gesichtet #25: Ghetto-Grill und Bier-Beförderer

Von Michel Schultheiss

Manche Gegenstände sind beliebter und multifunktionaler als man denkt. So auch der Einkaufswagen. Der eigentlich sehr banale und biedere Schubwagen mit selbstlenkenden Rädchen aus ebenso langweiligen Einkaufszentren ist für manche Leute dienlicher als manch ein anderes Spielzeug. So etwa bei Nacht – und Lausbubenstreichen: Wer hat nicht schon irgendwann einmal aus jugendlichem Übermut einen Einkaufswagen geborgt? Auch wenn er sich zum Rumprahlen weniger eignet als andere Mitbringsel wie etwa der Notfallhammer in Reisecars, so ist der Einkaufswagen ebenfalls ein Gegenstand, der hin und wieder mal von seinem angestammten Ort verschwindet.

Egal ob in staubigen Kellern, zugemüllten Hinterhöfen oder stadtnahen Flüssen und Wäldern – überall steht oder liegt irgendwo ein Einkaufswagen (Foto: smi).

Egal ob in staubigen Kellern, zugemüllten Hinterhöfen oder stadtnahen Flüssen und Wäldern – überall steht oder liegt irgendwo ein Einkaufswagen (Foto: smi).

Was verspielte Diebe alles damit anstellen können, übersteigt die eigentliche Funktion des Rumkarrens von Waren. So kann man die rollende Weiterentwicklung des Einkaufskorbs für halsbrecherische Seifenkistenrennen benutzen. Weniger Risikofreudige pflegen das Vehikel unbemannt Parkhaus-Rampen oder Steilhänge hinunterzuschubsen. Auch die etwas grösser gewordenen Kinder wissen durchaus etwas mit dem beförderbaren Drahtkorb anzufangen: Zur Bier- und Boxenbeförderung bei illegalen Partys und sonstigen Feierlichkeiten im Freien eignet er sich vorzüglich. Auch fand laut Hörensagen der Einkaufswagen schon als Grillrost Verwendung. «Ghetto-Grill» soll diese Spontanerfindung heissen. Dabei ist das Mehrzweck-Objekt preisgünstig: Mit einem Zweifränkler ist man dabei.

Daher erstaunt es nicht, dass man landauf landab immer wieder auf Einkaufswagen trifft. Egal ob in staubigen Kellern, zugemüllten Hinterhöfen oder stadtnahen Flüssen und Wäldern – überall steht oder liegt irgendwo ein Einkaufswagen. Selbst im Freihandmagazin der Basler Uni-Bibliothek ist einer zu sehen. Und bei den Aufräumarbeiten nach der Fasnacht kamen zwischen Räppli, Kartonschachteln und Orangen auch etliche davon zum Vorschein, die vorher wohl als rollende Barbetriebe gedient haben.

So ähnlich wird es wohl auch diesem im Wald gesichteten Exemplar ergangen sein. Trotz winterlichen Temperaturen muss dort ein üppiges Gelage im Gange gewesen sein. Einsam steht er am Tag danach mit den Überresten des berauschenden Festes im Gehölz. Gesichtet wurde er bei einer der überdachten Grillstelle in den Langen Erlen. Der gut besuchte Rastplatz des Basler Naherholungsgebietes wurde übrigens letztes Jahr während Monaten von einem Outdoor-Freak bewohnt. Zudem treibt sich dort des Öfteren eine herrenlose weisse Katze rum. Wie die Döner-Treppen des Kohlenbergs und die Zierweiher-Burg erfreut sich auch dieser Ort grosser Beliebtheit für Schlemmereien und Umtrünke. Sowohl Fasnachtscliquen bei der Marschübung wie auch grillende Familien und biertrinkende Vorstadtgangs suchen ihn oft auf. Es ist daher kein Wunder, dass auch längst die obligaten Einkaufswagen ihren Weg dorthin gefunden haben.

Einige Gedanken zu “gesichtet #25: Ghetto-Grill und Bier-Beförderer

  1. flo

    Ei ei, ein Kulturmagazin, welches die Jugend zu einer solchen Party- und Diebeskultur verleiten will! ;)
    Noch ein Tipp: Beim Ghetto-Grill muss vor dem Anfeuern noch der Plastik-Kindersitz entfernt werden.


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