhof etwas Spezielles verbirgt. Drinnen aber lässt sich zwischen den Bäumen und Kletterpflanzen ein altes Gemäuer erspähen. Dabei handelt es sich um die Aussenmauer der Drahtzugschanze von 1624 – ein Relikt aus den Zeiten, als in Europa der Dreissigjährige Krieg tobte.

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Ein Vermächtnis aus den Zeiten, als der Dreissigjährige Krieg auch den Basler Rat verunsicherte. Ob die Schanze aber im Ernstfall etwas getaugt hätte, wird jedoch von den Archäologen bezweifelt (Foto: smi).

Während im Grossbasel immerhin ein paar Zeugen der alten Stadtbefestigungen unübersehbar sind, sieht es auf der anderen Seite des Rheins eher mager aus: Riehentor, Rumpelturm und Bläsitor – all diese längst verschwundenen Bauten sind wohl einem manchen von Merian-Plänen (die in so manchem Basler Treppenhaus hängen) bestens bekannt. Wer sich aber im Kleinbasel auf die Suche nach den sichtbaren Überresten der Stadtbefestigung begibt, muss gut suchen

Es gibt sie aber noch, die letzten sichtbaren Bruchstücke davon – wie eben die Drahtzugschanze, die sich gut versteckt zwischen der Clarastrasse und dem Claramattweg befindet. Der Ort ist aber nicht öffentlich zugänglich. Bisweilen erhält das Architekturbüro Buser Besuch von Archäologen mit Führungen für Interessierte, doch eine spektakuläre Touristenattraktion wird die Schanze wohl nie werden: Die baulichen Überreste wurden längst in die Parzellenmauer und in das Fundament der Liegenschaften am Claramattweg einverleibt.

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Das letzte Stück Stadtbefestigung des Clara-Quartiers verbirgt sich in einem Innenhof (Foto: smi).

Interessant ist hingegen die Geschichte hinter der Drahtzugschanze. Angesichts der drohenden Gefahren des Dreissigjährigen Krieges prüfte auch die Stadt Basel, ihre Stadtbefestigung aus dem 13. Jahrhundert zu verstärken und liess dafür von Experten Pläne ausarbeiten. Laut Angaben der Denkmalpflege beschloss der Basler Rat, vier Bastionen bauen zu lassen. 1622 wurde mit der Errichtung dieser vieleckigen Ausbuchtungen des Festungsgürtels begonnen. Dabei wurde die Stadtmauer die Elisabethen-, Steinen- und Rheinschanze und zuletzt auch mit Drahtzugschanze verstärkt. Es gibt noch eine weitere solche «Schanze» – korrekterweise ein Ravelin – beim St. Alban-Tor, die heute als Erdhügel zu sehen ist, sowie eine Anlage bei St. Theodor.

Diese ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem (nicht mehr existierenden) Clarabollwerk von 1531. Jene Erdschanze gleich in der Nähe wurde nach der Reformation beim abgerissenen Chor der Clarakirche errichtet. Ein Grossbasler Pendant dazu ist das ebenfalls längst abgetragene Grundbollwerk beim heutigen Bernoullianum. Christian Adolf Müller schreibt im 134. Neujahrsblatt von 1956, dass das «Bollwerk zu St. Clara» und die Schanze beim Drahtzug die einzigen Bauwerke aus der jüngeren Epoche des Kriegsbauwesens waren. Ob diese beiden Anlagen im Ernstfall wirklich etwas getaugt haben, ist fraglich: Laut Müller wird überliefert, dass die Schanzen in einem schlechten Zustand waren. Er schreibt, dass auch die «hastig entworfene Bastion beim Drahtzug» für Bedenken sorgte.

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Das Aussengemäuer der Drahtzugschanze von 1624 steht noch, doch der «Krumme Teich», dessen Einlass die Anlage schützte, ist verschwunden (Foto: smi).

Ein Grund für diese Zweifel war vielleicht auch die ungewöhnliche Lage der Schanze – genau dort, wo ein Gewerbekanal einmündete. Sie schützte somit den Einlauf des Riehenteiches. Da Basel im Krieg verschont wurde, konnte das nie auf die Probe gestellt werden. Nach Ansicht des Archäologen Christoph Matt war das aber eher eine unpraktische Lage für eine Stadtverteidigung.

Für den Kanal gab es am Claragraben zwei Einlässe, wie Kaspar Richner im Jahresbericht der Archäologischen Bodenforschung von 1990 schreibt. Der eine – wie der Name schon sagt – auf der Höhe des Teichgässleins, der andere beim jetzigen Rappoltshof. Wie auf der Seite «Basler Bauten» zu lesen ist, war der 1262 angelegte Kanal als Brotmeisterteich oder Krummer Teich bekannt. Beim heutigen Messeplatzes zweigte er vom Hauptstrang ab und erreichte Teichdurchlass in der Stadtmauer, wo er mit dem älteren Kanal zusammenfloss. Beim späteren Drahtzug stand dort vermutlich die Mühle eines Brotmeisters. Der Flurnamen-Kenner Hansjörg Huck erwähnt die Gewerbebetriebe beim Riehenteich ebenfalls: An die Hammer- und Drahtzugmühlen erinnern noch heute die Strassennamen.

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Heute ist sind die Überreste der Schanz Bestandteil der Liegenschaften am Claramattweg (Foto: smi).

In der Stadtansicht von 1747 des Illustrators Emanuel Büchel ist die Schanze mit Einlass des Krummen Teiches zu sehen. Auch auf dem Stich von Matthäus Merian von 1642 lässt sie sich finden. Man vergleiche das nun mit dem Merian-Plan von 1615: Die Schanze gibt es noch nicht, dafür ist aber noch die Mühle sichtbar. Ob es die Drahtschmiede oder die Kornmühle war, liess sich aber nicht herausfinden.

Von all den Kanälen und Mauern ist heute kaum noch etwas zu sehen: Laut Kaspar Richner wurden die Befestigung zwischen 1833 und 1865 entfernt – eben mit Ausnahme des besagten Aussenmauer der Drahtzugschanze. Auch den Teichen ging es an den Kragen: Zuerst wurden sie teilweise überdeckt, zwischen 1906 und 1923 dann ganz aufgehoben. Mit der Elektrifizierung wurden sie allmählich obsolet.

Die Drahtzugschanze ist nicht der einzige Rest der Kleinbasler Stadtbefestigung: Zeugen davon sind auch der Pulverturm und der Kartäuser-Eckturm beim Waisenhaus. Ansonsten aber steckt die Stadtmauer vor allem im Untergrund – oder in Gebäuden selbst drin. Das ist etwa beim Pfründner-Refektorium des heutigen Museum Kleines Klingental der Fall. Auch bei der Kaserne kamen Reste davon zum Vorschein: In der Reithalle befindet sich ein Teilstück der Klingental-Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert. Doch von all dem soll vielleicht einmal bei einer nächsten Gelegenheit die Rede sein. Jedenfalls gibt es in Basels Untergrund und in versteckten Höfen noch einiges zu entdecken – seien es nun versteckte Erschliessungsgassen, Brunnwerke oder Fantasiewege.

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