Netzbuch (1–4)

2. Das Buch im Kopf

Wo soll es langgehen, Bücher? Weiter in Regalen rumstehen und Staub ansetzen, oder doch lieber flügge werden und in eine farbigere Zukunft fliegen? Solcherlei Flugmanöver macht euch jedenfalls kein Tablet oder eBook-Reader nach. Wohin sich digitalen Bücher erst noch träumen müssen, da seid ihr seit Jahrhunderten heimisch: Das Land «Libraria», die unstillbare Lust, an endlosen Regalen vorbei durch endlose Flure zu gehen, Staub in der Nase und Tausende Datenträger, fein säuberlich aufgereiht, entlangflanieren. Solch körperliche Lust wird das WWW nie produzieren. Und doch, Obacht, liebe Bücher: Letzten Endes seid auch ihr zuerst einmal Datenträger! (Foto: www.lucianhunziker.com).

Das Buch ist seine eigene Metapher. Was auf der Buchseite steht, bestimmen technische Eingriffe, die nicht in Harmonie stehen müssen zum Proto-Buch, zum Manuskript – zum Buch im Kopf. Ein Buch existiert immer doppelt. Bücher schreiben hat Glanz, Kapitel schreiben nicht. Kapitel als Bücher und Gebärvorrichtungen; ungeschriebene Bücher, unmögliche Bücher. (Foto: www.lucianhunziker.com).

Ein Buch ist demnach dasselbe. Dieses Buch und kein anderes. Das gilt seltsamerweise für das eine Leseexemplar, das ich besitze, genauso wie für das geschriebene Buch, das in Hunderten oder Tausenden von Exemplaren existiert. Demnach gibt es unterschiedliche Weisen, ein Buch zu zerstören. Das wundert nicht, weil die Sprache des Buches, die Weise, in der man über das Buch redet, in weiten Teilen doppelsinnig ist. Das Buch ist die Metapher des Buches. Ein Buch wird geschrieben und dann gesetzt: eine klare Abfolge, eine klare Ordnung unterschiedlicher Handlungen. Weit gefehlt: der Autor selbst beharrt darauf, seine Worte (nicht Wörter) zu setzen. Was auf der fertigen Buchseite steht, bestimmt der Umbruch, also ein technischer Eingriff, der den Text nicht verändert, nicht verändern darf, wenn er nicht sinnentstellend wirken soll. Doch der Autor, unbekümmert um solche Selbstverständlichkeiten, reiht Seite an Seite. Und so geht es fort. Warum macht er das? Was veranlasst ihn zu diesem Tun? Die Form des Manuskripts? Ist das Manuskript eine Art Proto-Buch, in dem das Buch seine erste Realisation erfährt? Mag sein. Aber wichtiger ist das Buch im Kopf, und das ist das gesetzte.

Das Buch im Kopf ist ein gegliedertes. Es fügt sich nach Seiten, Abschnitten, Kapiteln, selbst Büchern: ein Widerspruch, der keiner ist, weil das Buch immer doppelt existiert. Diese Doppelung lässt sich nach Belieben fortführen, weil nicht einfach das gedruckte Buch auf das geschriebene verweist, sondern ebenso das geschriebene auf das gedruckte et vice versa. Ein Spiel, das sich nach Bedarf weiter treiben lässt. Insofern das Kapitel selbst ein Gefüge ist, hat es das Zeug zu einem Buch. Das mag sein oder nicht, aber es ist nicht gefragt. Als Kapitel fügt es sich in die Ordnung des Buches, wird Teil eines Gefüges. Es ist veränder-, vielleicht sogar austauschbar: das ändert nichts daran, dass es in ein und demselben Buch fungiert. Das Buch existiert dann in unterschiedlichen ‹Fassungen›. Natürlich kann ein Leser, der beide Fassungen kennt, sagen, es sei nicht mehr dasselbe Buch. Damit drückt er ein Urteil aus. Mag sein, die alte Fassung hat ihm gefallen und die neue gefällt ihm. Er muss also sein Urteil über das Buch revidieren. Das fällt ihm leichter, wenn er die Identität des gelesenen Buches bestreitet.

Eine Redeweise? Vielleicht. Aber auch eine Lese-Weise: das ganze Buch hat sich durch eine Hinzufügung, eine Weglassung, eine Auswechslung im Text verändert. Das und nichts anderes meint die Wendung, ein Buch sei nicht mehr dasselbe. Brächte man dem Leser alle Abweichungen zur Kenntnis, dann würde er sagen, das sei interessant, aber eigentlich interessiere ihn nicht, wie der Autor es gemacht habe. Wichtig sei, dass im Ergebnis ein anderes Buch herausgekommen sei. Ein anderes Buch: eine andere Buchpersönlichkeit. Man kennt sie oder man kennt sie nicht. Wer nicht weiss, wovon der andere redet, mag, was da geschrieben steht, in- und auswendig kennen, aber das Entscheidende ist ihm entgangen und der Gesprächspartner, der es vielleicht nur flüchtig überflogen hat, ist mit ihm auf und davon. Das klingt, als handle es sich um ein soziales Spiel. Das ist es wohl auch. Aber es bedeutet nicht viel, weil der, der es spielt, im Prinzip den Autor auf seiner Seite hat.

Ein Mensch verfügt über eine Reihe von Gedanken, von Erfahrungen, Kenntnissen und so weiter, er besitzt gewisse Fähigkeiten der Wiedergabe, er weiss, wie er sie zur Sprache bringt, er hat sie in verschiedenen Publikationen mitgeteilt, er könnte sich zurücklehnen und mit sich zufrieden sein. Aber er will dieses Buch schreiben, er will noch dieses Buch schreiben, er will, was er zu sagen hat, in diese Ordnung stellen, ihm diese Gestalt verleihen, es in dieser konkreten Weise materialisieren. Natürlich will er bei dieser Gelegenheit auch etwas Neues mitteilen, etwas, das ihm wichtig erscheint und das er bisher nicht in dieser Form artikuliert hat. Das mag richtig und sogar wichtig sein, aber es ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass er ein Buch schreiben will.

Dieses Buch verändert sein Leben, es wird neben dem seinen ein eigenes, unabhängiges, auf sein Leben zurückstrahlendes Dasein führen, das möchte er sich nicht entgehen lassen. In seinem Leben ist noch Raum für ein Buch, deshalb will er es schreiben.

Ein Kapitel hat keine Persönlichkeit, es ist keine Persönlichkeit, es passt zur Persönlichkeit des Buches, in dem es steht, es trägt zu ihm bei, es dient einem Zweck, und sei es der, Kapitel eines Buches zu sein, das notwendig aus Kapiteln besteht. Ein Kapitel schreiben hat keinen Glanz, ein Buch schreiben hingegen schon. Das Kapitel ist das notwendige Übel, durch das einer hindurch muss, damit ein Buch entsteht. Wer ein Buch schreibt, verbringt seine Zeit damit, Kapitel zu schreiben, die ihn vielleicht langweilen, weil sie nicht das enthalten, um das es ihm geht, aber geschrieben werden müssen, damit man versteht, worum es ihm geht. Das Kapitelschreiben ödet ihn an, nur der Gedanke, dass er ein Buch schreibt, treibt vorwärts und beflügelt ihn. Auch das Umgekehrte ist denkbar: dass ein Buch um eines Kapitels willen geschrieben wird. Dann ist das Kapitel das wirkliche Buch und das Buch eine Gebärvorrichtung, die es hervor und schliesslich unter die Leute bringt. Vielleicht ist es das Kapitel eines ungeschriebenen Buches, das zu schreiben dem Autor aus dem einen oder anderen Grund verwehrt ist, vielleicht eines unmöglichen Buches. Das weiss niemand so genau.

Lesen Sie weiter auf Seite 3.

4 Gedanken zu “Netzbuch (1–4)

  1. flo

    Jorge Luis Borges hätte sich wohl für den folgenden Gedankengang interessiert:

    «Andererseits geht sein (ebenfalls dynamisches) Verweissystem so sehr über alles hinaus, was die ausgeklügeltste Bibliothek zu leisten vermag, dass sich auch diese Analogie verbietet.»

    Inwiefern kommt das Netzbuch der «Bibliothek von Babel» nahe?

  2. Workaholic

    Es würde mich interessieren, wie der Verfasser zur Thematik Leistungsurheberrecht steht.

    Wie und warum etwa sollen WWW-Distributoren den klassischen Verlagen überlegen sein, so lange es ein Ding der Unmöglichkeit ist, seine WWW-Texte ordentlich zu schützen und wenigstens ein bisschen Geld dafür zu bekommen?

    Bei klassischen Verlagen ist wenigstens klar, die Bücher werden im Laden gekauft und nicht fotokopiert und irgendwo als Datei ins Netz gestellt …

  3. Ulrich Schödlbauer

    Die Verrechtlichung des Internet und die Durchsetzung der Autorenrechte in diesem Medium wurden von mir nicht behandelt. Generell dürfte ein Plagiat oder eine Raubkopie im Netz leichter erkennbar zu sein, wenn die authentische, vom Verfasser freigegebene Publikation ebenfalls im Netz steht. Dass Verlage ihre Rechte auch im Internet, selbst auf internen Plattformen, energisch durchzusetzen wissen, haben sie bereits bewiesen. Die Frage an die Zukunft wäre daher, was unter WWW-Distributoren zu verstehen ist und welche Leistungen sie mit den Autoren aushandeln. Das steht natürlich in engem Zusammenhang mit den Verdienstmöglichkeiten im Netz und ihrer Ausgestaltung.

  4. gsz

    Wo alleiniger Besitz und daraus resultierende Abgeltung illusorisch sind, muss man wenigstens die Top-Domains, auf welchen eigene Inhalte erscheinen, selbst gestalten und kontrollieren.

    Wenn Google schon alles, was ich jemals schrieb, zusammenträgt, will ich wenigstens die Ursprungsquelle gestalten und kontrollieren.

    In dem Sinn wären WWW-Distributoren Fürsprecher der AutorInnen, Plattformen der Sichtbarkeit und des Sichtbarbleibens, zugleich ’sichere Häfen‘, in denen man vor den Zumutungen des Betriebs ein Stück weit in Sicherheit ist, wo der künstlerische Anspruch mehr Gewicht hat als vorauseilende Anpassungen an Lektoren und Agentinnen.


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